Nachruf auf Harry Kupfer : Feingeist mit unverkennbarer Regiepranke

Kritisch und detailgenau und immer aus dem Werk heraus interpretiert: Zum Tod des großen Regisseurs Harry Kupfer.

Zum letzen Mal in seinem Haus: Harry Kupfer Anfang 2019 auf der Probe in der Komischen Oper.
Zum letzen Mal in seinem Haus: Harry Kupfer Anfang 2019 auf der Probe in der Komischen Oper.Foto: Mike Wolff

Es ist eine schöne, eine berührende Volte in Harry Kupfers Biografie, dass seine letzte Regiearbeit an der Komischen Oper Berlin stattfand. Selbstverständlich war das nicht. Nach seinem Weggang 2002 hat Kupfer das Haus fast zwei Dekaden lang gemieden. Mit den sinnlichen, manchmal auch bewusst unernsten Opernausdeutungen von Intendant Andreas Homoki fremdelte er, besser verstand er sich offenbar mit Homokis Nachfolger Barrie Kosky.

Im März 2019 kehrte Kupfer zurück, mit einem weithin unbekannten Stück, das er freilich schon inszenieren wollte, seit er es 1956 zum ersten Mal gesehen hatte: Händels „Poros“, ein Kammerspiel für sechs Sängerinnen und Sänger. Es geht um den Indienfeldzug Alexander des Großen, um die Ankunft und den Einbruch des Fremden in Gestalt des Makedonenherrschers, den der titelgebende indische König Poros nicht nur als Feldherr, sondern auch als Konkurrent um die Gunst der Geliebten fürchtet.

Natürlich hat Kupfer das nicht als antikes Federschmuck-Drama inszeniert, sondern in eine andere Zeit verlegt. „Poros“ spielt bei ihm im Uraufführungsjahr der Oper, 1731, und Alexander ist hier ein britischer Sir, der im Auftrag der East Indian Company unterwegs ist und Handelsbeziehungen knüpfen soll.

Nie kulinarisches, harmloses Musiktheater

Da war sie wieder: die Kupfersche Regisseurspranke, die die Stücke weder als heiteres, kulinarisches, harmloses Musiktheater durchwinken noch ihnen auf Biegen und Brechen ein Konzept, eine Meta-Ebene überstülpen will. Sondern die ihre Ästhetik aus dem Werk heraus entwickelt, als Resultat tiefer Beschäftigung mit Partitur und Libretto, konkret und, ja: realistisch.

Der Ahnvater solchen Arbeitens war natürlich der Österreicher Walter Felsenstein, Gründer der Komischen Oper und einer der wichtigsten Lehrer für den 1935 in Berlin geborenen Harry Kupfer. Felsenstein benutzte nie den Begriff Oper, für ihn war das, was da auf der Bühne passierte, Theater, Musiktheater, und die Sängerinnen und Sänger selbstverständlich immer auch: Schauspieler.

Die Nachvollziehbarkeit des Geschehens, seine Verankerung in einer stückimmanenten Logik, vor allem auch die Menschlichkeit der Stoffe, die Gesten, die Kommunikation untereinander – sie waren für Felsenstein wie dann auch für Kupfer elementar und wesentlich, an ihnen arbeiteten, schliffen beide unermüdlich. Bei Kupfer stand niemand einfach nur herum, sich selbst und der eigenen Initiative überlassen, alle Beteiligten wussten, was sie gerade taten und warum. Das ging weit über die übliche Personenführung hinaus. Und weil es so fein gearbeitet war, entstand daraus eine Glaubwürdigkeit, die sich immer wieder auch dem Publikum vermittelte.

Ochsentour durch die großen DDR-Häuser

In der DDR hat Kupfer eine regelrechte Nord-Süd-Ochsentour durch die Provinz hingelegt: Studium der Theaterwissenschaften mit 18 Jahren in Leipzig, dann Regieassistent ein paar Kilometer weiter in Halle, Oberspielleiter in Stralsund, später in Karl-Marx-Stadt, Operndirektor in Weimar, dann in Dresden. Sein Ruhm wuchs, auch beim Klassenfeind, 1978 folgte die erste Einladung nach Bayreuth mit dem „Fliegenden Holländer“. Kupfer inszenierte oft im Ausland, der DDR den Rücken zu kehren wäre ihm trotzdem nicht in den Sinn gekommen. Zu sehr hatte er das Gefühl, als Künstler zu Hause gebraucht zu werden. Bayreuth wurde ihm 1981 zum Türöffner für die Rückkehr nach Berlin, in die Hauptstadt, auf den begehrtesten Posten, den ein Regisseur in der DDR bekommen konnte: Chefregisseur der Komischen Oper, Felsensteins Haus.

