Neues Album "Mythos" : Bushido, eine Mogelpackung?

Reimt der Rapper gar nicht selber? Bushido sagt: Doch, natürlich! Jetzt erscheint sein Album „Mythos“.

Mann in mittleren Jahren. Zum 40. Geburtstag beschert sich Bushido mit dem Album „Mythos“. Sein alter Kumpel und Geschäftspartner Arafat Abou-Chaker, mit dem er gebrochen hat, wird es sich wohl nicht kaufen.
Mann in mittleren Jahren. Zum 40. Geburtstag beschert sich Bushido mit dem Album „Mythos“. Sein alter Kumpel und Geschäftspartner...Foto: Bushido/Sergenisici

Die schlimmste aller denkbaren Schmähungen unter verfeindeten Gangsta-Rappern ist es, die Mutter des anderen zu beleidigen. Das kann keiner toppen. Direkt dahinter kommt allerdings schon: zu behaupten, der andere sei nicht echt. Besitze keine Credibility, also Glaubwürdigkeit, könne zum Beispiel nicht wirklich auf eine Vergangenheit als Dealer oder wenigstens Kleinkrimineller zurückblicken, habe am Ende gar nie im Knast gesessen – oder reime seine Texte nicht selbst.

Kurz vor Veröffentlichung des neuen Albums ist Letzteres Bushido zugestoßen. Gerüchte, Dritte schrieben seine Songs, gab es schon früher, doch diesmal kommen sie ausgerechnet von dem Mann, der jahrelang sein engster Vertrauter und Geschäftspartner war. Arafat Abou-Chaker, prominentes Mitglied einer berüchtigten Großfamilie, hat sich im Internet zu Wort gemeldet und behauptet: Der Berliner Rapper Bushido, der eigentlich Anis Mohamed Youssef Ferchichi heißt, sei „fake wie Boney M.“, eine reine Mogelpackung. Habe in seinem ganzen Leben noch keine Beats gebastelt, könne auch nicht texten. Bushido bestreitet das.

An diesem Freitag, es ist Bushidos 40. Geburtstag, erscheint „Mythos“, sein 13. Album. Das erste, seit er sich im März offiziell von Abou-Chaker gelöst hat. Wie genau die Beziehung der beiden überhaupt aussah, ist bis heute unbekannt. Doch vorsichtig ausgedrückt lässt sich sagen, dass Abou-Chaker vom musikalischen Schaffen Bushidos profitierte und Bushido umgekehrt von der Sicherheit und milieuinternen Unangreifbarkeit, die einer erlangt, wenn er jederzeit sagen kann: Schaut her, ich bin mit dem Kopf eines Clans befreundet, der von der Polizei verdächtigt wird, mit Organisierter Kriminalität zu tun zu haben. Wer sich mit mir anlegt, legt sich mit den Abou-Chakers an!

Der Rapper als begehrte Einnahmequelle

Dem „Stern“ haben er und seine Frau berichtet, wie schlimm es unter Arafats Fittichen war. Dass der Mann ihr ganzes Leben bestimmte, ständig alles entscheiden wollte und abkassierte. Außerdem fürchten sie, dass nun womöglich aus Rache auf sie geschossen werde. Weil Arafat ja eine Einnahmequelle abhanden gekommen sei.

Man muss dazu wissen, dass deutscher Hip-Hop sehr lukrativ ist. Allein im Laufe dieses Jahres schafften es insgesamt zwölf Alben deutschsprachiger Rapper auf Platz eins der Charts, kein anderes Genre kann nur annähernd mithalten. Auch Bushidos wird an der Chartspitze landen. Vier Songs des Albums hat er vorab veröffentlicht, der wichtigste heißt „Mephisto“ und ist eine zehnminütige Abrechnung mit Arafat. Fans, die ihn hören, sind irritiert: Für einen Diss-Track ist das Stück ungewöhnlich vage gehalten, geradezu lyrisch, wo bleiben denn die üblen Beleidigungen?

Kurzer Einschub zur Kulturtechnik des „Dissens“: Das Herabwürdigen eines vermeintlich verfeindeten Rappers – also das Zeigen von „Disrespect“ – stammt wie alles im Hip-Hop aus den USA, wurde in Deutschland Mitte der Neunziger durch das Frankfurter Duo Rödelheim Hartreim Projekt eingeführt, später in Berlin durch Rapper wie Kool Savas, Sido oder eben Bushido etabliert. Wohlwollend könnte man es als wortgewaltiges Kräftemessen umschreiben, im guten Fall ist es originell („Dein Gelaber ist so arm, dass es an der Hand endet“), manchmal unfreiwillig komisch („Ich bin in deinem Revier die deutsche Dogge, du Pinscher“), oft aber einfach nur obszön, gewaltverherrlichend, diskriminierend („Ich steche dich ab, du Hurensohn“).

