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Michelle Obama auf dem Cover ihres Bestseller, „Becoming“.
© Michael Donhauser/dpa

Leider ein Reinfall: Michelle Obama erzählt ihre Story für Kids

Die Ex-First-Lady will mit „Becoming. Erzählt für die nächste Generation“ den Nachwuchs inspirieren. Nur fehlt dem Kinderbuch der Zauber des Originals.

Von Susanna Nieder

Die ganze Welt war elektrisiert, als Michelle Obama Ende 2018 „Becoming“ veröffentlichte. Mitten in der Amtszeit von Donald Trump wirkten die Lebenserinnerungen der vormaligen First Lady für viele wie ein Hoffnungsschimmer, dass sich die Welt doch wieder dem Guten zuwenden könnte.

Alles wollte man wissen – wie die Obamas sich kennengelernt haben, wie ihr Weg ins Weiße Haus verlief, wie Michelle Obama es geschafft hat, in der eher miesen Rolle als „Frau an seiner Seite“ eine eigenständige Botschafterin für Gleichberechtigung, ja Ebenbürtigkeit zu werden.

Schon als First Lady war es ihr wichtig, Kinder und Jugendliche zu stärken. Gerade denjenigen, die es als Angehörige von Minderheiten und unterprivilegierten Schichten schwerer haben, will sie mit auf den Weg geben, dass das ganze Leben ein Werden ist und jeder Mensch immer weiter seinen Weg finden muss.

Mit diesem Anliegen ist diese Woche „Becoming. Erzählt für die nächste Generation“ veröffentlicht worden. In der überarbeiteten Fassung mit neuem Vorwort will die Autorin ihr Leben so erzählen, dass die jugendliche Leserschaft sich angeregt fühlt, über die eigene Geschichte nachzudenken.

Das klingt gut, denn wer auch nur einen der vielen Youtube-Clips mit Michelle Obama gesehen hat, weiß: Diese Frau rockt. Ihr Rhythmus ist cooler und ihre Haltung viel zugewandter als bei anderen Promis. Kaum jemand ist so präsent und schlagfertig wie sie, und selbst beim Abgrölen im Auto ist sie die Liebenswürdigkeit selbst. Wer könnte bei Jugendlichen mehr Glaubwürdigkeit haben?

Langatmig und redundant

Nur, dass sich davon im Buch nichts wiederfindet. Wie konnte das nur passieren? Nach einem freundlichen Vorwort kommen Ausführungen über die Kindheit in South Side, dem Stadtteil von Chicago, der immer mehr herunterkam. Die Klavierstunden bei Tante Robbie. Die Familie, die Grundschule, die weiterführende Schule. Dann die Uni, der Job als Anwältin, das erste Treffen mit Obama. Die Freundschaft, bevor die Liebe begann. Und so weiter.

[Michelle Obama:  Becoming. Erzählt für die nächste Generation. Übersetzt von Heike Brillmann- Ede, Harriet Fricke u. a. cbj, München 2021. 608 S., 20 €. Ab 13 Jahren.]

Langatmig wirkt das und oft redundant. Wer genau soll das lesen? Der deutsche Verlag empfiehlt das Buch ab 13, in den USA hält man es sogar schon für Neunjährige geeignet. Schwer zu begreifen, wie diese ungewöhnliche Frau in einer Herzensangelegenheit ein so unspannendes Buch abliefern konnte. Man hätte kürzen und zuspitzen müssen, stattdessen: 608 Seiten, auf denen den jugendlichen Leser:innen außerhalb der USA keinerlei Einordnung angeboten wird.

Obama wollte nie polarisieren

Rückfragen an meinen 15-jährigen, an Politik interessierten Sohn, der seine MSA-Präsentation immerhin über die Bedeutung der Südstaatenflagge macht, ergeben: Die Jackson Five? Kennen wahrscheinlich die meisten in seiner Klasse. Ihre Musik? Eher nicht. Jazz? Ey, komm. Barack Obama? Schon. Michelle Obama? Na, seine Frau halt.

Da wäre es nicht verkehrt gewesen, man hätte eine gut verständliche Übersicht über die politische und kulturelle Situation der Schwarzen in den USA dazugestellt. Und den Text so gekürzt, dass nicht die überaus detailreichen Ausführungen über den frühkindlichen Klavierunterricht mehr Platz einnehmen als die von haarsträubender Ungerechtigkeit geprägten Lebensgeschichten von Michelle Obamas Großvätern und Onkeln, die aufgrund ihrer Hautfarbe nie qualifizierte Berufe ausüben durften.

Obama ist eine inklusive Persönlichkeit, es war nie ihre Absicht, zu polarisieren. Doch ihr Ansatz, Erfahrungen von Ausgrenzung und Rassismus wie nebenbei zu erzählen, setzen bei der angestrebten Leserschaft Kenntnisse voraus, die sie eben durch dieses Buch erst gewinnen würde.

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Und welche jungen Leser:innen sind bereit, sich durch die in epischer Breite erzählte Beziehungsgeschichte der jungen Obamas zu arbeiten, bis Barack auf Seite 283 endlich als demokratischer Kandidat für die Kongresswahlen antreten will? Mein 15-jähriger Sohn ganz sicher nicht.

So muss man, bei aller Sympathie für Michelle Obama und ihre Mission, leider sagen: Dieses Buch funktioniert vielleicht bei der Fanbase in den USA. Dass die hiesigen Jugendlichen ganz woanders abgeholt werden müssten, scheint jedoch niemandem eingefallen zu sein. Das ist schade, weil Michelle Obama ja sehr viel über Diversität, Gerechtigkeit und Selbstermächtigung zu sagen hat.

Wer seinen Teenagern diese Frau nahebringen will, soll sich lieber die Netflix-Doku „Becoming“ mit ihnen anschauen. Da ist er sofort da, der Sound von Michelle Obama. Die Musik, die in ihrem Leben eine so große Rolle spielt, spricht für sich, die Bilder ihrer Kindheit werden lebendig, die Szenen von Lesereisen und Gesprächsrunden zeigen, warum sie eine solche Hoffnungsträgerin ist. Bei meiner 13-jährigen Tochter war der Film ein Volltreffer.

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