• Neuer Roman von Richard Russo: Die großen und kleinen Glaubens- und Klassenkämpfe der USA

Neuer Roman von Richard Russo : Die großen und kleinen Glaubens- und Klassenkämpfe der USA

Ein brillanter Inszenator amerikanischen Kleinstadtlebens: In „Jenseits der Erwartungen“ erzählt Richard Russo, wie zerrissen die USA sind.

Angesichts der Proteste nach dem Mord von George Floyd hochaktuell: Richard Russo beschreibt die politische Zerrissenheit der USA.
Angesichts der Proteste nach dem Mord von George Floyd hochaktuell: Richard Russo beschreibt die politische Zerrissenheit der USA.Foto: Julio Cortez/AP/dpa

Das Leben ist ein Glücksspiel. Was wie ein banaler Kalenderspruch klingt, war für eine ganze Generation junger Amerikaner, die in den späten sechziger Jahren aufwuchs, tatsächlich eine existentielle Frage: Das US-Verteidigungsministerium veranstaltete so genannte Einberufungslotterien, bei denen Geburtsdaten gezogen und in Reihenfolge gebracht wurden. 

Diejenigen, die ganz oben auf der Liste landeten, mussten damit rechnen, sehr bald zum Militärdienst eingezogen zu werden; diejenigen, deren Geburtstage zuletzt gezogen wurden, durften aufatmen.

Mit der Beschreibung dieses im Grunde zynischen und makabren Zeremoniells eröffnet der amerikanische Schriftsteller Richard Russo seinen neuen Roman. Am 1. Dezember 1969 sitzen Teddy, Mickey und Lincoln vor dem Fernsehapparat im Gemeinschaftsraum ihres Colleges in Connecticut. 

Die drei sind als Zimmergenossen willkürlich zusammengewürfelt und enge Freunde geworden, womit eines der Generalthemen des Romans, das auf unterschiedlichen Ebenen durchgespielt wird, bereits benannt ist - die Zufälligkeit von Lebensläufen und Lebensverläufen. 

Ein Stephen King ohne Horror

Oder anders gesagt: die Frage, inwieweit ein Mensch sein Schicksal und sein Glück selbst in der Hand hat und inwieweit es von äußeren Umständen bestimmt ist. Auch das mag ein wenig banal klingen.

Wer allerdings Richard Russo, Jahrgang 1949, und dessen zumeist umfangreiche Romane kennt, der weiß, dass es diesem Autor immer wieder gelingt, mit genauer Detailbeobachtung, mit Einfühlsamkeit und Respekt gegenüber seinen Figuren und mit einem genauen Gespür für spannungsreiche Plots auch aus vermeintlich einfachen Erzählkonstellationen Funken zu schlagen. 

Jeder seiner Romane erscheint gut verfilmbar zu sein; Russo ist eine Art Stephen King ohne Horror, ein brillanter Inszenator amerikanischen Kleinstadtlebens.

„Jenseits der Erwartungen“ ist nach dem Prolog aus dem Jahr 1969 auf zwei chronologischen Ebenen erzählt: Im Sommer 1971 verbringen Lincoln, Teddy und Mickey gemeinsam einen Kurzurlaub im Ferienhaus von Lincolns Eltern auf der vor der neuenglischen Küste gelegenen Insel Martha's Vineyard. 

Bei ihnen ist ihre Kommilitonin Jacy, eine so schöne wie rebellische junge Frau, in die die drei Freunde allesamt verliebt sind, die aber mit einem Schnösel aus besseren Kreisen verlobt ist. 

Der Urlaub ist ein Abschiednehmen; danach werden sich ihre Wege trennen. Mickey (niedrige Losnummer) soll in die Army einrücken; Lincoln (mittlere Losnummer) wird an der Westküste heiraten, Teddy (hohe Losnummer) eine Universitätslaufbahn einschlagen.

