• Mit 500 Millionen Euro fast ein Schnäppchen?: Das Naturgesetz explodierender Baukosten greift auch beim Museum der Moderne in Berlin

Mit 500 Millionen Euro fast ein Schnäppchen? : Das Naturgesetz explodierender Baukosten greift auch beim Museum der Moderne in Berlin

Wenn für die Kultur gebaut wird, explodieren oft die Kosten. Nicht nur in Berlin versperren irre Summen den Blick auf das Wesentliche dahinter.

Sicht vom Scharounplatz auf das Museum der Moderne.
Sicht vom Scharounplatz auf das Museum der Moderne.Foto: Herzog & de Meuron

Um den Museumsneubau am Berliner Kulturforum wird heftig gestritten. Anfangs ging es beim Museum der Moderne -  oder auch Museum des 20. Jahrhunderts - um den Standort, jetzt um das Geld. Ursprünglich waren einmal 200 Millionen Euro aufgerufen, inzwischen liegen die Baukosten wohl doppelt so hoch.

Und es gibt auch Kritiker des Entwurfs von Herzog & de Meuron, die das geplante Objekt jetzt schon für verfehlt halten. Allerdings lässt es sich momentan nur an Modellen und Visualisierungen beurteilen – und das Schweizer Architektenbüro ist nicht nur weltweit gefragt, sondern schreibt in der Regel auch Erfolgsgeschichten, wie zum Beispiel in London bei der Erweiterung der Tate Modern oder in Hamburg mit der Elbphilharmonie; auch da waren die Kosten stetig gestiegen.

Deshalb lohnt in der Berliner Auseinandersetzung der Blick in andere deutsche Städte.

Mehr Geld für das Museum der Moderne – Berlin ist nicht allein

So sieht eine Machbarkeitsstudie zur Renovierung der Städtischen Bühnen in Frankfurt am Main Kosten von 700 Millionen vor, eine andere kommt auf 900 Millionen Euro. Die ebenfalls pflegebedürftige Oper in Köln braucht um die 570 Millionen Euro. Es geht noch höher: Aus Stuttgart kam die Nachricht, dass die Sanierung der Staatsoper dort rund eine Milliarde Euro erfordert. Da war die Berliner Staatsopern-Baustelle mit deutlich unter einer halben Milliarde doch recht günstig. Die Komische Oper ist auch bald dran.

Die Aufzählung zeigt, dass es offenbar ein Naturgesetz ist: Baukosten bei Kulturprojekten steigen häufig, am liebsten explosiv. Darauf jedenfalls kann man sich verlassen. Killersummen schwirren durch den Raum.

Auch nicht ganz billig. Die Sanierung der Städtischen Bühnen Frankfurt soll 700 Millionen oder gar 900 Millionen Euro kosten.
Auch nicht ganz billig. Die Sanierung der Städtischen Bühnen Frankfurt soll 700 Millionen oder gar 900 Millionen Euro kosten.Foto: dpa

Nun wird, wie es aussieht, auch das Humboldt-Forum, das stets als Musterobjekt im Zeit- und Kostenrahmen galt, möglicherweise rund 50 Millionen Euro teurer. Das Museum der Moderne in Berlin könnte am Ende bei 450 Millionen Euro landen, oder auch noch bei noch mehr, wie Gegner des Projekts argwöhnen.

Das Projekt am Kulturforum, entworfen von Herzog & de Meuron, geht am heutigen Donnerstag in die Bereinigungssitzungen des Haushaltausschusses des Bundestags und Ende November ins Plenum. Das Museum der Moderne steckt im Haushalt der Kanzlerin. Die Anschubfinanzierung ist beschlossen, auch die weiteren Tranchen. Man kann sich kaum vorstellen, dass es zu einem Halt kommt.

Auch Bauten für die Kultur gehören zur Infrastruktur

Dass Herzog & de Meuron in Berlin bauen, könnte Anlass sein für Neugier und Freude. Allein, den Architekten geht der Ruf der Teuerung voraus, siehe Elbphilharmonie in Hamburg. Doch gerade dort ist es am Ende gut ausgegangen, das Bauwerk strahlt weit über die Hansestadt hinaus, eine echte Landmark. Wovon Berlin wenige besitzt.

Zeitgenössische Architektur in der Hauptstadt ist nicht vorhanden oder zaghaft und rückwärtsgewandt, siehe Humboldt-Forum.

Es geht hier aber nicht nur um Kulturbauten. Man mag ja schon gar nicht mehr über den Flughafen BER nachdenken, die unfassbare Kostenexplosion und der absurde Verzug erzeugen schon lange nur noch Sprachlosigkeit und ohnmächtige Wut. Ähnliches gilt für den Bahnhof Stuttgart 21. Bei Milliarden über Milliarden verlässt einen das Vorstellungsvermögen, es tut irgendwann nicht mehr weh.

Blick vom Haupteingang des Museums der Moderne nach Süden.
Blick vom Haupteingang des Museums der Moderne nach Süden.Foto: Herzog & de Meuron

Kulturbauten geraten dann schnell in die Kritik. Wer geht in die Oper, ins Museum – und wer fliegt in den Urlaub und steigt in die Bahn? Der Verkehr betrifft nun einmal mehr Menschen. Aber auch von den Häusern der Kultur leben die Städte, sie gehören zur Infrastruktur. In Berlins Mitte bestimmen Humboldt-Forum, Lindenoper, Museumsinsel, Deutsches Historisches Museum und Humboldt-Universität das Bild. Sie machen zu großen Teilen das Leben hier aus.

Politiker müssen bei großen Kulturprojekten ehrlicher mit den Zahlen umgehen

In vielen deutschen Städten sind die Theater und Museen, wie in Schwerin, das Zentrum. Wie positiv hat das, mit privatem Geld finanzierte, Museum Barberini die Potsdamer Innenstadt verändert. Bauten für die Kultur prägen das gesamte Umfeld. Deshalb bekommt das Museum der Moderne so viel Aufmerksamkeit. Denn es zieht die anderen bedeutenden Bauten am Kulturforum mit – herauf oder herunter. Das Kulturforum wartet seit vielen Jahren auf einen Befreiungsschlag.

Die Kostenfrage bleibt. Sie bleibt ein Albdruck. Politiker müssen bei großen Kulturprojekten ehrlicher mit den Zahlen umgehen, wie es jetzt beim Museum der Moderne versucht wird, allerdings ziemlich spät. Wer Stararchitekten beauftragt, kennt das Risiko. Wenn der Eindruck entsteht, der Staat verschlampe unzählige Millionen, wachsen die Vorurteile. Kultur in Berlin ist traditionell niederschwellig, ein sehr hohes Gut. Irre Bausummen versperren den Blick auf das Wesentliche dahinter.

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