Peter Maffay im Interview : „Das härteste Video, das wir je gemacht haben“

Peter Maffay wird 70. Er hat als Pop-Künstler fast alles erreicht. Und er ist wütend. Ein Gespräch über Gott, die Kindheit in Rumänien – und Herta Müller.

Der nachdenkliche Rocker. Das Motorrad steht vor der Tür, die Tattoos sitzen bei Peter Maffay immer noch gut.
Der nachdenkliche Rocker. Das Motorrad steht vor der Tür, die Tattoos sitzen bei Peter Maffay immer noch gut.Foto: W. Köhler

Berlin, Köthener Straße, Hansa Studios. An der Wand Goldene Schallplatten, Bilder von David Bowie, der hier „Heroes“ aufgenommen hat. Depeche Mode, Nick Cave, Udo Jürgens oder Roland Kaiser haben in den Hansa Studios produziert. Er ist hier auch zu Hause: Peter Maffay empfängt und gibt Interviews am historischen Ort. Am 30. August wird er 70, ein neues Album („Jetzt“, bei Sony) erscheint, mit einem Konzert in der Columbiahalle wird er in den Geburtstag hineinfeiern.

Wir sitzen im Studio zwischen Schlagzeug und Klavier. Maffay wirkt gelöst, ausgeruht, reflektiert. Geboren 1949 in Brasov, Rumänien, schaut er auf eine lange und unwahrscheinliche Karriere zurück. Über 50 Millionen verkaufte Tonträger, 18 Nummer-eins-Alben, ausverkaufte Tourneen, Vater des Tabaluga-Drachenmärchens, ein gemeinnütziger Verein, vier Ehen. Wenn es ewige Jugend gibt, dann möchte man vielleicht so altern.

Herr Maffay, wir haben gerade Ihr neues Album angehört, dabei sind mir zwei Lieder aufgefallen, „Morgen“ und „Größer als wir“. Das eine ist ein klassisches Protestlied, das andere dreht sich um ein höheres Wesen. Beschäftigen Sie sich mit Gott?
Das habe ich eigentlich immer getan, da gibt es über die Zeiten eine Reihe von Songs dazu. Jetzt hat das Thema durch die vielen religiös begründeten Konflikte in der Welt für mich eine andere Färbung bekommen. Ich frage mich, warum schaffen wir es nicht, zu akzeptieren, dass es den Einen gibt und keiner den Anspruch erhebt, den Besseren zu haben.

Sind Sie religiös aufgewachsen?
Eigentlich nicht. In Rumänien bin ich in die atheistische Staatssicht hineingeboren worden. Kirchliche Aktivitäten wurden bestenfalls toleriert. Ich hatte mit Religion nicht viel zu tun. Mein Anteil am Gottesdienst beschränkte sich darauf, dass ich mit zwölf, 13 Jahren auf dem Blasebalg herumhüpfte, damit der Organist in der Martinskirche spielen konnte.

Mit Ihrem gemeinnützigen Verein Horizon e. V. haben Sie vor einigen Jahren diese Kirche restauriert.
Ja, das Dach und die Orgel. Ich war jetzt wieder einmal dort.

Es zieht Sie immer wieder zurück. Man reist wohl nie ganz aus?
Das Datum der Ausreise weiß ich genau. Es war am 23. August 1963, da gingen wir nach Deutschland. Aber so einfach war es nicht. Wenn man einen Ausreiseantrag gestellt hatte, outete man sich als jemand, der den Staat ablehnte. Und der Staat reagierte damit, dass man für die Rückgabe der Staatsbürgerschaft bezahlen musste. Die hatten in ihre Bürger investiert, so wurde das gesehen. Sie wollten Geld, Valuta. Sie verdienten an den Auswanderern. Meine Großmutter hat ihre Ersparnisse dafür gegeben.
Mein Vater musste etliche Male bei der Securitate antreten und erklären, warum die Familie ausreisen wollte. Und schon vorher hatte er mit der Staatssicherheit zu tun, weil ihn die Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg eingezogen hatte. Er war auf der falschen Seite, mit 17! Kanonenfutter! Es dauerte anderthalb Jahre vom Antrag bis zur Ausreise, so lange mussten wir warten. Mein Vater wurde arbeitslos, meine Mutter konnte nicht arbeiten gehen. Um zu überleben, verkauften wir das wenige, das wir besaßen.

