Pianist Lahav Shani : Der Klangdramatiker

Ganz großes Theater: Der israelische Pianist Lahav Shani spielt Stücke von Alexander Skrjabin, Sergej Prokofjew und Modest Mussorgsky im Pierre Boulez Saal.

Lahav Shani am Sonntag im Pierre Boulez Saal.
Lahav Shani am Sonntag im Pierre Boulez Saal.Foto: Peter Adamik

„Schwarze Messe“ lautet der Beiname von Alexander Skrjabins Klaviersonate Nr. 9 F-Dur, aber das bedeutet wahrlich nicht, dass es hier weihevoll zugeht, im Gegenteil: Zwei Themen ringen existenziell miteinander, die Harmonie gerät an ihre Grenzen, das Metrum zerstäubt, wie Bomben rasen geballte Akkorde und teuflisch schnelle Läufe ins musikalische Gewebe, schließlich kehrt die spukhafte Stille des Anfangs zurück. Im Pierre Boulez Saal eröffnet Lahav Shani mit Skrjabins Sonate einen rein russischen Abend – und lässt keinerlei Zweifel an seinem großen dramatischen Talent. Er arbeitet vor allem mit dem Gegensatz von bruitistisch hartem Anschlag und säuselnd weichem Spiel, das so lieblich ist, dass man ihm erst gar nicht über den Weg trauen mag.

Ein Senkrechtstarter ist Shani mit 29 Jahren nicht mehr, vielmehr befindet er sich längst auf einer steilen Flugbahn, und die scheint nur eine Richtung zu kennen: nach oben. In Tel Aviv geboren, hat er an der „Hanns Eisler“-Hochschule (wenige Gehminuten vom Pierre Boulez Saal entfernt) Klavier und Dirigieren studiert. Im Herbst übernimmt er den Chefposten beim Rotterdams Philharmonisch Orkest, 2020 zusätzlich den beim Israel Philharmonic Orchestra – als Nachfolger von Zubin Mehta. In Berlin kennt man Shani eher als Dirigent oder Solist in Klavierkonzerten, weniger als Solo-Pianist wie an diesem Abend, an dem er seine Klasse mit erfrischender Souveränität unter Beweis stellt. In Skrjabins Sonate türmt er Klangmassierungen auf, die er gleichwohl immer ganz transparent hält.

Shani erweckt die "Bildern einer Ausstellung" zum Leben

Nicht nur Skrjabin hat die Romantik lustvoll und mit Aplomb verabschiedet, auch Sergej Prokofjew, dessen sechste Klaviersonate A-Dur (1940) sich Shani im Anschluss vorknöpft. Und zwar prachtvoll aufrauschend im tritonusgefärbten Eingangssatz, auch mal stoisch versunken im Scherzo, das von einem mechanischen Viervierteltakt durchzogen wird. Generell wirkt sein Klangbild rational, kristallin, manchmal etwas kühl, aber unter der Oberfläche pocht immer ein leidenschaftliches Herz – auch im dritten Satz, in dem ein bis zur Unkenntlichkeit in einem Neunachteltakt verborgener Walzerrhythmus steckt, und im virtuos dahinflitzenden Vivace-Finale.

Shani stellt nicht unbedingt jene Komponisten vor, die einem beim Stichwort „russische Klaviermusik“ als Erstes in den Kopf schießen. Also nicht: Tschaikowsky und Rachmaninow. Die „Bilder einer Ausstellung“ von Modest Mussorgsky allerdings sind Kernrepertoire, wenn auch eher in Ravels Orchestrierung als in der Ursprungsfassung für Soloklavier, die man gar nicht so oft zu hören bekommt.

Die erste Promenade gerät Shani angemessen gewaltig und dunkel-prunkend, die zweite sehr viel sanfter und lieblicher. Nur ganz leicht scheint er die Tasten im „Alten Schloss“ anzustubsen, was einen erdfernen, verwehten Klang ergibt. Den spielenden Kindern in den „Tuileries“ schenkt er ein ganz sanftes Staccato, auch beim Ochsenkarren „Bydło“ bertreibt er es nicht mit der Schwergängigkeit und lässt, als der Karren in der Ferne davonzieht, die Töne langsam verdämmern.

„Samuel Goldenberg und Schmuyle“ gelingt besonders eindrucksvoll

All das zeigt: Lahav Shani besitzt ein wunderbares Talent, diese Bilder in Mussorgskys Vertonung wirklich zum Leben zu erwecken. „Samuel Goldenberg und Schmuyle“ gelingt besonders eindrucksvoll. Wie da die eine Stimme in überheblich-gravitätischer Manier dozierend dahinschreitet, während die andere flapsig und verzweifelt bettelt, wie beide schließlich gleichzeitig schnattern: ganz großes Theater, was Shani hier macht.

Etwas fahler, todesdurchdrungener hätten ihm allerdings die doch sehr vital genommenen „Katakomben“ geraten dürfen – so jenseitig, wie ihm die gleich anschließende letzten Promenade gelingt. Schließlich das finale Bild, das „Große Tor von Kiew“: Shani verbirgt nicht, dass dieses hehre Pathos zugleich ziemlich hohl ist. Hätte es noch einer Begründung bedurft, warum dieser Musiker so gefragt ist, dieser Abend hat sie geliefert.

Mehr Kultur? Jeden Monat Freikarten sichern!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben