Trotz Krieg: Souleyman singt von den Freuden der Zweisamkeit und der Sehnsucht nach dem anderen

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Omar Souleyman : Unter falscher Flagge: Omar Souleyman
Tradition und Moderne. Omar Souleyman mit Kufiya in einem New Yorker Diner.
Tradition und Moderne. Omar Souleyman mit Kufiya in einem New Yorker Diner.Foto: Domino

Diese Elektrifizierung von orientalischen Weisen erinnert auch an den türkischen Anadolu Rock, wie er in den Siebzigern von Baris Manco oder Erkin Koray perfektioniert wurde, oder an Babazula, die seit Fatih Akins Dokumentation „Crossing The Bridge“ über die türkische Musikszene auch bei uns bekannt geworden sind.

Souleyman stammt aus der kleinen Stadt Ra’s al’-Ayn im Nordosten Syriens. Seit knapp 20 Jahren tritt er als Musiker auf und wohnt inzwischen in der Türkei. Er präsentiert sich nach wie vor als apolitischer Hochzeitssänger und nimmt in den Texten von „Wenu Wenu“ keinen Bezug auf den Bürgerkrieg in seiner Heimat. Stattdessen geht es in den sieben neuen Liedern pausenlos um die Freuden der Zweisamkeit, um die Sehnsucht nach dem anderen und darum, wie wunderbar es ist, sich endlich gefunden zu haben. Und der Sänger hat ja recht: Geheiratet und geliebt wird immer. Auch jetzt, auch heute in Syrien. Doch selbst wenn Omar Souleyman einfach seinen alten Job weiterführt, bekommt seine Musik angesichts der schier aussichtslosen Lage in Syrien einen anderen Kontext. Eine Hochzeitsfeier in Kriegszeiten wird niemals dieselbe Unbeschwertheit haben wie eine zu Friedenszeiten.

Ganz ignoriert der Sänger die Politik dann doch nicht: Auf dem Cover seiner Platte ist ein gemalter Omar Souleyman zu sehen, der mit einem Mikrofon vor der syrischen Flagge posiert – als spreche er auf einer Kundgebung. Das wird ihm zwangsläufig als Bekenntnis zum Assad-Regime ausgelegt werden. Hat die syrische Opposition doch schon längst die ehemalige syrische Flagge, in der der rote Streifen durch einen grünen ersetzt wird, zu ihrem Symbol erkoren. Souleyman lässt sich so auf ein eigenartiges Spiel mit Ambivalenzen ein. Allerdings spielen in seiner Band zwei Kurden mit – eine von Assad nicht gerade geliebte syrische Minderheit.

Produziert wurde Omar Souleymans „Wenu Wenu“ vom Londoner Elektronikmusiker Kieran Hebden in Brooklyn. Das Album richtet sich so eindeutig wie keines seiner vorherigen Werke an eine westliche Hörerschaft, an Briten und Amerikaner, an diejenigen, die Baschar al Assad so gerne als die Verschwörer hinter den Aufständischen in seinem Land verurteilt. „Omar“ steht im Rot der Flagge. Wer das sieht und den irren Sound von „Wenu Wenu“ hört, versteht bald, dass es hier weder um Assads Syrien noch um das der Opposition geht, sondern eher um ein Land, das Omar Souleyman sich ausgedacht hat.

Omar Souleyman „Wenu Wenu“ erscheint am 18.10. bei Domino Records

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