Auch Herta Müller, die Literaturnobelpreisträgerin, stammt aus Rumänien. Sie reiste erst 1987 in die Bundesrepublik aus. Haben Sie sich einmal darüber ausgetauscht?
Wir haben uns einmal in Berlin getroffen. Herta Müller war erschreckend ehrlich. Sie sagte: „Ich habe lange Zeit überhaupt nichts von Ihnen gehalten.“

Sie mochte wohl Ihre Musik nicht?
Ich war sprachlos. Sie meinte: „Sie hatten doch so viele Gelegenheiten, sich über die Verhältnisse in Rumänien zu äußern, und haben es nicht getan.“ Ich gebe zu, der Vorwurf war damals gar nicht unberechtigt. Sie ist radikal, sie nimmt kein Blatt vor den Mund.
Ich aber war, als ich aus Rumänien kam, politisch überhaupt nicht informiert. Ich musste mir erst draufschaffen, was sie schon lange draufhatte. Es hat bei mir etwas gedauert, bis ich begriffen habe, dass man mit Musik auch etwas anderes transportieren kann als „Ich liebe dich“.

Es war also Sommer, sie waren 14, als die Ausreise in den Westen endlich klappte.
Wir zogen nach Bayern, nach Waldkraiburg, in eine neue Stadt, die auf Bunkern und ehemaligen Munitionsfabriken gebaut war. Dort wohnten viele neue Bürger, die aus Böhmen oder Rumänien kamen. Ich stieg in eine Schülerband ein und verlor das Interesse an allen anderen schulischen Themen. Im letzten Jahr im Gymnasium habe ich 85 Tage gefehlt.

Und es wurde nichts mit dem Abitur?
Mein Vater schickte mich nach München in eine Lehre als Chemigraf, die ich auch nicht zu Ende gebracht habe. Mir war klar, dass ich Musik machen wollte. Meine Eltern hat das erschreckt, mich nicht. Ich dachte nicht darüber nach, dass eine Musikkarriere auch sehr kurz sein kann.

Das trifft auf etliche Ihrer Kollegen von damals zu. Sie sind nicht mehr da oder müssen kämpfen. Sie gehören zu den wenigen Überlebenden dieser Schlager- und „ZDF-Hitparade“-Zeit.
Na ja, ein paar Dinosaurier gibt es noch in diesem Zirkus.

Sie feiern mit einem Konzert in Berlin in Ihren 70. Geburtstag hinein, und 2020 gehen Sie auf 50-Jahre-Jubiläumstour. Das ist eine gewaltige Zeitspanne. Erinnern Sie sich noch, was Sie an Ihrem 20. Geburtstag gemacht haben?
Nein, keine Ahnung. Aber es war das entscheidende Jahr. Michael Kunze hatte mir einen Plattenvertrag besorgt, wir nahmen „Du“ auf. Und dann ging es los. Über die Konsequenzen des Daseins als Schlagersänger habe ich natürlich damals nicht nachgedacht. Es war ein großes Abenteuer. In München hausten wir zu viert in einer Bruchbude, ich hatte in der Lehre 125 Mark monatlich. Und plötzlich fahre ich mit einem alten VW-Käfer, den ich mir gekauft hatte, mit meiner Gitarre, zwei Playbacks und meinem Schlafsack durch Deutschland und fange an zu tingeln.
Und verdiene am Abend, was ich bis dahin im Monat hatte. So fuhr ich von einer Disko zur nächsten, klopfte an der Tür und sagte: Hallo, ich bin Peter Maffay und soll heute hier spielen – na, dann komm mal rein. So lief das damals. Am nächsten Morgen war ich wieder auf der Autobahn. So lernte ich Land und Leute kennen.

Und Sie haben eigentlich immer auf Deutsch gesungen.
Das war eine frühe Entscheidung. Es gab auch Projekte, wo ich englisch gesungen habe. Aber mein Publikum ist ein deutsches und versteht mich in dieser Sprache am besten. Nun gut, man hat lange gesagt, dass das Deutsche für die angloamerikanische Musik, die wir adaptiert haben, ein bisschen sperrig ist. Es dauerte eine Weile, bis klar wurde, dass man genauso gut auf Deutsch singen kann.

