Mittelalter-Ausstellung "Gold & Ruhm" in Basel : Wo die dunkle Zeit leuchtet

Die prunkvollste Ausstellung des Jahres: „Gold & Ruhm“ bringt tausend Jahre nach Gründung des Basler Münsters die Ära von Kaiser Heinrich II. zum Strahlen.

Reliquienbüsten von Kaiser Heinrich II. und Kaiserin Kunigunde, um 1430/40.
Reliquienbüsten von Kaiser Heinrich II. und Kaiserin Kunigunde, um 1430/40.Diözesanmuseum Paderborn/Thomas Obermeier

Wahre Macht braucht keine Krone. Streng blickt Christus den Gläubigen entgegen. Sein Kopf ist von einem Nimbus umrahmt, den Saphire und Perlen schmücken. Die rechte Hand hat der Heiland zum Segensgruß erhoben, ihm zu Füßen liegen, kaum so groß wie Schoßhündchen, Kaiser Heinrich II. und seine Gattin Kunigunde. Klarer ließe sich die Rangfolge kaum darstellen, von der auch die Inschrift im Arkadenbogen oberhalb der Szene kündet, die Jesus als „REX REGVM ET D(omi)N(u)S DOMINATIV(m) preist, als „König der Könige und Herr der Herren“.

Durch Demut auftrumpfen

Der Kaiser unterwirft sich, allerdings nicht ohne selbst in dieser Demutsbekundung noch einmal aufzutrumpfen. Denn das Relief steht im Zentrum des Baseler Antependiums, einem aus Goldblech getriebenen, 120 Zentimeter hohen und 177 Zentimeter breiten Altarvorsatz, der den Betrachter schon in seiner puren Materialität überwältigt. Als der letzte Ottonenkaiser es vor tausend Jahren, im Oktober 1019, zur Weihe des Basler Münsters stiftete, lautete die Botschaft, dass es kein anderer weltlicher Fürst mit Heinrichs Prachtentfaltung aufnehmen könne. 5,5 Kilo Gold waren für das Kunstwerk verarbeitet worden, das nun, im feierlich abgedunkelten vorletzten Saal präsentiert, der Höhepunkt der Ausstellung „Gold & Ruhm“ ist, die das Kunstmuseum Basel zum Jubiläum ausgerichtet hat.

Irritierenderweise wird Christus auf dem Antependium nicht nur von den Erzengeln Gabriel, Rafael und Michael, sondern auch von Benedikt von Nursia flankiert, dem Gründer des gleichnamigen Mönchsordens. Der Legende nach konnte er Kranke wie ein Arzt heilen. Heinrich glaubte, ihm die Befreiung von seinen Gallensteinen zu verdanken. Weil aber im Basler Münster kein Altar für diesen Heiligen existierte, war die wohl aus Bamberg stammende Goldschmiedearbeit ursprünglich wahrscheinlich für eine andere Kirche bestimmt, etwa für das benediktinische Mutterkloster Montecassino in Mittelitalien.

Versteigert zum Spottpreis

Der Kaiser muss die Altartafel als Verlegenheitsgeschenk mit nach Basel genommen haben. So haben die Baseler sie dann auch behandelt. Nachdem sie vor den Bilderstürmern gerettet worden und anschließend jahrhundertelang in der Sakristei verschwunden war, wurde sie 1836 an einen Händler versteigert, von dem sie in die Sammlung des Musée de Cluny in Paris gelangte.

Gerade einmal 9000 Franken hat die Auktion erbracht, was einem heutigen Marktwert von 50 000 Franken entspricht. Das klingt wie ein schlechter Scherz, denn die Versicherungssumme für das aus Paris geliehene Stück dürfte im zweistelligen Millionenbereich liegen. In der Ausstellung ist das Goldrelief für kurze Zeit mit einer anderen Kostbarkeit aus der „Heinrichsgabe“ von 1019 wiedervereint, dem mit Edelstein, Perlen und Bergkristallen besetzten „Heinrichs-Kreuz“, das inzwischen dem Berliner Kunstgewerbemuseum gehört.

Angst vor der Apokalypse

„Gold & Ruhm“ ist sicher die prunkvollste Mittelalter-Ausstellung des Jahres, vielleicht auch die am klügsten kuratierte. Denn es geht um weit mehr als Lokalgeschichte. Entlang der 110 Exponate, die aus französischen, amerikanischen, schweizerischen und deutschen Museen stammen, entfaltet sich das ganze Panorama einer Epoche, die von Untergangsängsten beherrscht war und dennoch erstaunliche Entwicklungssprünge in Technik, Kunst und Wissenschaft erlebte. Die Apokalypse, so wie sie der Evangelist Johannes in seiner Offenbarung beschrieben hatte, schien unmittelbar bevorzustehen. Unklar war nur, ob sich das Strafgericht im Jahr 1000 oder 1033 ereignen würde – tausend Jahre nach Christi Geburt oder seinem Kreuzestod.

