Neue Netflix-Serie „Freud“ : Babylon Wien

„4 Blocks“-Regisseur Marvin Kren und seine Mystery-Serie „Freud“. Warum er dafür sogar Hypnose ausprobierte und abbrechen musste.

Schillernder Nervenarzt. Der österreichische Schauspieler Robert Finster spielt Sigmund Freud. Foto: SATEL Film/Bavaria Fiction
Schillernder Nervenarzt. Der österreichische Schauspieler Robert Finster spielt Sigmund Freud. Foto: SATEL Film/Bavaria Fiction

Diese Wiener. Seltsam sind sie und wollen noch seltsamer sein. Unentwegt arbeiten sie an der Mystifizierung einer Stadt, die nicht nur Postkartenansichten des Stephansdoms und der Hofreitschule kennt, sondern auch Abgründe. In Tunneln, Kanälen, Gassen, düsteren Boudoirs und verirrten Seelen. Zumindest in den auf der Berlinale uraufgeführten Serien. Da präsentiert sich die Stadt als Konkurrentin des lasterhaften Berlins, gewissermaßen als Babylon Wien.

Ausschweifende Dekadenz, politische und kriminelle Umtriebe, von der Menschen-Menagerie ganz zu schweigen. „Vienna Noir“ schlägt Regisseur und Showrunner Marvin Kren denn auch sofort als Genrebezeichnung vor. Dazu gehört das Serienremake des Fritz- Lang-Klassikers „M“, das David Schalko im vergangenen Jahr präsentierte.

Nun folgt ihm der 1980 geborene Kollege Marvin Kren, der als Regisseur der Serie „4 Blocks“ sowohl Berlin- als auch Berlinale-Erfahrung hat. Seine von Netflix und dem ORF produzierte, achtteilige Serie „Freud“ (ab 23. März dann auf Netflix) ist als halluzinogene Fin-de-Siècle-Nachtfahrt angelegt. Und spätestens wenn in Folge zwei Sigmund Freud, der Gottvater der Psychoanalyse, sich in Profiler-Manier in die Aufklärung einer rätselhaften Mordserie einmischt, ahnt man, dass Kren kein braves Biopic im Sinn hat.

Genau genommen weiß man es von Anfang an, wenn der 30-jährige Nervenarzt im Jahr 1886 seine Haushälterin als Laiendarstellerin einer angeblichen Hypnose-Heilung einspannt und sie aufgeräumt fragt: „Leonore, wollen Sie auch etwas Kokain?“ Das konsumiert der von Robert Finster gespielte Gelehrte unentwegt in flüssiger Form.

Marvin Krens populäre Interpretation der frühen Jahre der österreichischen Über-Figur fällt nach einem schleppenden Kostümfilm-Einstieg so obskur aus, wie das von einem Regisseur zu erwarten steht, der mit dem Berlin-Zombie-Film „Rammbock“ und dem Alpenhorrorstück „Blutgletscher“ bekannt geworden ist.

Trieb, Eros, Tabu

Immer wieder verschwimmt die Geschichte des um Anerkennung buhlenden Mediziners in Drogenräuschen, Albträumen und Hypnosezuständen. Die Séancen des Mediums Fleur (Ella Rumpf) sprechen ebenfalls von Freuds Themen Trieb, Eros, Tabu. Und der Polizeiinspektor Alfred Kiss (Georg Friedrich), der die Morde untersucht, ist ein Veteran, den in Rückblenden Kriegstraumata schütteln. Von der dämonischen Gräfin (Anja Kling) nicht zu reden, in deren Salon sowohl ungarische Separatisten als auch die feine Gesellschaft bis hinauf zum Kronprinzen Rudolf verkehren.

Regisseur Marvin Kren zeigt Freud als zerrissenen Menschen.
Regisseur Marvin Kren zeigt Freud als zerrissenen Menschen.Foto: W. POHN

Bloß gut, dass sich Marvin Kren im diesem wüsten Unterhaltungsreigen nicht auch noch am Psychogramm des Psychologen versucht, der als Neuropathologe, Kulturtheoretiker und Religionskritiker zu einem der einflussreichsten Denker des 20. Jahrhunderts avanciert. Unerlässlich auch für die Popkultur. Der gesamte Genrefilm basiere auf Freuds Lehren, sagt Marvin Kren. „Es gibt unfassbar viele Witze und Comics. Aus Freud selbst ist längst ein ganz eigener Mythos entstanden, der auch mir die Legitimation gibt, frei mit ihm umzugehen.“

[Aufführungen: 28. 2., 17.30 Uhr (Neue Kammerspiele), 29. 2., 18 Uhr (Cinemaxx 5)]

Wobei sich Kren durchaus gefragt hat, ob es legitim ist, eine historische Figur zu fiktionalisieren. So gaga wie beispielsweise die Horrorgroteske „Abraham Lincoln Vampirjäger“ von Timur Bekmambetov fällt sein Freud ja nicht aus. Er pocht auf den Respekt, mit der er sich der Figur nähert. „Freud war ein Humanist und Aufklärer. Jemand, der das veraltete medizinische Denken hinterfragt, dass alle psychologischen Krankheiten auf die Erkrankung des Hirns zurückzuführen sind.“

Süchtig nach Drogen und Anerkennung

Als Arzt habe er begonnen, Patienten zuzuhören und sie wahrzunehmen. „Außerdem konnte er die Zeit lesen und verstehen.“ Sein Freud ist eine zerrissene Persönlichkeit: fürsorglich, aber auch ehrgeizig, süchtig nach Drogen und Anerkennung.

Das Gesellschaftsbild, dass Kren von der Nervenheilanstalt über die Fechtböden der Burschenschafter bis in die Offizierskneipen zeichnet, ist von Antisemitismus, Hierarchie und der bröckelnden Autorität des im Niedergang begriffenen Kaiserreiches gezeichnet. Um das Lebensgefühl der Zeit zu verstehen, hat er Stefan Zweigs „Die Welt von Gestern“ und „Meine Jugend in Wien“ von Arthur Schnitzler studiert.

Dem Dramatiker dichtet er auch eine Freundschaft mit Freud an, die unter den beiden jüdischen Ärzten so nie existierte. Warum? Sie seien Brüder im Geiste gewesen, ist Marvin Kren überzeugt. „Es macht mehr Spaß, mit bekannten Figuren zu arbeiten, mit denen man Bilder und Geschichten assoziiert.“ Dass diese Mechanik – denkt man an Schnitzler, denkt man an dessen skandalös-erotisches Theaterstück „Reigen“ – beim Anschauen von „Freud“ so offensichtlich wirkt, nagt allerdings an der Subtilität.

Nährboden des Ersten Weltkriegs

Gruselig glaubwürdig sind die aggressiven Sitten, die verklemmte homosexuelle Liebe, das Standesdenken und die nationalistischen Reden in der k. u. k. Armee. Diese einer Zeitenwende vorausgehende, brodelnde Kombination aus Militarismus, Maskulinität und überkommener Moral der Vätergeneration mündet laut Marvin Kren dann gute 20 Jahre später in den Ersten Weltkrieg.

Um Hypnose zu verstehen und sie in „Freud“ visualisieren zu können, hat er sich übrigens auch selbst hypnotisieren lassen. Von einem staatlich geprüften Hypnotiseur und Psychoanalytiker. Vorher bezweifelte der Regisseur, dass die Suggestionstechnik die Macht hat, Menschen willenlos zu machen. Prompt erlebt er genau das am eigenen Leib und bricht den Versuch erschrocken ab.

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„Für mich als Kontrollfreak war das ein unfassbar beängstigendes Gefühl.“ So geht es in „Freud“ auch der Haushälterin Leonore. Sie wird von Brigitte Kren gespielt. Die charismatische Schauspielerin macht in jedem Werk ihres Sohnes mit. Offensichtlich eine glückliche Form von Ödipus- Komplex.

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