"Nochmal Deutschboden" : Moritz von Uslars Rückkehr ins brandenburgische Zehdenick

Ostdeutsche Reality-Soap, Faszination fürs Windige: Moritz von Uslar ist für „Nochmal Deutschboden“ in die brandenburgische Provinz zurückgekehrt.

Geduckte Häuser, aufregende Ödnis. Zehdenicker Straßenszene.
Geduckte Häuser, aufregende Ödnis. Zehdenicker Straßenszene.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Am 17. Mai des vergangenen Jahres, kurz vor der Europawahl, schaut auch Katarina Barley, die Spitzenkandidatin der Europa-SPD, einmal im brandenburgischen, knapp eine Autostunde nördlich von Berlin gelegenen Zehdenick vorbei. Moritz von Uslar, gerade auf Recherche- und Erlebnistour für den Nachfolger seines 2010 veröffentlichten „Deutschboden“-Buches, hatte sie eingeladen.

Da sitzt Barley also im Hinterzimmer eines Zehdenickers Hotels mit von Uslar und zwanzig Bürgern des Städtchens und fragt als erstes verwundert: „Wo sind denn die Frauen hier?“ Sie hat die Lacher auf ihrer Seite, „einen Punkt gemacht“, konzediert ihr von Uslar. Um doch – still für sich fragend – einzuwenden: „Wieso, Katarina, da saßen doch immerhin drei Ehefrauen?“

Die Frauen, sie kommen auch in Moritz von Uslars Buch mit dem Titel „Nochmal Deutschboden. Meine Rückkehr in die brandenburgische Provinz“ (KiWi, Köln 2020. 330 S., 22 €.) wenig bis gar nicht vor. Dieses Buch ist ein Männerbuch. Der Reporter, wie von Uslar sich zumeist selbst nennt, hat sich vor allem mit den Männern Zehdenicks unterhalten.

Der Reporter trifft sich auch mit AfD-Politikern

Mit denen, die er für sein erstes Zehdenick-Buch „Deutschboden“ schon kennengelernt hatte: das Brüderpaar Raul und Eric, Blocky, Speedy und Finger, der Gaststättenbetreiber Heiko Schröder, dessen Vater. Ein paar neue Bekannte sind nun auch dabei: etwa „der Kurze“, der in der Regel mit einem fliederfarbenen Damenfahrrad herumfährt. Oder ein gewisser Rambo, der dem 1970 in Köln geborenen Reporter, der hauptamtlich für das Feuilleton der „Zeit“ arbeitet, ein Naomi-Klein-Buch schenkt mit der Widmung: „Journalismus ist, etwas aufzudecken, wovon andere nicht wollen, dass es aufgedeckt wird. Alles andere ist Propaganda“. 

Und ja, doch, Moritz von Uslar bemüht sich schon auch um „das Weibliche“, wie eins der Kapitel überschrieben ist. Irgendwann fällt ihm bei seinem mehrere Monate dauernden Aufenthalt „ein eklatanter Mangel an Frauenstimmen, Frauengesichtern, (...)“ etc. auf. Weshalb er sich zumindest um den Kontakt zu einer Frau bemüht, die in einer Bäckerei arbeitet. Und zu einer weiteren, die in einer Bar kellnert, „Pretty Baby“ genannt, von ihm am Ende, nach gerade einmal einem zweiten Gespräch als „bewundernswerte, starke und tapfere Frau“ bezeichnet.

Allerdings steht nun dem „Reporter“ nicht primär der Sinn nach Geschlechtergerechtigkeit, will er nicht das Verhältnis der Geschlechter in dieser brandenburgischen Kleinstadt mit ihren knapp 15000 Einwohnern untersuchen.

Moritz von Uslar ist ehrlich - und findet sich selbst ziemlich gut

Es war, naheliegender- und verständlicherweise, die veränderte politische Situation in Deutschland, die ihn motivierte, ein zweites Mal sich in dem Ort niederzulassen und über seine Begegnungen dort zu schreiben; letztendlich das Aufkommen der AfD nach der sogenannten Flüchtlingskrise 2015, ihre so auffällig guten Wahlergebnisse in Bundesländern wie eben Brandenburg, Sachsen oder Thüringen.