Abou-Chaker ist der Teufel, dem er seine Seele verkaufte

Bushidos Song „Mephisto“ ist dies alles nicht. Zehn Minuten lang rekapituliert er, wie er an den Teufel, gemeint ist Arafat Abou-Chaker, seine Seele verkaufte, um dann mehr und mehr von ihm kontrolliert zu werden. Er nennt Abou-Chaker „Diktator“ und „rücksichtsloses Tier“, statt genretypischen Drohungen und Gewaltfantasien rappt er ansonsten aber in Bildern mit Bibel- oder Fantasyromanbezug. Hier Garten Eden mit Schlange und Apfel, da Geister und Dämonen, dort ein „Monster aus Feuer, doch sein Atem war kalt“. Er rappt über „Täler voller Schwefel“ und Engelschöre. Für Bushido-Hörer bedeutet das Kultur-Clash. Bei einem Livestream im Internet musste der Rapper erklären, wer denn dieser David und dieser Goliath waren, die im Song Erwähnung finden. „Mensch Leute, guckt mal“, fängt Bushido zu erzählen an. Und dann: „David und Goliath sollten wirklich, wirklich jedem ein Begriff sein, das ist absolute Allgemeinbildung.“ Ein anderer Fan zeigt sich irritiert darüber, dass Bushido an einer Stelle „die Geister, die er rief“ zitiere: „Spielst du damit auf den Song von Farid Bang und Kollegah an?“

In Kleinmachnow wollten Bushido und Arafat Abou-Chaker auf demselben Grundstück wohnen. Die Klingelschilder sind noch da.
In Kleinmachnow wollten Bushido und Arafat Abou-Chaker auf demselben Grundstück wohnen. Die Klingelschilder sind noch da.Foto: Tagesspiegel

Womöglich ist der neue Stil auch Symptom einer Reifung. Dass selbst Gangsta-Rapper würdig altern können, sieht man in den USA. Dr. Dre ist jetzt 53, Ice-T sogar schon 60 Jahre alt. Da könnte Bushido eigentlich noch etwas den zornigen mitteljungen Straßenrapper geben. Die Schlagzeilen, die er in den vergangenen Jahren machte, suggerierten jedoch anderes: Mal beschwerte er sich öffentlich bei der Telekom über einen nicht gelegten Internetanschluss (erst kamen die Techniker nicht, dann kamen die falschen), mal warnte er seine Anhänger vor dem Besuch einer Lichterfelder Postfiliale („Service und Freundlichkeit liegen im Minusbereich“). Bei der Renovierung seines Anwesens in Kleinmachnow musste er die Auflagen des Denkmalamtes beachten. Einen Skandal brachte ihm immerhin sein Steglitzer Aquaristik-Geschäft ein. Den dortigen Einbruch, bei dem angeblich Ausrüstung, Korallen und Zierfische gestohlen worden sein sollen, gab es so nicht. Bushido wurde wegen versuchten Betrugs zu elf Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Credibility im Hip-Hop-Kosmos brachte auch dies nicht.

Bushido ist zu einem Telefonat bereit

Wie also steht es um seine Glaubwürdigkeit als Rapper? Und was ist dran am Vorwurf, er sei eine Mogelpackung wie einst Boney M.?

Bushido ist zu einem Telefonat bereit. Er sagt, die Aussagen von Arafat Abou-Chaker seien kompletter Unsinn. Die Behauptung, er würde seine Beats nicht selbst basteln? „Arafat hat keine Ahnung. Ich bestreite das vehement.“ Der Vorwurf, er könne seine Texte nicht selbst schreiben? „Jedes einzelne Wort kommt von mir, und das hört man auch.“ Bushido vermutet, sein einstiger Geschäftspartner sei schwer frustriert, da er Abou-Chaker klargemacht habe, dass „er an mir nicht mehr partizipiert“. Das alles sei „im Grunde nichts anderes als beim Schlussmachen. Derjenige, der verlassen wird, behauptet dann eben: Du warst ja sowieso nie gut im Bett.“

#Im Übrigen handle es sich bei „Mephisto“ keinesfalls um einen Diss-Track. Schon deshalb nicht, weil in solchen ja ein Rapper über den anderen herziehe, Arafat Abou-Chaker aber nun wirklich nicht als Rapper durchgehe. Außerdem bestehe bei Diss-Tracks immer die Möglichkeit, dass man sich nach sechs Monaten wieder die Hand reiche und aller Streit vergessen sei. „Das ist hier nicht der Fall. ,Mephisto‘ ist ein Resümee und eine Wiedergabe meiner Gefühle und Erfahrungen.“ Er habe zeigen wollen, dass „ich eine sehr schlimme Zeit hatte, teilweise auch dafür verantwortlich gewesen bin“.

Und was ist mit Abou-Chakers Ankündigung, er werde die Mogelpackung Bushido bald entlarven, ja handfeste Beweise vorlegen? Was könnte da noch kommen? „Keine Ahnung“, sagt Bushido. Abou-Chaker sei ein „extremer Intrigenschmieder“ und in dieser Disziplin handwerklich sehr geschickt. „Aber es ist mir eigentlich egal, was er sagt.“ Dann korrigiert er sich: „Nein, es ist mir nicht ganz egal, es nervt mich natürlich.“
Seinen nächsten Auftritt in der Öffentlichkeit wird Arafat Abou-Chaker spätestens in sechs Wochen haben. Dann beginnt sein Prozess vor dem Strafgericht: Bushidos Ex-Partner soll in Charlottenburg einem Hausmeister mit dem Tod gedroht und ihm dann mit den Fingern in die Augen gestochen haben.

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