So begann die Sattelzeit in Harry Kupfers Biografie, jene 21 Jahre, in denen er Stil und Ästhetik des Hauses an der Behrenstraße prägte, immer wieder mit seinem langjährigen künstlerischen Partner, dem österreichischen Bühnenbildner Hans Schavernoch, der eine ausgeprägte Vorliebe für Silber und Grau besitzt.

Kupfers Wirken vollzog sich in bemerkenswerter Parallelität zu dem seines Antipoden Götz Friedrich in West-Berlin an der Deutschen Oper. Auch er war ein Felsenstein-Schüler, im Gegensatz zu Kupfer aber Chefregisseur und inszenierender Intendant in Personalunion. Die Ära der beiden begann und endete fast gleichzeitig, Friedrich starb 2000 im Amt, Kupfer verabschiedete sich 2002 mit einer in ihrem bitteren Realismus nachhaltig im Gedächtnis bleibenden, mit dem Bayerischen Theaterpreis ausgezeichneten Inszenierung von Brittens „The Turn of The Screw“ von der Komischen Oper. Um im letzten Drittel seines Lebens überall zu arbeiten: in Wien, Salzburg, Barcelona, Mailand.

1988 beginnt die Zusammenarbeit mit Barenboim

Und natürlich auch in Berlin, an dem Haus, das schon während seiner Zeit an der Komischen Oper zweite künstlerische Heimat für ihn wurde: der Staatsoper. Die Zusammenarbeit mit Daniel Barenboim begann 1988 in Bayreuth, wo Kupfer den „Ring“ inszenierte, mit nebeldurchzogenen Feldern und schlotternden, in Fetzen gewandeten Gestalten als Kulisse für den Walkürenritt und einer zerborstenen Betonburg als Kindheitskrippe für Siegfried.

Rückwärts, beginnend mit „Parsifal“, brachte Kupfer dann auch an der Lindenoper sämtliche Werke Wagners auf die Bühne. Im Sommer 2018 inszenierte Kupfer an der Staatsoper Verdis „Macbeth“ mit Anna Netrebko und einem damals noch nicht von MeToo-Vorwürfen erschütterten Placido Domingo. Man hatte sich, auch das wurde deutlich, inzwischen etwas sattgesehen an Kupfers Stil.

Und noch ein zweiter Strang zog sich durch das letzte Lebensdrittel Kupfers: Er inszenierte auch kommerzielles Musiktheater, Musicals. „Elisabeth“ etwa, ein Stück über die zur Sissi verkitschte österreichische Kaiserin, brachte er 1992 im Theater an der Wien zur Uraufführung.

Musicals reizen ihn nur an der obersten Qualitätsgrenze

Zur Wiederaufnahme einer überarbeiteten Fassung 2008 im Berliner Theater des Westens schrieb der Tagesspiegel: „Kupfer spricht zügig und bestimmt, wenn man ihn etwas fragt, kommen die Antworten wie aus der Pistole geschossen, und sie enthalten kein überflüssiges Wort.“ Musical würde ihn nur reizen, erklärte er, wenn es die oberste Qualitätsgrenze zumindest streife: „Es gibt so viele Musicals, die brauchen gar keinen Regisseur, das kann ein Choreograf machen, die Leute gehen nur hin, um bestimmte Nummern zu hören. Wenn die Geschichte nicht aufregend und kritisch ist, im Sozialen, Politischen oder Menschlichen, dann hat es für mich keinen Sinn.“

Damit hat er sein künstlerisches und handwerkliches Credo so knapp wie möglich zusammengefasst. Harry Kupfers detailgetreues Arbeiten wird Vorbild bleiben und weiterentwickelt werden, von anderen, jüngeren Regisseuren und Regisseurinnen des Musiktheaters. „Seine außerordentlichen künstlerischen Instinkte, sein virtuoses Regiehandwerk, seine leidenschaftliche Art zu kommunizieren, seine große Liebe zu Detail und Rhythmus und nicht zuletzt sein einzigartiger, wunderbarer Humor machten ihn zu einem der außergewöhnlichsten und einflussreichsten Musiktheater-Regisseure der vergangenen 60 Jahre“, sagt Barrie Kosky.
Am vergangenen Montag ist Harry Kupfer mit 84 Jahren gestorben. In Berlin, seiner Geburtsstadt.

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