• Oleg Senzow drei Monate im Hungerstreik: Lasst Senzow nicht sterben: erneut internationale Appelle

Oleg Senzow drei Monate im Hungerstreik : Lasst Senzow nicht sterben: erneut internationale Appelle

Der ukrainische Filmemacher Oleg Senzow droht nach drei Monaten Hungerstreik in Lagerhaft zu sterben. Aber nicht einmal der erneute Appell von Frankreichs Präsident Macron zeigt Wirkung bei Putin.

Das Foto von Oleg Senzow in der Strafkolonie "White Bear" im hohen Norden von Russland veröffentlichte Human Rights Watch am 9. August.
Das Foto von Oleg Senzow in der Strafkolonie "White Bear" im hohen Norden von Russland veröffentlichte Human Rights Watch am 9....Foto: AFP/Human Rights Watch


Schwindende Kräfte, eine dramatisch besorgte Familie, internationale Appelle, Falschmeldungen, Informationssperre: Das ist in etwa die Lage für den ukrainischen Filmemacher Oleg Senzow, der vor genau drei Monaten, am 14. Mai, im sibirischen Straflager in einen Hungerstreik getreten. Seine Schwester (anderen Quellen zufolge seine Kusine) Natalia Kaplan nannte seine Lage "katastrophal schlecht". Senzow, der 40 Kilo abgenommen hat, stehe kaum noch auf. Auch bekomme er keine Briefe, der Inhaftierte wisse nicht, ob überhaupt noch jemand nach ihm fragt, lebe in einem Informationsvakuum. Kaplan bat zudem darum, kein Falschmeldungen zu verbreiten: Vor wenigen Tagen hatte eine russische Journalistin berichtet, Senzow sei nach Kiew ausgeflogen worden - die Nachricht erwies sich als Fake News.

Nun haben erneut rund 120 überwiegend europäische Filmschaffende, Regisseure und Schauspieler, die Freilassung Senzows gefordert, nachdem Frankreichs Präsident Emmanuel Macron den Fall letzten Freitag im Telefonat mit Putin thematisierte. Macron bat, "dringend eine humanitäre Lösung zu finden", der russische Präsident soll zugesichert haben, darauf zu antworten. Es müsse nun schnell gehandelt werden, heißt es in der Petition, die die Zeitung "Le Monde" am Montag veröffentlichte. Es sei höchste Zeit, dass Russland nicht nur eine humanitäre, sondern auch eine politische Lösung finde. "Nicht handeln, das bedeutet, Oleg Senzow sterben zu lassen", heißt es in dem Brief, zu dessen Unterzeichnern Regie-Legenden wie Jean-Luc Godard, Costa-Gavras und der Brite Ken Loach gehören. Unterschrieben hat auch die französische Kulturministerin Françoise Nyssen.

Senzow will mit seinem Hungerstreik die Freilassung aller etwa 70 ukrainischen Gefangenen in Russland erwirken, die aus politischen Gründen inhaftiert sind. Und er hoffte auf einen Öffentlichkeitsschub während der in Russland ausgetragenen Fußballweltmeisterschaft, darauf, dass Wladimir Putin sein Gesicht gegenüber dem Ausland wahren will und einlenkt. Aber nichts dergleichen geschah. Die WM ist vorbei, und der russische Staatschef ließ alle internationalen Proteste von Politikern, Kulturschaffenden und Menschenrechtlern verstreichen. Auch auf das Gnadengesuch der Mutter des Regisseurs und Maidan-Aktivisten vor gut einem Monat reagierte der Kreml hartleibig. Eine Kommission prüft, wie in solchen Fällen üblich, den Fall über mehrere Wochen, erst dann äußert sich der Staatschef. Senzows Anwalt Dmitri Dinse teilte vergangene Woche mit, sein Mandant weise sehr niedrige Werte bei den roten Blutkörperchen auf, sein Pulsschlag liege bei 40 bpm. Dennoch wolle Senzow den Hungerstreik nicht abbrechen, bevor seine Forderungen erfüllt seien. "Senzow will bis zum Ende gehen. Wenn er sterben muss, werde er eben sterben, sagt Oleg," berichtete Dinse in einem Interview mit der Deutschen Welle. Dinse rät der Ukraine, Russland einen Gefangenenaustausch vorzuschlagen.

G7, der Europarat, über tausend Künstler protestieren für Senzow

In den vergangenen Wochen und Monaten hatten sich bereits der Europarat, der G7-Gipfel, Stars wie Johnny Depp und der Schriftsteller Stephen King für Senzow eingesetzt, der 2011 mit dem Science-Fiction-Thriller "Gamer" beim Filmfestival Rotterdam sein Regiedebüt gab. Insgesamt engagierten sich über 1000 Kulturschaffende aus Osteuropa und weltweit; während der WM gab es Aktionen in rund 80 Städten.

Senzow war 2014 von der annektierten Krim vom russischen Geheimdienst nach Moskau verschleppt und 2015 von einem Gericht in Rostow am Don zu 20 Jahren Lagerhaft verurteilt worden, wegen angeblicher "terroristischer" Tätigkeiten. Dabei hatte er lediglich ukrainische Soldaten mit Lebensmitteln versorgt und gegen die Krim-Annexion protestiert. Ein Zeuge der Anklage zog seine Aussage später zurück, sie sei unter Folter entstanden. Und dass Senzows Körper beim Prozess Prellungen aufwies, wurde mit einer angeblichen Vorliebe für SM erklärt. Human Rights Watch spricht deshalb von einem politischen Schauprozess. chp


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