Perückenkonzerte in Berlin : Zu Gast bei Fürsten

Die Perückenkonzerte im Schloss Charlottenburg sind Klassik-Maskeraden. Oder handelt es sich vielleicht doch um Kunst?

Das Gestern im Heute. Die Kostüme sind der Rokoko-Mode frei nachempfunden und keine exakte Kopien.
Das Gestern im Heute. Die Kostüme sind der Rokoko-Mode frei nachempfunden und keine exakte Kopien.Foto: Veranstalter

Mit dem Slogan „Königin und König für ein Jahr“ wirbt die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten für ihre 12 Monate gültige Dauerkarte. Wem’s eine Nummer kleiner reicht, der kann sich bei den Berliner Residenz Konzerten einen Abend lang zu Gast bei Fürstens fühlen. In der Orangerie des Schlosses Charlottenburg spielt ein Musikensemble immer mittwochs und samstags wie zu Zeiten Friedrichs des Großen mit Perücken auf dem Kopf und in Livree. Kerzen brennen zu beiden Seiten der hölzernen Notenständer, ein Zeremonienmeister begrüßt die Gäste und führt sie durch die Soiree.

Klassik in den historischen Gemäuern hochadeliger Behausungen kann man in Berlin sonst nirgendwo erleben. Wobei die Orangerie auch nur ein Nachbau des vom Architekten Eosander von Göthe entworfenen Originals ist, das im Krieg zerstört wurde. Im Mittelsaal des lang gestreckten Gebäudes fällt ein abstraktes Deckengemälde aus den siebziger Jahren ins Auge, den Fußboden decken schlichte Fliesen. Sonst aber herrscht eine hochherrschaftliche Atmosphäre. Für ihre Zwecke haben die Berliner Residenz Konzerte die Halle mit den eleganten Doppelsäulen und der umlaufenden Galerie mit wuchtigen Plüschsesseln möbliert, die sehr nach Theaterfundus aussehen mit ihren grob gearbeiteten, in Goldbronze angepinselten Rokokoverzierungen.

Historisch korrekt sind die Kostüme nicht

Was der kunstgeschichtlich geschulte Blick sofort negativ registriert, stört die allermeisten Besucher nicht. Denn sie lassen sich gerne vom Talmi verzaubern. „Eventkonzerte“ nennt Guido Böhm das, was hier angeboten wird. Der promovierte Theaterwissenschaftler, der die Programme des Berliner Residenz Orchesters konzipiert, kennt sich in der Geschichte der Schönen Künste am preußischen Hof bestens aus. Doch hier handelt es sich nicht um ein wissenschaftliches Forschungsprojekt, sondern um ein privatwirtschaftlich geführtes Unternehmen, das sich am Freizeitmarkt behaupten muss. Eine korrekte Kopie der Divertissements des 18. Jahrhunderts wird also nicht angestrebt, die Kostüme sind zwar von Profis geschneidert, stilistisch aber den Moden der Zeit frei nachempfunden. Und es wird auch nicht auf historischen Instrumenten musiziert, mit Darmsaiten und Barockbögen.

Und doch hat das, was hier zu erleben ist, mit den Shows von Klassik-Entertainern wie André Rieu wenig zu tun. Guido Böhm versucht in den Programmen einen Bezug zum kulturellen Leben der Hohenzollern herzustellen. Johann Sebastian Bach, der für Friedrich den Großen sein „Musikalisches Opfer“ schuf, hat dabei natürlich ebenso einen Platz wie sein Sohn Carl Philipp Emanuel Bach, der drei Jahrzehnte im Dienst des Königs stand.

Abwechslungsreiche Dramaturgie

Nur noch Kennern bekannt sind die Hofkomponisten Quanz, Graun oder Benda – und doch werden sie bei diesen Konzerten ins Rampenlicht gerückt. „Es kommt auf den richtigen Mix aus Raritäten und Stücken mit Wiedererkennungswert an“, sagt Böhm. Und auf eine abwechslungsreiche Dramaturgie. Bei jedem Konzert sind zwei Sänger dabei, außerdem präsentieren bis zu vier Musikerinnen oder Musiker aus dem zwölfköpfigen Ensemble Ausschnitte aus Solokonzerten.

Im aktuellen Sommerprogramm, das Mozarts Berlin-Besuch von 1789 in den Mittelpunkt stellt, folgt auf die allererste Sinfonie des Wolferl-Wunderkindes eine Komposition seines Vaters Leopold, Haydns C-Dur-Cellokonzert sowie die „Sinfonie Veneziana“ seines vermeintlichen Gegenspielers Antonio Salieri. Erlaubt ist, was gefällt. Wilde Programmmischungen waren bis ins 20. Jahrhundert hinein nämlich völlig normal: Je nach verfügbarem Künstlerangebot wurden Gesangsnummern, Virtuosenstücke, Opernouvertüren und Sinfonisches nonchalant miteinander kombiniert.

Musikangebot wurde über die Jahre vielseitiger

Die Zeitreise-Soireen waren nicht von Anfang an so sorgfältig gestaltet. Gestartet wurden sie als Import aus Wien, wo sich schon lange diverse Veranstalter von „Perückenkonzerten“ gegenseitig Konkurrenz machen und kostümierte Touristenfänger überall in der Innenstadt versuchen, ahnungslose Stadtgäste in dubiose Bespaßungsveranstaltungen zu locken. Auch in Charlottenburg wurde zunächst in Dauerschleife jahrelang dasselbe Programm abgenudelt. Doch weil sich herausstellte, dass es mehrheitlich Einheimische sowie Berlinbesucher aus der näheren Umgebung sind, die sich die Tickets kaufen, entschloss man sich nach einem Wechsel im Management, das Musikangebot vielseitiger zu gestalten.

Dass man Tickets für die Residenz Konzerte seit diesem Jahr auch an der Kasse des Schlosses Charlottenburg kaufen kann, zeigt, wie sehr die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten ihre Orangerie-Mieter schätzt. Das wiederum hat die Organisatoren ermutigt, in Mitte aktiv zu werden: Im Bode-Museum tritt das Streichquartett des Berliner Residenz Orchesters auf (Nächster Termin: 29. 9.), gewissermaßen als bürgerlicher Ableger der Schloss-Divertissements. Wer mag, kann erst Kaffee und Kuchen einnehmen, dann im Gobelinsaal Klassisch-Romantisches von Dvorak, Tschaikowsky und Mozart hören und sich anschließend noch durch die Ausstellungshallen führen lassen.

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