"NME" stellt Printausgabe ein : Wege aus dem Ruhm

Die Königin der Popberichterstattung ist tot: Die britische Musikzeitung "New Musical Express" stellt ihre Printausgabe ein

Die Zukunft liegt in der Pop-Geschichte: Die NME-Smiths-20-Jahre-The-Queen-Is-Dead-Geburtstagsausgabe
Die Zukunft liegt in der Pop-Geschichte: Die NME-Smiths-20-Jahre-The-Queen-Is-Dead-GeburtstagsausgabeFoto: promo

Am Ende hat man bei der britischen Musikzeitung „New Musical Express“ noch einmal geklotzt – und sich gleichzeitig der glorreichen alten Zeiten erinnert. Als das Heft gerade noch 15 000mal verkauft wurde, beschlossen die Verleger, es gratis auf den Markt zu bringen, in einer Auflage von 300 000 Exemplaren, so viel wie in den goldenen Zeiten des 1952 gegründeten „NME“, den sechziger bis achziger Jahren. Genützt hat das nichts, die diese Woche veröffentlichte Ausgabe mit der jungen Punkband Shame auf dem Cover ist die letzte gedruckte, danach erscheint der NME nur noch im Internet.

London war der Nabel der Pop-Welt

Das mag der Lauf der Zeiten sein, von wegen Digitalisierung, Musikmagazin-Sterben, Niedergang der Pop-Industrie, ist im Fall des "NME" aber ein historischer Einschnitt. Denn das Blatt vermochte es lange Zeit, die Popkultur maßgeblich mit zu beeinflussen, selbst wenn dieser Einfluss oft und gerade zuletzt nur noch ein behaupteter war. Der „NME“ begleitete die Beatles und die Stones, er brachte eigene Star-Autoren und -Autorinnen wie Nick Kent, Tony Parsons oder Julie Burchill hervor. Überhaupt war er eine Art Geburtshelfer des Pop, vor allem auch des Punk in den mittleren und späten Siebzigern, als einer ihrer Herausgeber zum Jahreswechsel 1976/77 die Sex Pistols als „die strahlendste Hoffnung für das neue Jahr“ bezeichnete.

Wer sich zu der Zeit für Punk und New Wave und später für Indiepop interessierte schaute stets neidisch nach London, wo es schien, Popmusik sei das Wichtigste der Welt, wo es neben dem „NME“ noch den „Melody Maker“ gab (der 2000 vom „NME“ übernommen wurde) und beide Zeitschriften gar wöchentlich erschienen. Jede Woche ein neuer Pop-Hype, neue „News“ von gerade angesagten Bands wie New Order oder The Smiths, die wirklich groß waren, von Bands wie Wedding Present, den, My Bloody Valentine oder Jesus &Mary Chain, die der NME mit seiner von ihm veröffentlichten C-86-Compilation erst groß werden ließ.

Als Rock zum Auslaufmodelle wurde, war es um den "NME" geschehen

Der Blick des Blattes blieb jedoch schon zu jener Zeit ein beschränkter. Da mochte es noch Rave gegeben haben, die Stones Roses, Happy Mondays oder Primal Scream. Aber mit neuen popmusikalischen Strömungen aus den USA wie Hip–Hop, Chicago-House oder Detroit-Techno konnte der „NME“ wenig anfangen. Am liebsten blieb er dem Bandmodell verhaftet, und zum Glück gab es dann in den neunziger Jahren Grunge und vor allem den Britpop, den vom „NME“ wonnevoll angeheizten Kampf um desssen Krone zwischen Oasis und Blur (ach ja, und was war mit Suede, The Verve, Gene?); und später die vielen neuen, jungen Rock’n’Roll-Bands, so wie die Libertines mit ihrem ewig für Schlagzeilen sorgenden Mastermind Pete O’ Doherty, mit den Strokes und den White Stripes. Doch damit hatte es sich auch: Als Rock zu einem Auslaufmodell und es auch für junge Menschen immer weniger attraktiv wurde, sich zu Bands zusammenzuschließen, war es um den Einfluss des NME geschehen. Selbst in England wollte da niemand mehr glauben, dass die Coverbands des Heftes wirklich länger als ein paar Monate interessant sein würden.

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Nun will man digital „eine starke Zukunft für die berühmte Marke“ sichern, wie ein Manager des Verlagshauses Time Inc. sagte. Immerhin soll es noch, heißt es, eine gedruckte „NME–Gold“-Reihe geben: ein regelmäßig erscheinendes Magazin, das jeweils einer legendären Band gewidmet ist. Ein Teil der Zukunft des „NME“, man kennt das vom „Rolling Stone“, liegt in unserer Gegenwart eben auch in der Pop-Geschichte.

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