Musikfest Berlin : Tugan Sokhiev dirigert das Concertgebouworkest

Beim Musikfest wird es am dritten Tag entspannend - mit Werken von Louis Andriessen und Tschaikowsky.

Ein-Mann-Orchester ohne Taktstock: Tugan Sokhiev.
Ein-Mann-Orchester ohne Taktstock: Tugan Sokhiev.Foto: Patrice Nin

Nach zwei gewichtigen Opernbrocken, Berlioz’ „Benvenuto Cellini“ und Strauss’ „Die Frau ohne Schatten“, ist am dritten Tag des Musikfests Berlin in der Philharmonie fast Entspannung angesagt, mit einem halbstündigen Orchesterwerk von Louis Andriessen und einer juvenilen Sinfonie von Peter Tschaikowsky. Der niederländisch-russische Charakter des Abends spiegelt sich in der Besetzung, Tugan Sokhiev dirigiert das Concertgebouworkest Amsterdam, dessen Wege sich mit denen von Andriessen lange nicht gekreuzt haben.

Der berühmteste lebende Komponist der Niederlande, dem das Musikfest einen Schwerpunkt widmet, hat sich jahrzehntelang explizit der Orchestermusik verweigert und die kleine Ensembleform bevorzugt, in der er die Keimzelle aller Musik und die treibende Kraft für gesellschaftliche Veränderung zu erkennen glaubte.

Umso erstaunlicher, dass Andriessen 2013 fürs Concertgebouworkest zu dessen 125. Jubiläum das Werk „Mysteriën“ komponierte, das jetzt erstmals in Deutschland zu hören war. Noch erstaunlicher, dass er dafür auf christliche Mystik zurückgriff, auf das um 1418 erschienene Buch „De Imitatione Christi“ des Mönchs Thomas von Kempen, das erbauliche Ratschläge gibt, wie man in der Nachfolge Jesu ein guter Christ wird.

Louis Andriessen scheint aber gespürt zu haben, dass Themen wie Naturbetrachtung, Wahrheit inmitten des Lärms der Stimmen oder Meditation über den Tod vollständig anschlussfähig sind an die Lebenswelt eines im Twitterrausch ertrinkenden, religionsfernen Menschen des 21. Jahrhunderts.

Trotzdem ist dies immer noch Musik und nicht Text, also tut man gut daran, die Überschriften der sechs Sätze nicht zu sehr zu verinnerlichen, sondern einfach zuzuhören. Etwa den gravitätischen, schrillen Akkorden, mit denen das Stück beginnt, umschwirrt von und kontrastierend mit den Glockenklängen eines Vibraphons. Überschießend und höchst sinnlich kann diese Musik sein, aber auch spröde, immer wieder fällt das Klangbild in sich zusammen, dann konzertieren nur zwei Geigen und zwei Harfen, die Flöte tritt auch allein auf.

Musik mit einem Pfeifen auf den Lippen

Sokhiev, der ehemalige DSO-Chef, dirigiert mit höchster Konzentration fürs Detail. Welchen Zauberklang er mit den Amsterdamern herstellen kann, beweist er dann so richtig bei Tschaikowskys erster Sinfonie. Was da vom Podium kommt, ist eigentlich voller Widersprüche: vollsatt, aber nie bräsig, golddurchwirkt und trotzdem schlank, fast drahtig – das muss man erst mal hinkriegen.

Wie der junge Tschaikowsky hier fast aus dem Nichts die russische Symphonik erfindet, wie er Bezüge auf Bach (die Fugen im vierten Satz, die immer wieder zum Stehen zu kommen scheinen), Beethoven und Mendelssohn mit russischer Volksliedhaftigkeit vermengt, wie er dabei die Pfade weiter austritt, die Glinka gegangen ist – darüber ließen sich Bücher schreiben. Man kann sich aber auch nur am fortschrittsfrohen, frechen Finalthema erfreuen, dem Zweifel und Depression sehr, sehr fern liegen. Musik mit einem Pfeifen auf den Lippen.

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