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Michel Piccoli gestorben : Monsieur Cinéma ist tot

Er gehörte zu Europas bedeutendsten Charakterdarstellern: Häufig spielte Michel Piccoli an der Seite von Romy Scheider. Jetzt ist der Franzose mit 94 Jahren gestorben. Eine Galerie seiner Filme.

Michel Piccoli 2011 in Cannes, bei der Vorstellung von Nanni Morettis Papstfilm "Habemus Papam".
Michel Piccoli 2011 in Cannes, bei der Vorstellung von Nanni Morettis Papstfilm "Habemus Papam".Foto: imago images/PanoramiC/ LOICTHEBAUD

Er war ein Charmeur, ein feiner Ironiker, ein Melancholiker, er hat die unergründlichen Künstler ebenso verkörpert wie verschlagene, mit allen Wassern gewaschene Gangster: Die französische Schauspiel-Legende Michel Piccoli ist tot. Er starb im Alter von 94 Jahren am 12. Mai an den Folgen eines Schlaganfalls, wie die französische Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf eine Mitteilung der Familie berichtete. Er soll in den Armen seiner Frau Ludivine Clerc und seiner Kinder Inord und Missia aus dem Leben geschieden sein, heißt es in der Mitteilung weiter.

Mehr als 60 Jahre stand Michel Piccoli vor der Kamera und auf der Bühne. Er hat in über 220 Filmen mitgewirkt und in zahlreichen Rollen auch auf den Theaterbühnen gestanden, unter anderem unter Regie von Robert Wilson, Luc Bondy Peter Brook.

Er war eine Zeit lang mit Juliette Greco verheiratet

Seit langem zählt er zu Frankreichs bedeutendsten Charakterdarstellern. Zu seinen bekanntesten Kinowerken zählen Klassiker wie Luis Buñuels „Tagebuch einer Kammerzofe“ und „Der diskrete Charme der Bourgeoisie“, Jean-Luc Godards "Verachtung" mit Brigitte Bardot und Marco Ferreris „Das große Fressen“. International berühmt wurde er mit der Rolle des Schriftstellers Paul in "Die Verachtung".

Eine seiner berühmtesten Rollen: Michel Michel Piccoli in "Das große Fressen", 1973.
Eine seiner berühmtesten Rollen: Michel Michel Piccoli in "Das große Fressen", 1973.Foto: imago images/United Archives
Brigitte Bardot und Michel Piccoli während der Dreharbeiten zu Godards Film "Le Mépris - Die Verachtung"
Brigitte Bardot und Michel Piccoli während der Dreharbeiten zu Godards Film "Le Mépris - Die Verachtung"Foto: imago images/Granata Images

Immer wieder hat Michel Piccoli die nonchalanten Vertreter der Bourgeoisie gespielt, aber auch einen grunzenden Proletarier und Mörder in "Themroc", der Polizisten am Spiel brät - der Film verzichtet auf Dialoge. Er hat Priester, Theaterleute, Schriftsteller, große Liebhaber und Künstler in der Krise verkörpert, wie 1991 in Jacques Rivettes "Die schöne Querulantin". Einer seiner wichtigsten Regisseure sollte in den späten Sechziger- und Siebzigerjahren Claude Sautet werden.

In Sautets "Das Mädchen und der Kommissar" spielt Piccoli an der Seite von Romy Schneider.
In Sautets "Das Mädchen und der Kommissar" spielt Piccoli an der Seite von Romy Schneider.Foto: imago images/United Archives
In Sautets "Die Dinge des Lebens" ist Michel Piccoli an der Seite von Romy Schneider zu sehen.
In Sautets "Die Dinge des Lebens" ist Michel Piccoli an der Seite von Romy Schneider zu sehen.Foto: imago images/United Archives

Auch den Papst hat Piccoli dargestellt, 2011 in "Habemus Papam" von Nanni Moretti, seine letzte große Hauptrolle. "Ich habe keine Sehnsucht nach Gott, sie ist mir völlig fremd", sagte er anlässlich des Papstfilms im "Zeit"-Interview. Er brauche Gott nicht, um das Leben zu verstehen oder um es lieben zu können. Und dass er noch so lange wie möglich leben wolle, "weil mich das Leben mit all seinen Komplikationen immer noch ungeheuer amüsiert."

In "Habemus Papam" (2001) spielt Michel Piccoli einen Papst, der ausbüxt, weil er zu viele Manschetten vor seinem Amt hat.
In "Habemus Papam" (2001) spielt Michel Piccoli einen Papst, der ausbüxt, weil er zu viele Manschetten vor seinem Amt hat.Foto: imago images/Milestone Media

Mit allen Großen des Weltkinos spielte und drehte der 1925 in Paris geborene Schauspieler. Außer Buñuel, Sautet und Godard holten ihn auch Regisseure wie Alfred Hitchcock ("Topas"), Costa-Gavras und Manoel de Oliveira ("Belle toujours") vor die Kamera. Zu seinen Leinwand-Partnerinnen gehörten neben Bardot auch Leinwandstars wie Catherine Deneuve, Sophia Loren, Jeanne Moreau und Ornella Muti. Häufig trat er auch an der Seite von Romy Schneider auf. Mit ihr zusammen drehte er „Trio Infernal“, „Die Dinge des Lebens“ und „Die Spaziergängerin von Sans-Souci“. Piccoli war mehrmals verheiratet, unter anderem mit der französischen Chansonsängerin Juliette Gréco.

Piccoli und Regisseur Jean-Luc Godar 1982 bei den Filmfestspielen in Cannes, bei der Vorstellung von Godards "Passion" .
Piccoli und Regisseur Jean-Luc Godar 1982 bei den Filmfestspielen in Cannes, bei der Vorstellung von Godards "Passion" .Foto: AFP/Ralph Gatti
Michel Piccoli beim 66. Filmfestival in Cannes, 2013.
Michel Piccoli beim 66. Filmfestival in Cannes, 2013.Foto: imago images/PanoramiC/Loic Thebaud

Vor allem beim Filmfest Cannes war er ein gerne und häufig gesehener Gast, dort wurde er mit den meisten seiner Filme gefeiert und 2007 außerdem in die Wettbewerbsjury berufen.

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Immer nonchalant. Michel Piccoli in "La ultima donna" von Marco Ferreri, 1976.
Immer nonchalant. Michel Piccoli in "La ultima donna" von Marco Ferreri, 1976.Foto: imago images/Prod.DB

Piccoli war der Sohne einer Musikerfamilie italienischer Herkunft, die bereits in den Generationen zuvor nach Paris gewechselt war. Sein Vater war Violinist, seine Mutter Pianistin. Nach seiner Schauspielausbildung stand er zunächst auf den Theaterbühnen der französischen Hauptstadt und war eine Zeitlang auch Direktor eines kleineren Theaters. Auf der Bühne hatte er unter anderem in Arthur Schnitzlers Tragikomödie „Das weite Land“, die Luc Bondy mit Piccoli auch verfilmte.

Der französische Schauspieler Michel Piccoli (1925-2020).
Der französische Schauspieler Michel Piccoli (1925-2020).Foto: Reuters

Sein Spektrum war in der Tat riesig, vom romantischen Verführer bis zum kalten Zyniker, er passte nie in ein schabloniertes Rollenfach, wusste zu überraschen, wahrte immer auch eine Aura, ein Geheimnis. Zu den zahlreichen Ehrungen, die ihm zuteil wurden, zählen neben einem Silbernen Bären auch Darstellerpreise in Cannes und auf etlichen weiteren Festivals sowie der Ehrenpreis bei der Verleihung der European Film Awards 2001. Und Agnès Varda, die 2019 verstorbene Grande Dame der Nouvelle Vague, hatte einmal über ihn gesagt, er verstehe es, seine Kunst zu verbergen, weil er die Gabe habe, sie sparsam einzusetzen. In Vardas Kino-Geburtstagsfilms "100 und eine Nacht" hatte Piccoli eine noch wichtigere Figur gespielt als den Papst: Monsieur Cinéma, das Kino persönlich. (Tsp/dpa)

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