zum Hauptinhalt
Kann ein Gedanke überhaupt Eigentum sein? Auch um solche philosophischen Fragen dreht sich die Urheberrechtsdebatte.

© dpa

Urheberrechtsdebatte (2): Mehr Freiheit!

Von einer Kultur des Teilens profitieren alle. Eine Streitschrift dafür, im digitalen Wandel eine Chance zu sehen.

Zwei Autoren legen ihre Position in der aktuellen Urheberrechtsdebatte dar. Lesen Sie hier die Gegenposition von Ernst Piper.

Die Welt ist im Wandel: Filme, Musik, Computerspiele, aber auch Bücher werden längst nicht mehr nur bei Saturn, Media Markt oder in Buchläden gekauft, sondern online, vom Sofa aus, per Smartphone oder Laptop. Ein Trend, der sich fortsetzen wird, egal wie sehr manche Branchen nicht bereit sind, ihre alten, ausgetretenen Pfade zu verlassen.

Statt also dem Schwinden des Alten nachzutrauern, sollte man im Wandel lieber eine Chance sehen. Onlineshops und das Internet haben 24 Stunden lang geöffnet, Konsumenten sparen Spritkosten, Parkgebühren und jede Menge Zeit. Der Welt, die wir verlassen, ist auch im Hinblick auf die Buchbranche nicht nachzutrauern: Statt Perfektion kommt zunehmend Redundanz auf den Markt. Das heutige Verlags- und Buchhandelswesen ist mitnichten ein Garant der Vielfalt: Selbst Buchhändler beschweren sich heute darüber, dass sie nicht mehr selbst entscheiden können, was sie in ihrem Laden führen, sondern dass sie nicht zuletzt wirtschaftlicher Druck dazu zwingt, den hundertsten Vampirroman ins Sortiment zu nehmen.

Weitaus entscheidender ist indes, welche neuen Chancen Smartphones und Tablet-PCs für Künstler und Autoren eröffnen. Sie ermöglichen völlig neue Wege des Storytellings. Ganz neue Arten, Kunst zu gestalten. Als Autor eines Buches kann man Kapitel mit Songs unterlegen, Soundeffekte hinzufügen. Bereits vor Jahren habe ich davon geträumt, einen Roman multimedial aufwerten zu können. Mithilfe von iPhone und iPad ist das nun möglich geworden.

Was es im Computerspielesektor bereits gibt, entwickelt sich derzeit im Netz auch für Erzählungen: eine freie Szene, deren Produkte oft liebevoller gestaltet sind als die der großen Vermarkter. Davon profitieren alle! Die Leser bekommen mehr Auswahl und das sogar zu einem niedrigeren Preis – weil keine Grossisten mehr mitverdienen. Die Künstler können daher besser von ihrer Arbeit leben. Lektoren und Grafiker bekommen ihren Anteil, da sie freiberuflich für den Autor arbeiten können und keine Zwischeninstanz mehr mitfinanzieren müssen. Die Verlage sind die einzigen, die in Zukunft leer ausgehen werden, wenn sie den Wandel weiterhin aufzuhalten versuchen, statt ihn mitzugestalten.

"Raubkopierer" gibt es nicht.

Dazu gehört auch, dass man aufhört, eine ganze Kultur des Teilens zu kriminalisieren. Für mich gibt es keine Raubkopierer. Mir als Autor sind meine Leser wichtig. Ich unterteile diese nicht in zwei Gruppen. Natürlich freue ich mich, wenn jemand dazu bereit ist, für meinen Roman Geld auszugeben. Aber seien wir ehrlich: Wir alle haben uns daran gewöhnt, dass kulturelle Güter – Texte, Musik und Videos – frei im Netz verfügbar sind. Niemand möchte das mehr missen. Es ist zu einem Teil unserer Kultur geworden... und das ist auch gut so!

Es ist das größte Lob für einen Künstler, kopiert zu werden. Manch einer meiner Leser hat sich den Roman erst illegal gezogen und dann nachträglich gekauft, auch darüber freue ich mich, es genügt aber auch ein Like auf Facebook, als unentgeltliche Anerkennung. Statt das multimediale eBook zu verteufeln und bei steigenden Spritpreisen das gedruckte Buch mit all seiner Vertriebslogistik wie einen heiligen Gral zu verteidigen, sollten wir uns lieber Mittel und Wege einfallen lassen, wie kreative Arbeit heute besser und sinnvoller honoriert werden kann – und sie zugleich jedem uneingeschränkt zugänglich zu machen. Micropaymentsysteme wie Flattr und Kachingle, bei denen Leser kleinere (und auch größere) Beträge per Mausklick spenden können, wären ein gangbarer Weg. Stattdessen weite Bevölkerungsteile zu kriminalisieren und auf Inhalte, deren kostenlose Verfügbarkeit üblich geworden ist, plötzlich wieder ein Preisschild zu kleben, ist schlichtweg Irrsinn und ein Rückschritt in die Steinzeit.

Christoph Schneider ist gelernter Spieleentwickler. Sein 2011 erschienener multimedialer Fantasyroman „Der Erbe der Zeit. Der letzte Krieg – die letzte Liebe“ stand über Wochen auf Platz 1 aller Bücher-Apps im iTunes-Store. Bis heute erzielt die Roman-App Rekordverkäufe mit teilweise über 4000 neuen Lesern pro Tag zu einem Preis von 2,99 Euro.

Christoph Schneider

Zur Startseite

showPaywall:
false
isSubscriber:
true
isPaid:
showPaywallPiano:
false