Also trifft er sich nicht nur mit den Kandidaten der anstehenden Bürgermeisterwahl, sondern auch mit AfD-Politikern aus der Gegend, vier an der Zahl, darunter, nun denn, immerhin zwei weitere Frauen, Hertha L. und Sabine B., warum auch immer er in diesem Fall wie bei den beiden anderen AfD-Politikern nur die Anfangsbuchstaben der Nachnamen nennt.

Neue Erkenntnisse gewinnt von Uslar bei diesem Gespräch nicht. Vielmehr überkommt ihn „eine unfassbare Abgeturntheit“ (einer seiner Lieblingsausdrücke, wie „sooft“, wie „Riesenthema: Älterwerden“). Und – nach einer Art nachfolgender Verleumdung von einem der AfD-Politiker auf dessen Facebook-Seite – die Einsicht, „unbedingt weiter mit den windigen, den dunklen, den gefährdeten Gestalten der Kleinstadt zu tun" haben zu wollen, "es zog mich zu ihnen hin.“

Der Journalist und Autor Moritz von Uslar, 1970 in Köln geboren
Der Journalist und Autor Moritz von Uslar, 1970 in Köln geborenFoto: Till Helmbold/KiW

Die Ehrlichkeit, mit der von Uslar das nicht nur einmal betont, nimmt für ihn ein, ist durchaus sympathisch. Ein einfach bloß politisches Buch ist seine Sache halt nicht, einfach nur rausfinden, wie stark die rechte Gesinnung in Brandenburg verbreitet ist. Doch geht diese Ehrlichkeit immer einher mit einer Haltung des Sich-selbst–Tollfindens, einer semantischen Breitbeinigkeit, einer kaum gebrochenen Faszination für die Saufereien der Zehdenicker und anderer ihrer Stumpfheiten, was ja schon im ersten „Deutschboden“-Buch nicht so ganz angenehm aufstieß. 

Gelegentliche Selbstironieanstrengungen, auch Zugeständnisse, Angst zu haben, helfen da nicht. Im Gegenteil. Immer wieder mal betont von Uslar, dass ihn einer seiner Freunde oder Bekannten vor diesem oder jenem gewarnt, er sich in großer Gefahr befunden habe, er doch bitte schön nicht mehr nach Mitternacht sich allein in der in der Regel als „Scheißladen“ bezeichneten Bar aufhalten möge.

Als er am sogenannten Herrentag tatsächlich einmal eine gelangt bekommt und später mit seinem Schutzengel Raul auf dem Fahrrad in der Landschaft herumkurvt, versteigt sich der Reporter gar zu der Äußerung, dies sei nun einer der Momente, „für die ich in diese Stadt und, mehr noch, auf die Welt gekommen war.“

Beim Herrentag bekommt er eine gelangt

Nun, so viel Pathos, so viel romantische Existenzbeschwörung muss wohl sein. Es geht hier schließlich nicht nur um Zehdenick, sondern auch um das Autoren-Ich.

So steckt dieses gesamte Buch voller bewusster, vielleicht gar unbewusster Ambivalenzen. Da spürt von Uslar hier in jedem Gespräch, auf jedem T-Shirt, jeder Äußerung in den sozialen Medien das eklige rechte, das noch ekligere rechtsradikale Gedankengut auf. Subtil kommt es selbst bei den Sympathieträgern zum Vorschein. Und da weiß er dort, Popkulturkenner der er ist, einiges noch anders zu bewerten, gibt es am Ende gar einen kleinen Exkurs zur Geschichte der Skins.

„Nochmal Deutschboden“ wirkt wie ein Sammelsurium. Es ist das Porträt einiger durchaus komplexer Kleinstadt-Bewohner, aber auch eine Art Nummernrevue, der der größere gestalterische Bogen fehlt. Mal sticht die ostdeutsche Realität sehr scharf heraus, mal erinnert das Buch an eine Soap – denn alle wissen ja um den Reporter und seinen Aufnahmestift und ihren Buchfigurencharakter. Und schließlich, bei so mancher, womöglich über die Jahre einigermaßen stabil gewordenen Beziehung zwischen Moritz von Uslar und dem einen oder anderen Zehdenicker, ist auch er, wie die SPD-Politikerin, also ganz naturgemäß, plötzlich auch wieder verschwunden.

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