Musiker David Byrne im Interview : „Tanzen ist eine Metapher für Sex“

David Byrne über mitreißende Rhythmen, gute Nachrichten, das Fahrradfahren – und sein neues Album „American Utopia“.

David Byrne war einst Frontmann der Talking Heads. Jetzt hat er ein neues Solo-Album aufgenommen.
David Byrne war einst Frontmann der Talking Heads. Jetzt hat er ein neues Solo-Album aufgenommen.Foto: Jody Rogac/Warner

Mister Byrne, es ist noch nicht allzu lange her, da hat Björk ein Album mit dem Titel „Utopia“ veröffentlicht. Gibt es eine utopische Verschwörung?

Nein, ich habe mich mit Björk nicht abgestimmt. Sie hat mich kalt erwischt. Kurzzeitig habe ich überlegt, den Titel meines Albums zu ändern. Aber ihre Intention ist dann doch eine etwas andere.

Björks Album ist eher persönlich, während Sie einen politischen Ansatz gewählt haben ...

Ja, so sehe ich das auch. Sie hat etwas durchgemacht in ihrem Leben, doch sie ist am anderen Ende herausgekommen und es geht ihr besser.

Das Utopia, das Sie beschreiben, ist ja auch geografisch definiert.

Und das, obwohl Amerika gerade der unwahrscheinlichste Ort für Utopien zu sein scheint. Jede und jeder denkt sofort: Das passt nicht. Aber ich denke: Probieren wir es aus. Mal sehen, was passiert.

Zur Person

David Byrne kam 1952 im schottischen Dumbarton zur Welt und wuchs in Baltimore, Maryland, auf. Bekannt wurde er Ende der siebziger Jahre mit der Band The Talking Heads und Alben wie „Remain In Light“. Zusammen mit Brian Eno nahm er 1981 „My Life in the Bush of Ghosts“ auf. Er öffnete sich für die Einflüsse anderer Kulturkreise, was sich sowohl in seinen Solo-Werken als auch im Sound der Talking Heads niederschlug. Zuletzt hat sich Byrne häufig mit Kolleginnen und Kollegen wie Fat Boy Slim oder St. Vincent zusammengetan. „American Utopia“ ist sein erstes Solo-Album seit 14 Jahren.

Aber wenn ich jetzt sage: Da haben Sie tatsächlich den falschen Ort ausgewählt!

Dann sage ich: Die Sehnsucht, dass sich die Dinge zum Besseren wenden, die gibt es überall, insbesondere, wenn die Dinge schief laufen. Dann fragen sich die Menschen: Wer sind wir, warum haben wir das zugelassen, wie konnte es so weit kommen? Und ich hoffe, dass diese Fragen uns weiterbringen. Viel weiter, als uns Wut und Frustration jemals bringen werden.

Der amerikanische Traum war von Anfang an auch ein Alptraum: Für die indigenen Völker beispielsweise oder die Sklavinnen und Sklaven.

Das stimmt. Und als der französische Politiker und Historiker Alexis de Tocqueville seine Bücher über die Demokratie in Amerika schrieb, prangerte er die Sklaverei zu Recht als ein Verbrechen an, dass sowohl die Sklaven als auch ihre Besitzer über lange Zeit beschädigen würde. Und doch hat es in Amerika immer diesen starken Drang gegeben, einen Traum zu leben, sich neu zu erfinden. Diesen amerikanischen Impuls wollte ich hervorheben.

Ihre eigene Familie hat den amerikanischen Traum auch gelebt: Ihre Eltern sind von Schottland nach Kanada und schließlich nach Baltimore gezogen.

Ja. Das war eine Zeit, als in Glasgow, die Reedereien schließen mussten und die Industrie verschwand. Qualifizierte Kräfte fanden Arbeit in Kanada und in den USA. Ich habe erst später herausgefunden, dass es einen weiteren Grund gab, weshalb meine Eltern Schottland verließen. Meine Mutter stammt aus einer protestantischen Familie, mein Vater aus einer katholischen. In Glasgow war die Akzeptanz einer „gemischten Ehe“ nicht sehr hoch. Vergessen Sie nicht, dass Glasgow bis heute zwei Fußballteams hat, die die Stadt in zwei Lager trennen. Insofern sind meine Eltern auch nach Amerika gegangen, um ein neues Leben zu beginnen.

Sind Ihre neuen Songs entstanden, während Sie über Amerika nachgedacht haben. Oder waren die Songs schon vorher da?

Die Songs existierten bereits, als ich den Grundgedanken des Albums entwickelte. Der auslösende Moment war ein Konzert von Chance The Rapper, bei dem er sich mit den Zustand der USA befasste.

In den Credits taucht der Hip-Hop-Künstler allerdings nicht auf, sondern einmal mehr Ihr Wegbegleiter Brian Eno.

Ich sprach vor ein paar Jahren bereits mit Brian über eine Reihe von Rhythmus-Sequenzen und Algorithmen, die einen besonders menschlichen Klang hatten. Ich habe damals zu Brian gesagt: Wenn Du mir die überlässt, dann versuche ich, daraus was zu machen.

Am Anfang war der Rhythmus.

Und dann kamen die Worte.

Dann wundert es nicht, dass gleich der erste Song vom Tanzen handelt.

Tanzen ist immer ein guter Ausgangspunkt. Tanzen ist eine tolle Metapher dafür, wie wir über uns hinausgehen und etwas miteinander erleben. Es ist eine Metapher für Sex. Mich hat vor allem das Miteinander interessiert auf diesem Album. Wie werde ich Teil einer Gemeinschaft?

Sind Sie in dieser Hinsicht ein guter Tänzer?

Ich kann mir die einzelnen Schritte nicht merken, aber ich habe Freude am Tanzen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben