Primavera Festival Barcelona : Mutter ist jetzt eine Ich-AG

Auftakt des Pop-Sommers: Beim Primavera Festival in Barcelona wurden Björk, Jane Birkin und Charlotte Gainsbourg gefeiert.

Utopische Maske: Björk beim Primavera-Festival.
Utopische Maske: Björk beim Primavera-Festival.Foto: Santiago Felipe

Werdet Blumen! Überkommt den biologischen Determinismus und nehmt jede natürliche oder transhumane Form an! Diese Botschaft des singenden Gesamtkunstwerks Björk bleibt der nachhaltigste Eindruck des diesjährigen Musikfestivals Primavera Sound, das am Sonntag in Barcelona zu Ende ging. Und die Botschaft des isländischen Popstars ist absolut jahreszeitengerecht: Inzwischen traditionell eröffnet das Primavera die frühsommerliche Freiluftsaison mit einem eklektischen Programm. Die Mutter aller Boutique-Festivals legt die Messlatte hoch: Statt sich wie andere Veranstalter von überteuerten Festival-Acts abhängig zu machen, spielt ein Großteil der Künstlerinnen, Künstler und Bands in Barcelona exklusiv. Björks Live-Präsentation ihres Konzeptalbums „Utopia“ ist erst der zweite Auftritt mit dem neuen Material.

Hochsensible Seele

Gibt es ein besseres Reservat für Utopien als die Popmusik? Björk liebäugelt schon länger mit einer Existenz als Fembot, ihre hochsensible Seele muss am Zustand der Welt momentan besonders verzweifeln. Doch das Pamphlet, mit dem sie ihre 70-minütigen Show eröffnet, sprüht auch vor Optimismus – plus einem Schuss Realpolitik: Björk unterstützt das Pariser Klima-Abkommen und fordert, die Erde unter den Schutz eines Matriarchats zu stellen. Ihr Auftritt vermittelt eine Ahnung davon, wie diese neue Ordnung aussehen könnte.

Flankiert wird die „Utopia“-Show von Videos mit Blumen, die synchron zu implodierenden Beats sprießen, und morphenden DNA-Strängen, die zu pixeligem Blütenstaub zerstieben. Dazu tanzen Björk und ein Ensemble von Flötistinnen mit vulva-artigen Blütenkelch-Masken elfenhaft über die Bühne, auf der es zugeht wie im Garten Eden. In der Flora und Fauna kreucht und fleucht es, Vögel zwitschern, Subbässe wummern durchs Unterholz, Schwarzlicht-Lassos werden geschwungen und irgendwann verschwindet Björk im hüfthohen Weidegras, während ihre klare Stimme in der elastischen Klangarchitektur ihres Ko-Produzenten Arca langsam vaporisiert.

Lass Blumen sprechen

An Björk scheiden sich schon lange die Geister, sie hat sich konsequent allen Pop-Kategorien entzogen. Neue Fans wird sie kaum noch gewinnen, dafür aber alte in der Gewissheit bestärken, dass sie mit ihrem exaltierten Feminismus die wohl letzte Visionärin in der Popmusik ist. Nach befremdlichen Ausflügen in die Kunst wirkt Björks Auftritt wie eine Rückbesinnung: ätherischer zwar, aber auch verspielt und vor allem selbstironisch.

Biologie avanciert in diesem Jahr etwas überraschend zum wiederkehrenden Thema auf dem Primavera. Die Pressekonferenz von Jane Birkin und Charlotte Gainsbourg steht unter den Motto „The Genetics of Art“: Den Veranstaltern war der Clou gelungen, Mutter und Tochter nach Barcelona zu holen. Auf die Frage, ob Talent erblich sei oder welchen Einfluss Jane Birkin auf Charlottes Karriere hatte, finden Mutter und Tochter zwar keine befriedigenden Antworten. Aber die blendend aufgelegte Birkin vertraut den Journalistinnen und Journalisten immerhin an, dass Charlotte bis heute ihre ehrlichste Kritikerin ist – und die eigene Mutter erst nach deren Tod ihr großes Vorbild wurde.

Jane Birkins Konzert mit den zeitlosen Gassenhauern ihres Ex-Lovers Serge Gainsbourg, begleitet von einem 60-köpfigen Orchester, erweist sich dann auch als Highlight. Schwelgerischer Barock-Pop vor mediterraner Kulisse, während die Sonne über dem Meer versinkt. Nicht nur Birkin ist von der feierlichen Atmosphäre kurz zu Tränen gerührt, auch ihr Serge hätte diesen Moment geliebt, erzählt sie – eine Hand lässig in der Tasche ihres Sakkos versenkt. Die sinfonischen Arrangements erinnern noch einmal daran, was für ein großer Songwriter Gainsbourg gewesen ist. Seine Lieder scheinen nur auf eine Aufführung mit Streichern, Bläsern, Harfen und einem Grand Piano gewartet zu haben.

