Neues Album von Iggy Pop : Gegen die Dunkelheit

Jazztrompeten und sphärische Synthesizerklänge: Iggy Pop zeigt sich auf seinem Album „Free“ experimentierfreudig und energiegeladen.

Kein Bock auf Rock. Iggy Pop lässt es in Miami locker angehen.
Kein Bock auf Rock. Iggy Pop lässt es in Miami locker angehen.Foto: Harmony Korine

Warum muss James Bond eigentlich ein Mann sein? Könnte die Rolle nicht auch mal eine Frau übernehmen? Iggy Pop wäre schon mal dafür – und sein Kakadu Biggy Pop ebenfalls. Als der Sänger dem Vogel kürzlich seinen neuen Song „James Bond“ – mit einer 007-Heldin – auf dem Tablet vorspielte, tanzte Biggy begeistert auf dem Lederhaut-Bauch seines Herrchens herum. Es gibt ein sehr süßes Instagram-Homevideo davon.

Iggy Pop singt über eine Frau, die redet und geht wie der berühmte Geheimagent. Sie traut niemandem über den Weg, nicht mal sich selbst. „She wants to be your James Bond/ She might stand in your way but still she’ll save the day“, heißt es weiter in dem Stück, das von einer schnörkellosen Bassline getragen wird, zu der sich zögerlich ein Schlagzeug und eine Gitarre gesellen.

Als Spezialeffekt gibt es im letzten Songviertel ein 30-sekündiges Trompetensolo. Hier könnte Bond in eine Verfolgungsjagd oder eine Schießerei verwickelt werden, allerdings ist da schon längst klar, dass es sich doch eher um eine Femme-fatale-Metapher handelt. Aber immerhin eine der originelleren.

Das Solo spielt Leron Thomas, der auch den Text sowie den Rest des Songs geschrieben hat. „James Bond“ gehört zu den zehn Songs auf Iggy Pops 18. Album „Free“ (Caroline), dessen Sound maßgeblich von dem Jazztrompeter aus Houston sowie der Avantgarde-Gitarristin Sarah Lipstate alias Noveller aus New York geprägt ist. Der Godfather of Punk entdeckte die beiden, als er auf der Suche nach Musik für seine BBC-Radiosendung „Iggy Confidential“ war. Genau wie in dieser seit fast fünf Jahren laufenden Show habe er auf dem Album anderen Musikerinnen und Musikern seine Stimme leihen wollen, erklärt er in einem kurzen Text zu „Free“. Die Aufnahmen seien zunächst ohne die Intention, sie zu veröffentlichen, entstanden, es sei eine Art Flirt mit dem Material gewesen. „Im Grunde war ich immer so etwas wie ein Groupie guter Musiker – und bin es noch“, schreibt Pop.

Ein äußerst inspiriertes Groupie: Auf der nur knapp über eine halbe Stunde langen Platte klingt der 72-jährige Sänger durchgehend engagiert und hoch motiviert. Hatte er bei seinem 2016 zusammen mit Josh Homme von den Queens Of The Stone Age aufgenommenen Album „Post Pop Depression“ noch angedeutet, dass es sein letztes sein könnte, scheint er jetzt nicht mehr an die Rente zu denken. Was vielleicht daran liegt, dass er seine Experimentierfreude wiederentdeckt und sich weit von seiner Rock-Heimat entfernt hat. Stattdessen erkundet Iggy Pop nun jazzige Gefilde und vertont Gedichte. Die Expedition überzeugt weit mehr als frühere Ausflüge in diese Richtung wie „Preliminaires“ (2009) oder das größtenteils auf Französisch gesungene Coveralbum „Après“ (2012).

Wie stimmig und organisch das funktioniert, zeigt das als Single ausgekoppelte Stück „Sonali“. Es scheint den Faden von David Bowies „Blackstar“ aufzunehmen und spiegelt in den nervösen gebrochenen Rhythmen die im Text beschriebene Rastlosigkeit. Dazu bilden sanfte Synthesizerflächen und Iggy Pops Gesang ein perfekt austariertes Gegengewicht. Ein früher Höhepunkt des Album.

„Dirty Sanchez“ ist ein weiterer Song von Leron Thomas, der ihn mit einem feinen mehrstimmigen Trompeten-Arrangement rund um eine spitze Mariachi-Fanfare einleitet. Eigentlich wollte Thomas das Stück auch singen, was Iggy Pop angesichts des gagahaft-schmierigen Textes für keine gute Karriereentscheidung hielt. Also übernahm er die Sache und fand einen schön überkandidelten Skandierstil für Zeilen wie „Just because I like big tits/ Doesn’t mean I like big dicks/ Yelling „rich man make it stop“/ We don’t all want the cock“. Papageienhaft wird das Satz für Satz von einer zweiten Männerstimme wiederholt, was dem Ganzen einen ziemlich albernen Touch verleiht und „Dirty Sanchez“ zum hellsten Moment des ansonsten in eher dunklen Tönen gehaltenen Albums macht.

Gegen Ende nimmt die Dunkelheit zu. Was vor allem die letzten drei Stücke zeigen, in denen Iggy Pop als Rezitator auftritt. Nur von einigen Klavierakkorden und sparsamen Trompetenlinien begleitet trägt er Lou Reeds Gedicht „We are the People“ aus dem Jahr 1970 vor. Es habe ihn sofort an die heutigen USA erinnert, schreibt Iggy Pop im Album-Begleittext. Entsprechend schwermütig klingt er dann auch, als er sagt: „We are the people without sorrow/ Who have moved beyond national pride and indifference to a parody of instinct“. Dass Iggy Pop im Anschluss Dylan Thomas’ „Do Not Go Gentle into that Good Night“ interpretiert, kann als Aufruf zum Widerstand gegen die politische Verkommenheit verstanden werden. Lautet die zentrale Zeile dieses eigentlich von einem Todeskampf handelnden Gedicht doch „Rage, rage against the dying of the light“. Rebellieren gegen das verlöschende Licht der Vernunft.

Mit „The Dawn“ setzt Iggy Pop zu atmosphärisch dräuenden Synthesizern einen finsteren Schlusspunkt des Albums. Der von ihm geschriebene Text handelt relativ deutlich vom Kampf gegen Einsamkeit und Depression. Das letzte Wort des nur knapp über zweiminütigen Stückes ist „darkness“. Die Dunkelheit siegt. Das ist das harte Ende einer Platte, deren Titel aus gutem Grund „Free“ lautet. Denn es geht nicht um die Freiheit von bürgerlichen Zwängen oder exaltierte Wildheit, für die Iggy Pop jahrzehntelang stand, sondern um die Freiheit zur Ehrlichkeit.

Der Mann, der fast sein ganzes Erwachsenenleben ohne Oberbekleidung zugebracht hat, zeigt sich in „The Dawn“ und auch in dem mächtig anschwellenden „Loves Missing“ wirklich einmal nackt. Als jemand, der die Uhr ticken hört, der auf seine Erinnerung zurückgeworfen ist und den die Liebe nicht heilen kann. Das ist auf seltsame Weise anrührend. Genauso wie das Video von Iggy und Biggy beim Hören von „James Bond“. In Würde altern – so könnte es aussehen.

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