Wir sprechen jetzt von den 70er Jahren?
Da kam plötzlich einer, das war Udo Lindenberg, der benutzte die deutsche Sprache so, dass sie mit der Musik einherging und kompatibel war. Mit seinen Formulierungen, seiner Diktion, seinen typischen Wendungen klang das alles ganz anders. Die deutsche Sprache ist so reichhaltig, man muss nur lernen, damit umzugehen.

Man hört es beim „Morgen“-Lied auf Ihrem neuen Album. Es steckt voller Wut und Furcht, das Video zeigt Hitler und Nazi-Aufmärsche, Donald Trump und zerstörte Umwelt. Sie singen einen harten Text: „Bilder von Kindern mit durstigen Augen/Fanatiker töten mit Messern und nennen das Glauben/Jeder schmeißt Bomben für den eigenen Frieden/Und Menschen werden umgebracht/Weil sie die Falschen lieben …“ Wie ist dieses Lied entstanden?
Es ist das härteste Video, das wir je gemacht haben. Es zeigt aber nur einen Teil der Realität, die jeden Tag stattfindet. Mein Sohn ist 16 Jahre und meine kleine Tochter ist neun Monate alt. Mich beschäftigt deren Zukunft immens, und ich kann mir keine Mutter und keinen Vater vorstellen, denen es nicht auch so geht.
Wegducken ist keine Alternative. Wir müssen etwas tun, uns zusammenschließen, Mehrheiten bilden und auf die Entwicklung positiv einwirken. Die Klimaverschiebung ist da. Wer das negiert, hat den Schuss nicht gehört.

Das Video soll schockieren?
Es geht nicht darum, einen Song interessant zu machen, es geht uns in der Band darum, unser Empfinden widerzuspiegeln. Die Welt draußen ist viel brutaler als die paar Bilder, die wir da zeigen. Wollen wir wieder warten und zusehen, wie Hakenkreuze an die Wand geschmiert werden, bis es wieder zu spät ist?

Ich erinnere mich an Ihren recht plakativen Song „Eiszeit“.
Das war Mitte der achtziger Jahre, die Zeit der atomaren Bedrohung und Aufrüstung, und wir sind keinen Schritt weiter, im Gegenteil. Das Album heißt „Jetzt“. Also: Machen wir zum Jubiläum irgendwelche Remakes oder positionieren wir uns in der Gegenwart? Diese Frage haben wir uns in der Band gestellt.

Ein bisschen Retrospektive ist jetzt aber schon dabei. Das Lied „Tausend Wege“ könnte Ihre Version von Sinatras „My Way“ sein, oder?
„Tausend Wege“, das ist ein Bild. Ich will Ihnen die Geschichte erzählen. Sie hat mit einem Aquarium zu tun, das damals in Kronstadt in unserem Wohnzimmer stand. Als kleiner Junge saß ich davor und träumte, wir hatten ja keinen Fernseher. „Tausend Wege“ bin ich seitdem gegangen, mit diesen Träumen. Jetzt schließt sich jetzt der Kreis. Alles ist erledigt. Und es beginnen die nächsten tausend Wege in die Zukunft.

Das klingt versöhnlich. Aber Sie sind lauter geworden, härter im Text und auch in der Musik.
Ich bin nicht unglücklich darüber, dass ich nicht am Anfang schon laut war und am Ende leise. Man plant das ja nicht. Musik entsteht nicht am Reißbrett.

Sie hatten früh eine Nummer eins im Schlager, eben mit dem großen „Du“ im Jahr 1970. 1979 erschien das „Steppenwolf“-Album, ein anderer Maffay. Wie schwierig war Ihr Wandel zum Rockmusiker?
Diese Metamorphose war enorm wichtig. Sie hat bei mir Renitenz erzeugt. Augen zu und durch: Es musste sein.

Als wir vor zehn Jahren, zu Ihrem 60. Geburtstag, ein Gespräch führten, sagten Sie, in Ihrem Leben sei im Grunde alles gut gelaufen, und Sie fügten hinzu: „Erdgeschichtlich betrachtet ist das alles sowieso nicht relevant“. Treffen wir uns in zehn Jahren wieder, zum 80.?
Gerne! Lassen wir es auf uns zukommen.

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