Skandalnummer von der Tochter

Auf ein Stück wartet das Publikum jedoch vergeblich: Die Stöhn-Nummer „Je t’aime... moi non plus“ hat die 72-Jährige nicht im Programm. Dafür spielt Charlotte Gainsbourg am Abend zuvor „Lemon Incest“, das Skandallied mit Papa Serge, das sich nahtlos in ihren schimmernden Electro-Pop einfügt. Die Gainsbourg-Chansons stellen den denkbar größten Kontrast zum übrigen Programm dar, das die aktuellen Strömungen im Pop vermisst.

An War on Drugs lässt sich vielleicht am besten erklären, wie das Primavera zwischen Indie-Orthodoxie und state of the art-Hipstertum funktioniert. Die Kanadier begannen vor zehn Jahren mit belanglosem Psychedelic Rock, bevor sie den sandgestrahlten Gitarrensound für sich entdeckten, der in den Achtzigern ZZ Top, die Dire Straits und Bruce Springsteen in die MTV-Rotation beförderte. Inzwischen wurde die wohl uncoolste Musik der Welt von einer neuen Generation Musiknerds rehabilitiert, auch dank War on Drugs. Ihr Auftritt leidet zwar unter dem flattrigen Live-Sound, was ihrem pathos-geschwängerten Heartland Synth Rock etwas abträglich ist. Aber Rockmusik, zu der schwule Männer hemmungslos knutschen, kann nicht ganz falsch sein.

Das Primavera genießt aber nicht nur wegen seines Programms eine Ausnahmestellung unter den Sommerfestivals. Auch der Parc del Forum, zu dem die knapp 70 000 Musikfans täglich pilgern, ist mit seiner brutalistischen Architektur, die dem Tourismus-Klischee von Barcelona mit Gaudis fantastischen Tolkien-Bauwerken hartnäckig trotzt, ziemlich einmalig. Die Besucher betreten das Gelände über eine Betonrampe: Auf der einen Seite ragt das von Herzog & de Meuron entworfene Naturkundemuseum wie ein schwarzer Keil hervor, auf der anderen thront der offenbar von Buckminster Fuller inspirierte Glasturm eines spanischen Mobilfunkanbieters. Der Park selbst ist durchzogen mit diagonalen Dachkonstruktionen, Freiflächen und Treppen, die auf wunderlichen Irrwegen zu den über einem halben Dutzend Bühnen führen.

Aufstieg in den Glasturm

Die eschereske Struktur verleitet zu Klangexperimenten. An welchem Punkt auf dem Gelände etwa überlagern sich die metronomischen Stakkatoriffs der Noiserock-Helden Shellac auf der kleinsten Bühne und der hibbelige Fusion-Jazz des Wunderbassisten Thundercat im benachbarten Amphitheater? Oder die Wave-Bässe von Atlantas neuer R’n’B-Prinzessin Abra mit dem brachialen Geballer der Hardcore-Supergroup Dead Cross um Mike Patton und Schlagzeug-Gott David Lombardo? Es gibt viele Wege, sich durch das Primavera zu manövrieren, die Suche nach dem perfekten Pop-Mash-up ist nur eine Möglichkeit.

Man kann auch einfach seinen Lieblingskünstlerinnen folgen. Zum Beispiel Kelela, die im vergangenen Jahr mit ihrem futuristischen R’n’B wohl endgültig den Durchbruch zum Rolemodel geschafft hat. Inzwischen beherrscht die 35-Jährige die großen Bühnen spielend, ihr Sound ist fetter geworden und eingängiger, trotz der komplexen Beat-Science hinter ihren Tracks. Während tiefe Basswellen von der Bühne rollen, steht Kelela in einem strahlend weißen, rückenfreien Kleid wie eine Diva neben ihren zwei Sängerinnen und lässt sich zu den Hits „LKM“ und „Frontline“ aber auch älteren Songs wie "A Message" von ihren weiblichen, sowie zahlreichen queeren Fans feiern.

Überhaupt bekommt der Hip-Hop in all seinen Spielarten dieses Jahr gegenüber Indierock-Vertretern wie den Arctic Monkeys, Father John Misty oder Beach House mehr Gewicht. Leider enttäuschen Tyler, the Creator und A$AP Rocky mit lauten, selbstverliebten Solo-Auftritten, und auch das Publikum in Barcelona scheint noch immer mit der Entwicklung im aktuellen US-Hip-Hop zu fremdeln. Einzig zur Vermittlung beitragen kann Vince Staples, die dritte rappende Ich-AG auf dem Primavera, der mit einem fulminanten Auftritt tief in der Nacht die Zukunft des Hip-Hop aufzeigt: weniger komatöser Bling-Trap, mehr Rave-Fanfaren!

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