„Opera for Sale“ an der Neuköllner Oper : Wohnst du noch?

Die vorerst letzte Vorstellung in der Neuköllner Oper erzählt von Wohnungsnot und Gentrifizierung. Und alle Beispiele sind real.

In der kleinsten Hütte. Szene aus Felix Krakaus „Opera for sale“.
In der kleinsten Hütte. Szene aus Felix Krakaus „Opera for sale“.Foto: Matthias Heyde

Ein anderes Thema, für 90 Minuten immerhin: Das tut fast gut. Am Donnerstag hat die Neuköllner Oper ihre Premiere von „Opera for Sale“ noch gezeigt, bevor sich jetzt auch hier der Vorhang senkt, aktuell bis zum 19. April.

Und es ist ja tatsächlich so, dass zwar die Corona- Krise alles dominiert, aber Probleme wie die Wohnungsnot auf dem Berliner Immobilienmarkt trotzdem, nun ja, viral bleiben – und ihre ganz eigene apokalyptische Erzählkraft entwickeln.

Regisseur Felix Krakau hat aus dem Material, das das investigative Journalistennetzwerk Correctiv gemeinsam mit dem Tagesspiegel im Projekt „Wem gehört Berlin“ 2018 recherchiert hat, einen Musiktheaterabend gestrickt. In dem ist die Neuköllner Oper – so die überwölbende Story – selbst Opfer der Entwicklung: Sie wurde gekauft, heißt jetzt Angel Dust Property GmbH Opera Neukölln.

Den Wohnungsnotstand gibt's ja auch noch

Ein fesches, gut gelauntes Empfangskomitee (mit vollem Einsatz: Kilian Ponert, Teresa Scherhag und Lou Strenger) geleitet Besucherinnen und Besucher zu den Sitzen der kleinen Studiobühne, wo ein verschachteltes Gestänge Wohnraumassoziationen weckt.

Sie preisen das Custom Made Development des neuen Hauses, dreschen entsetzliche Phrasen („ein Stück Broadway am Hermannplatz“). Sogar eine Tiefgarage gibt es jetzt.

Als Leitmotiv versprechen sie gefühlt alle zwei Minuten „authentisches Berliner Musiktheater“. Eine schöne Selbstentlarvung. Denn Authentizität ist ein scheues Reh. Wird sie als solche benannt, gibt es sie schon nicht mehr.

Bald kommt der Bruch. Jetzt schlüpfen die drei in andere Rollen, erzählen, wie das Kapital über Berlin herfiel, dazu gibt’s Tonfetzen aus Mozarts „Don Giovanni“: Reich mir die Hand, mein Leben. Investoren würden natürlich niemals so reden.

Wie das Kapital über Berlin herfiel

Die Waffe „Milieuschutzgebiet“ erweist sich bald als stumpf, anonyme, weitverzweigte Briefkastenfirmen mit Disney-Namen wie „Crystal Snow Drop“ kaufen Abertausende von Wohnungen, bald weiß selbst der Senat nicht mehr, wem die Häuser gehören: „Du kannst wochenlang suchen und findest doch nichts. Ein Nichts aus Geld.“

Alle Beispiel sind real, basieren auf Geschichten, die Berliner Mieterinnen und Mieter auf einer von Correctiv bereitgestellten Internetplattform erzählt haben. Viele Fake-Firmen gehören, wenn man die Besitzverhältnisse lange genug zurückverfolgt, der britischen Pears Group: „Wie kann es sein, dass eine Familie 3000 Wohnungen in Berlin besitzt und niemand weiß es?“, heißt es im Stück.

Die nüchterne Erkenntnis: Die Stadt ist ein Anlagedepot, und Wohnungen fühlen sich ohne Menschen eben einfach wohler!

Eine Familie besitzt 3000 Wohnungen in Berlin

Musik spielt an diesem Abend übrigens eine Nebenrolle, gesungen wird eher wenig, dafür grundieren Doron Segal (Synthesizer) und Omri Ambramov (Saxofon) die Atmosphäre mit Klängen von Yval Halpern. „Opera for Sale“ greift tatsächliche Verhältnisse auf und projiziert sie, durchaus gelungen, in die Zukunft.

Da wird die „Blackrock City of Berlin“ zum Konglomerat aus Freizeitparks und Wellnessanlagen.

Inmitten dieser Dystopie kulminiert der Abend dann plötzlich in einer rührenden Utopie: Hätte Berlin den Kampf nicht gewinnen können? Mit Verstaatlichungen, mit großen, hellen Wohnungen und einem sozialen Wohnungsbau, der diesen Namen verdient?

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