Für die Polarität von Glauben und Wissen stehen schon die beiden Stücke, mit denen die Schau beginnt. Eine überraschenderweise bereits kreisrunde Weltkarte, enthalten in einer Sammelhandschrift antiker Autoren aus dem 11. Jahrhundert, ist in fünf Klimazonen unterteilt, von denen nur die mittleren beiden, vom Äquatorialozean durchschnitten, als bewohnbar galten. Daneben hängt ein ungefähr gleichzeitig entstandenes Vortragekreuz aus dem Essener Domschatz, bei dem eine emaillierte Kreuzigungsszene mit Gemmen eingefasst ist, die ein Medusenhaupt und andere Gottheiten zeigen.

Rückgriff auf die Antike

In diesem Rückgriff auf die Antike zeigt sich auch ein politischer Machtanspruch. Heinrich träumte von der Wiedererrichtung des Imperium Romanum und sah sich als legitimer Nachfolger der römischen Kaiser.

Basel, das Heinrich mindestens dreimal besuchte, lag strategisch günstig im Dreiländereck zwischen Burgund sowie dem ost- und westfränkischen Reich. Es war kein Zentrum seiner Herrschaft, aber eine wichtige Durchgangsstation nach Italien. Erst 1016 war es von dessen Onkel Rudolf III. ins Territorium des Kaisers gelangt, im Rahmen einer „freundlichen“ Expansion, die mehr auf dynastische Verbindungen als auf kriegerische Händel setzte.

Wie energisch Heinrich seinen Aufstieg betrieb, hatte sich schon gezeigt, als der aus der bayrischen Nebenlinie der Ottonen stammende Prätendent nach dem überraschenden Tod von Kaiser Otto III. 1002 alle Konkurrenten um den Thron zur Seite schob. Er ritt dem aus Italien zurückkehrenden Leichenzug entgegen und erzwang die Herausgabe von Leichnam und Reichsinsignien. Um die wichtigste Insignie, die Heilige Lanze, an sich zu bringen, nahm er den Kölner Erzbischof in Geiselhaft.

Siegbringende Reliquie

Seither führte Heinrich die Waffe, mit der angeblich Jesus am Kreuz von seinen Leiden erlöst worden war, als siegbringende Reliquie bei allen Feldzügen mit sich, die sich hauptsächlich gegen aufständische Slawen richteten. Dass die Lanze ganz offensichtlich erst in karolingischer Zeit geschmiedet worden war, störte dabei nicht weiter. In Basel ist nur eine Kopie zu sehen. Das Original darf, seit es von den Nationalsozialisten nach Nürnberg geschafft und zum Symbol des „Lebensraum“-Kampfes im Osten umgedeutet worden war, zusammen mit den anderen Reichskleinodien die Wiener Hofburg nicht mehr verlassen.

An echten Prunkstücken mangelt es auch so nicht. Staunenswert modern wirken etwa die silbernen „Bernward-Leuchter“, bei denen Lendenschurz-Männchen an fantastischem Laubwerk hochzuklettern scheinen. Der legendäre Hildesheimer Bischof soll sie um 1015 nicht bloß gestiftet, sondern auch selbst gegossen haben. Elfenbein-Preziosen wie eine Taufe Christi aus Lüttich oder ein eimerartiges, mit Kaiser-, Papst- und Ritterfiguren geschmücktes Sakralgefäß aus Aachen bezeugen, dass das Ottonenreich im engen Handelsaustausch mit Ägypten und Nordafrika gestanden haben muss.

Der Bischof als Metallgießer

Weil Heinrich und Kunigunde kinderlos blieben, ging die Kaiserwürde nach ihrem Tod an die Salier über. Sie wurden, als einziges Kaiserpaar, heiliggesprochen. Heinrich, weil er zahllose Kirchen stiftete. Kunigunde, weil sie über glühende Pflugscharen gelaufen sein soll, um ihre Keuschheit zu beweisen. Auf zwei um 1430 entstandenen Reliquienbüsten heben sie ihre Hände fromm zum Gebet. Das Mittelalter, das in Basel präsentiert wird, ist nicht dunkel, wie es das Klischee behauptet. Es leuchtet („Gold & Ruhm“, Kunstmuseum Basel, bis 19. Januar. Die Recherche für diesen Text wurde vom Museum unterstützt).

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