Osterfestspiele der Berliner Philharmoniker : In diesem Garten blüht die Liebe

Berlin zu Gast im Schwarzwald: Zum sechsten Mal fluten die Berliner Philharmoniker Baden-Baden mit Musik. Die Osterfestspiele sind mehr als ein Society-Event.

Größe ist nicht entscheidend. Rubén Olivares Jofré und Julie Erhart in Mozarts „Gärtnerin aus Liebe“.
Größe ist nicht entscheidend. Rubén Olivares Jofré und Julie Erhart in Mozarts „Gärtnerin aus Liebe“.Foto: Jochen Klenk/Festspielhaus

Wenn die Berliner Philharmoniker ihre Osterfestspiele in Baden-Baden veranstalten, haben sogar jene etwas davon, die sich gar nicht für Klassik interessieren. Denn am ersten Festivalwochenende gibt es einen verkaufsoffenen Sonntag, zu dem der halbe Nordschwarzwald in Baden-Baden einfällt. Begrüßt werden die shoppingaffinen Gäste vom Bundesjugendorchester, das in der Fußgängerzone kleine Pop-up-Konzerte gibt – auch, um für ihren eigenen Auftritt im Festspielhaus zu werben.

Dass der nationale Nachwuchs einen festen Platz im Programm hat, war Simon Rattle eine Herzensangelegenheit, als die Philharmoniker ihr Frühjahrsfestival 2013 neu definieren konnten. In Salzburg hatte Herbert von Karajan 1967 die Osterfestspiele als Plattform für seine Opernprojekte gegründet, zeitlich so terminiert, dass seine wohlhabenden Fans auf dem Rückweg aus dem alpinen Wintervergnügen hier einen Kulturstopp einlegen konnten. Ein Après-Ski-Event für die High Society aber passte schon lange nicht mehr zum gewandelten Selbstverständnis des Orchesters.

Um auch im 21. Jahrhundert weiter ganz vorne mitspielen zu können, hatten die Musikerinnen und Musiker spätestens mit dem Start der Ära Rattle 2002 ihre Ziele in Richtung Vielfalt und Zugänglichkeit erweitert. Andreas Mölich-Zebhauser, der Intendant des Baden-Badener Festspielhauses, bot ihnen die Möglichkeit, ihre Visionen umzusetzen. Und zum Beispiel jedes Jahr im Frühling die gesamte Stadt mit Kammermusik zu fluten.

Sphärenklänge, Jodler und Schrammel-Walzer

Und zwar zu zivilen Preisen. Oper im 2500 Plätze Zuschauer fassenden Festspielhaus kostet zwischen 59 und 360 Euro, große Sinfonik bis zu 260 Euro, die „Meisterkonzerte“ aber sind bei freier Platzwahl zum Einheitspreis von 25 Euro zu haben. Sie finden im Kurhaus statt und in den Kirchen der 54 000-Einwohner- Gemeinde, in der Orangerie von Brenners Park Hotel oder auch in den stucküberladenen, blattgoldenen Sälen des Casinos (Zutritt ab 21 Jahren, Jackettpflicht für Herren, Krawatte erwünscht).

Im Museum Frieder Burda wiederum, dem besten modernen Bau der Stadt, schneeweiß und streng geometrisch entworfen vom amerikanischen Architektenstar Richard Meier, spielen die Philharmoniker Neue Musik, passend zum Ausstellungsprogramm mit zeitgenössischer Kunst. Der philharmonische Geiger Holm Birkholz, der auch selber komponiert, ist hier beispielsweise mit seinem Kollegen Manfred Preis an der Bassklarinette zu erleben, bei einer Matinee, die nicht weniger will, als ins Weltall abzuheben. „Sternengeflüster“ und „Sommernachtstraum“ hat Birkholz zwei seiner Suiten genannt, die meditative Naturbetrachtungen sind, von Klangschalen und Gong atmosphärisch sanft grundiert.

Auch wenn die Interpreten in ihren weißleinenen Mönchshemden den Hauch des Esoterischen, der hier weht, durchaus auch optisch unterstreichen, besitzen sie gleichzeitig genug Selbstironie, um die entrückten Sphärenklänge mit volkstümlich-urigen Jodlern zu kontrapunktieren, von Manfred Preis auf der Steierischen Ziehharmonika vorgetragen. Zum Kehraus stimmt Birkholz dann auf seiner Geige sogar in einen Schrammel-Walzer ein.

Christian Carsten inszeniert sehr musikalisch

In einem ganzen Dutzend verschiedener Kammermusikformationen zeigen die Philharmoniker in den zehn Festivaltagen ihren nahezu unbegrenzten stilistischen Horizont, die Educationabteilung bietet passend zur „Parsifal“-Opernproduktion einen „Ritter Perceval“ für Kinder ab dem Grundschulalter, und die Stipendiaten von der orchestereigenen Karajan-Akademie sitzen bei Mozarts „Gärtnerin aus Liebe“ im Mini-Orchestergraben des Baden-Badener Stadttheaters.

Das Neobarock-Schmuckkästchen, das 1862 mit Hector Berlioz’ „Béatrice et Bénédict“ eingeweiht wurde, ist dem Franzosen Edouard Benazet zu verdanken, dem damaligen Spielbankbetreiber. Er holte Architekten aus seiner Heimat nach Baden-Baden, die dafür sorgten, dass nicht allein das Theater und die Innenausstattung des Casinos westrheinische Eleganz zeigen, sondern auch viele Villen und Hotels aus der goldenen Epoche der „Sommerhauptstadt Europas“.

Die Gesangssolisten der Produktion von Mozarts Frühwerk kommen von der „Akademie Musiktheater heute“ der Deutschen Bank und durchleben in ihrer Jugendfrische die Liebesturbulenzen, um die es in diesem dramma giocoso geht, wunderbar glaubwürdig. Regisseur Christian Carsten gelingen ein paar sehr schöne, gute gesetzte Pointen, vor allem aber inszeniert er sehr musikalisch, entwickelt die szenische Aktion immer direkt aus dem klanglichen Geschehen.

Emotionales Bäumchen-wechsel-dich-Spiel

Bestens funktioniert auch die Idee, die beiden lustigen Rollen des Stücks gar nicht singen zu lassen, sondern an Schauspieler des Baden-Badener Theaters zu vergeben, die ihre Texte zum einen in den Ensembleszenen rhythmisch sprechen, wo es witzig wirkt, aber gerne auch mal ungeniert in die Musik hineinquatschen.

Und auch die Zufallskonstellation, dass Julie Erhart als Arminda ihren Verlobten, den Grafen Belfiore (Rubén Olivares Jofré), um Haupteslänge überragt, wird natürlich zur Erheiterung des Saales voll ausgereizt. Offiziell wird die „Gärtnerin aus Liebe“ am 7. April in Berlin zwar nur in einer Konzertversion im Kammermusiksaal der Philharmonie gezeigt, ihre knallbunten Retrokostüme im Fiftieslook aber werden die Darsteller dann sicher mitbringen – und für ihr emotionales, dem echten Leben abgeschautes Bäumchen-wechsel-dich-Spiel brauchen sie eigentlich auch gar kein Bühnenbild.

Der Dirigent der Mozart-Oper stammt übrigens aus den Reihen der Berliner Philharmoniker selber. Es ist der 1984 geborene Simon Rössler, hauptberuflich Schlagzeuger im Orchester.

Das Sinfoniekonzert zeigt Arte am Ostersonntag

Während das vor 20 Jahren gebaute Festspielhaus für Musiktheater ideale Bedingungen bietet, gilt die Akustik bei Sinfoniekonzerten als heikel. Im sechsten Baden-Badener Frühling allerdings sind die Philharmoniker mit der Location so vertraut, dass Richard Strauss’ prachtvolles „Don Juan“-Tongedicht hier seine ganze erotische Verführungskraft entfalten kann und die Mezzosopranistin Elina Garanca bei Alban Bergs frühen Liedern wie auch bei Ravels „Shéhérazade“ über einen vollendet aus den Fäden aller Stimmgruppen verwebten Klangteppich schreiten kann.

Das umjubelte Konzert, dessen Aufzeichnung Arte am Ostersonntag ausstrahlt, ist ganz nach Rattles Geschmack: Lauter Partituren, die von der ästhetischen Diversität zeugen, die um 1900 die Musikwelt so revolutionär lebendig machte, und dazu eines seiner absoluten Lieblingsstücke als krönender Abschluss. Strawinskys „Pétrouchka“-Ballett nämlich, bei dem die umwerfend virtuosen Philharmoniker noch einmal den Leitspruch feiern können, der über der ganzen Ära Rattle leuchtete: Rhythm is it!

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