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Max Liebermanns Gemälde „Haus am Wannsee“ von 1926 in der Alten Nationalgalerie.
© Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Jörg P. Anders

Zum 175. Geburtstag: Persönlicher Blick auf Max Liebermanns Werk

Sozialrealismus bis Impressionismus: zwei Ausstellungen in der Alten Nationalgalerie und in der Villa Liebermann zeigen die Vielfalt von Liebermanns Schaffen.

In Max Liebermann wird der Repräsentant des bürgerlichen Zeitalters verehrt, der langjährige Präsident der Akademie der Künste, vertraut mit den Größen seiner Zeit, wie Thomas Mann, der an Liebermann den berlinischen Tonfall schätzte.

Aber Liebermann war bereits 53, als das neue, das 20. Jahrhundert anbrach. Seine künstlerische Stellung hatte er sich hart erkämpfen müssen. Erst der gemäßigte, am französischen Vorbild geschulte Impressionismus, den er in reifen Jahren kultivierte, passte vorzüglich zu seinem Lebensstil, zumal der 1910 bezogenen Villa am Wannsee, deren farbfrohen Garten er beständig malte.

Der 175. Geburtstag des 1847 geborenen Malers am heutigen 20. Juli mag kein ganz rundes Jubiläum sein, aber doch ein Anlass, sich seiner Kunst zu entsinnen. Zwei Ausstellungen bilden den Rahmen, in der Wannsee-Villa ein Extrakt der holländischen Motive in seinem Werk, in der Alten Nationalgalerie ein Gutteil des Bestandes, den das Haus bewahrt.

Kabinettausstellung mit Lieblingswerken

13 Gemälde – von 22 insgesamt – zeigen die Spannweite des Liebermann’schen Œuvres, vom Sozialrealismus der Studienjahre bis zum flirrenden Impressionismus wie auch der strengen Portraitmalerei des Spätwerks. Für Ersteres stehen die „Gänserupferinnen“, die der 24-Jährige 1871 malte und damit eine Richtung einschlug, die ihm den Schimpfnamen „Apostel der Hässlichkeit“ eintrug, für Letzteres die herrlich sommerduftende „Gartenbank“ von 1916, aber auch das von Altersmelancholie umwehte „Selbstbildnis an der Staffelei“ von 1925.

Ralph Gleis, der unlängst aus dem Interim zu dauerhaftem Direktorat der Alten Nationalgalerie berufen wurde, sucht mit der Kabinettausstellung neue Wege zu gehen. Unterschiedliche Personen, von der Aufsichtsdame bis zum Filmschauspieler, wählten sich ein Lieblingsbild und erläuterten ihre Wahl in kurzen Statements – abzurufen im Museum über einen QR-Code neben der Bildbeschriftung. Damit greift die Alte Nationalgalerie das technische Potenzial auf, das ohnehin nahezu jeder Besucher in der Hand hat, das Smartphone. Zudem sind Abbildungen der Werke plus Kurztext in einer Broschüre greifbar.

Eine umfassende Ausstellung stand nicht zur Diskussion, denn im kommenden Sommer sollen die drei Künstlervereinigungen der Zeit um 1900 von Berlin, München und Wien, die jeweils als „Sezession“ firmierten und ihre Abspaltung vom offiziellen Kunstbetrieb erklärten, vorgestellt werden, an der Spitze ihre Protagonisten Liebermann, Franz von Stuck und Gustav Klimt.

Liebermanns Garten am Wannsee – ein Ausflugsziel

Liebermann, der im heutigen Berlin solche Popularität genießt,  war nicht immer so selbstverständlich im öffentlichen Bewusstsein. 1979 richtete die Neue Nationalgalerie in West-Berlin die bis heute überhaupt größte Liebermann-Retrospektive aus, mit an die 500 Katalognummern (nicht ausschließlich Arbeiten Liebermanns) und der Feststellung im Vorwort, dass „dieser bedeutende Künstler (…) heute fast vergessen“ sei.

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Das ist zum Glück gründlich revidiert, und man kann daran ermessen, was seither geleistet worden ist; nicht zuletzt die Stiftung Brandenburger Tor, die im in ähnlicher Gestalt wiedererrichteten Stadthaus des Künstlers an diesem Ort residiert, erinnert auch jetzt wieder mit einem Veranstaltungsprogramm an Liebermann.

Lesen Sie bei Tagesspiegel Plus: Noordwijk auf Max Liebermanns Spuren

Und erst recht die Villa am Wannsee ist zu einem selbstverständlichen Ort geworden, einem Ausflugsziel, das über das künstlerische Werk ihres einstigen Besitzers hinaus eine Vorstellung gibt vom gesellschaftlichen Leben eines durch die Nazis unwiederbringlich zerstörten Zeitalters.

[Alte Nationalgalerie, Museumsinsel, bis 13. November. Broschüre unentgeltlich. – Liebermann-Villa am Wannsee, bis 19. September. Heute „Gartentag“, 10-18 Uhr. Gesamtprogramm unter liebermann-villa.de]

Helle Strandansichten, schwerer Himmel über den Dünen

Derzeit wird ein wichtiges, bisweilen übersehenes Kapitel in Leben und Werk Liebermanns ausgebreitet: seine Mal-Aufenthalte in Holland, voran im Nordseebad Noordwijk. Ein Dutzend Arbeiten, bis auf eine Landschaft aus dem Bestand der Nationalgalerie, konnten für die Ausstellung „Küste in Sicht! Max Liebermann in Noordwijk“ aus Privatbesitz hergeliehen werden; noch immer, ja mehr denn je ist Liebermann ein Maler für Liebhaber.

So duftig hell die Strandansichten daherkommen, hat sich Liebermann doch darauf nicht festgelegt; auch über den Dünen liegt bisweilen ein schwerer Himmel wie auf der, an altniederländischer Malerei geschulten „Landschaft bei Noordwijk“ von 1907. Absolut hinreißend sind die kleinformatigen Studien, wo zwei, drei Striche mit der Pastellkreide genügen, Strandsaum oder Wellenkamm anzudeuten.

Von dieser Malerei möchte man mehr sehen, immer noch mehr! Doch erst der Blick in die Alte Nationalgalerie zeigt, dass Liebermann so viel mehr ist als ein Chronist heiterer Sommerfrische. Und dass Mut und Standhaftigkeit nötig waren, ein Großformat wie die zweieinhalb Meter breite „Flachsscheuer in Laren“ von 1887 zu malen: als nüchterne Schilderung mühseliger Arbeit und zugleich als großartige Malerei von Licht und Dunkelheit. Auch dieses Bild, wie so viele, geht auf eine Reise nach Holland zurück.

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