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Russos Roman ist auch eine Kriminalgeschichte: Während des gemeinsamen Aufenthaltes verschwindet Jacy spurlos und wird nie mehr gesehen. 

Die Frage, was mit ihr passiert sein könnte, bestimmt auch das Geschehen auf der zweiten Zeitebene: Im Jahr 2015 treffen sich Lincoln, Mickey und Teddy, allesamt mittlerweile in ihren mittleren Sechzigern, auf Martha's Vineyard wieder; erneut, um Abschied zu nehmen, denn der in der Finanzkrise unter Druck geratene Immobilienmakler Lincoln sieht sich gezwungen, das Haus zu verkaufen.

Dass „Jenseits der Erwartungen“ sich wie sämtliche Romane Richard Russos glatt und süffig weglesen lässt, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass Russo in dem Brückenschlag über vier Jahrzehnte hinweg ein Land in all seiner politischen Zerrissenheit, in seinen großen und kleinen Glaubens- und Klassenkämpfen zeigt.

Bestechend gut sind beispielsweise jene Kapitel, in denen Richard Russo auf jeweils nur wenigen Seiten die Herkunftsmilieus seiner Figuren skizziert: Lincoln ist der Sohn eines terroristischen Patriarchen-Gartenzwergs mit Fistelstimme, der noch dazu auf den Namen Wolfgang Amadeus hört. 

Donald-Trump-Plakat nur zur Provokation

Ein Calvinist, in dessen Augen jeder für sein eigenes Schicksal verantwortlich und materieller Erfolg gleichbedeutend mit moralischem Wohlverhalten ist. Dem stellt Russo Mickeys Prägung im italo-irischen Arbeitermilieu und Teddys ihre Umwelt mit blasierter intellektueller Überlegenheit verachtenden Lehrereltern gegenüber.

Westküste versus Ostküste, Liberale versus Scharfmacher, Hippies versus klassische Anhänger des amerikanischen Traums – das sind die Fronten, die der amerikanische Schriftsteller aufeinanderprallen lässt. Lincolns Grundstücksnachbar auf Martha's Vineyard ist ein Ekel, Sexprotz, Frauenbegrabscher und wer weiß was noch mehr. 

Im Jahr 2015, wir befinden uns in der Zeit der Präsidentschafts-Vorwahlen, stellt er demonstrativ ein Donald-Trump-Plakat vor seinem Haus auf. Nicht, weil er den Kandidaten überzeugend findet, sondern nur, um all die Liberalen und Schwarzen und Intellektuellen, die hier ihren Sommerurlaub verbringen, zu provozieren.

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Wenn man nach einer Erklärung dafür sucht, warum Trump zur Zeit entgegen allen rationalen Einwänden auf seine zweite Amtszeit zusteuern könnte - das wäre eine davon. Im Kontext des Freundschaftsdreiecks schreibt Russo auf einen kathartischen Punkt hin: Lincoln, Teddy und Mickey suchen nach Erlösung, vor allem im Hinblick darauf, was Jacy seinerzeit zugestoßen könnte. 

Sie trinken und reden und erinnern sich; nach und nach schleicht sich gegenseitiges Misstrauen ein, das noch befeuert wird durch einen versoffenen pensionierten Cop, der seinerzeit an dem Fall gearbeitet hat und sich durch das Auftauchen der drei Freunde getriggert fühlt.

Es wird, so viel darf verraten werden, eine Auflösung geben, sogar eine einigermaßen plausible, und auch wenn Russo am Ende noch einmal alle dramatischen Register zieht und möglicherweise ein wenig überexplizit den Schicksalswürfelbecher bemüht: Es gibt nur wenige Autoren, die in der Lage sind, die ewige Frage nach der Grenze zwischen U- und E-Literatur auf so mühelose Weise überflüssig zu machen wie Richard Russo. Man will seine Bücher einfach immer wieder lesen. 
[Richard Russo: Jenseits der Erwartungen. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Monika Köpfer. DuMont, Köln 2020. 430 Seiten, 22 €.]

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