PJ-Harvey-Doku im Berlinale-Panorama : Trümmertourismus

Unterwegs in den Krisenregionen der Welt: "A Dog Called Money", ein Dokumentarfilm über die Indie-Musikerin PJ Harvey.

PJ Harvey im Dokumentarfilm "A Dog Called Money"
PJ Harvey im Dokumentarfilm "A Dog Called Money"Foto: Seamus Murphy/Berlinale

Es ist kalt in Kabul. Im dicken Daunenmantel stapft die Besucherin aus England durch die vollgestopften Straßen. Aus Off sind ihre Eindrücke zu hören. Sie zählt die japanische Automarken auf, die sie sieht, spricht von hart arbeitenden, armen Menschen und wenigen, versteckten Frauen. Banalitäten, touristische Beobachtungen, bestenfalls Tagebuchstoff.

Doch die Frau, die sie formuliert, ist keine gewöhnliche Touristin sondern die renommierte Indie-Musikerin PJ Harvey – in Afghanistan, Kosovo und Washington D.C. auf Materialsuche für ihr nächstes Album. Dieses ist vor drei Jahren unter dem Titel „The Hope Six Demolition Project“ erschienen, jetzt gibt es mit „A Dog Called Money“ im Panorama der Berlinale eine Dokumentation über dessen Entstehungsprozess. Gedreht hat sie der Fotojournalist und Filmemacher Seamus Murphy, mit dem PJ Harvey auch schon einen Gedicht- und Fotoband über ihre gemeinsamen Reisen veröffentlicht hat. Die filmische Verwertungsstufe offenbart nun noch einmal mit aller Deutlichkeit, wie problematisch und ausbeuterisch der Ansatz der beiden ist. So sieht man etwa in der Kosovo-Station eine alte Frau mit zwei Schlüsseln in der Hand durch ein Dorf gehen. Sie ist offenbar die Protagonistin des Songs „Chain of Keys“, die die Schlüssel ihrer im Kosovo-Krieg vertriebenen Nachbarn bewahrt. Man hört PJ Harvey über sie singen, zu Wort kommt die Frau nicht.


Die Musikerin hat mit Seamus Murphy auch schon ein Buch über die Reisen publiziert

Manchmal kommt es zu einem Austausch, etwa wenn ein afghanischer Musiker ihr seine Instrumente zeigt und sie diese ausprobiert oder ein amerikanisches Straßenkind etwas in ihr Aufnahmegerät rappt und ihr ein bisschen von sich erzählt. Davon findet sich allerdings nichts auf dem Album wieder, dessen Aufnahmeprozess die zweite Filmebene bildet. Sie spielt in einem eigens dafür gebauten aquariumartigen Studio in London, das es Zuschauerinnen und Zuschauern ermöglicht Harvey bei der Arbeit zu beobachten. Die Kamera darf auch in den weißen Kasten, dessen Fenster von innen nicht durchsichtig sind. Wie die zweifache Mercury-Prizeträgerin mit ihren ausschließlich männlichen Musikern spielt, lacht und Ideen entwickelt ist der spannendste Teil von „A Dog called Money“.

Es überwiegen jedoch die Expeditionen in arme Weltgegenden, wo Seamus Murphy immer wieder eindrucksvolle Bilder gelingen – vor allem in den kargen Berglandschaften Afghanistans. Wenn PJ Harvey dann allerdings durch ein Feld mit verrostetem Kriegsgerät geht oder nachdenklich vor einem völlig zerschossenen Haus steht, hatte das etwas von Trümmertourismus. Weshalb gegen Ende völlig zusammenhangslos Bilder von Geflüchteten an der mazedonischen Grenze und Impressionen aus dem letzten US-Präsidentenwahlkampf zu sehen sind, bleibt das Geheimnis des Duos.

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