Regisseur Luca Guadagnino : „Wir alle werden von Begierden angetrieben“

Sein Drama „Call Me By Your Name“ ist viermal für den Oscar nominiert. Ein Gespräch mit dem Regisseur Luca Guadagnino über Mode, Begehren und das italienische Kino.

Katrin Doerksen
Der italienische Regisseur Luca Guadagnino, Jahrgang 1971, am Set.
Der italienische Regisseur Luca Guadagnino, Jahrgang 1971, am Set.Foto: Sony Pictures

Signore Guadagnino, Sie nennen „Call Me By Your Name“ den letzten Teil einer Trilogie über das Begehren. Bestimmt der unterschiedliche gesellschaftliche Status die Begierden ihrer Figuren?

Nein, ich verfolge einen universelleren Ansatz. Ich glaube wir alle – ob wir uns unter Kontrolle haben oder selbst verleugnen – werden von Begierden angetrieben. Für mich als Regisseur ist es die Bildsprache, die Sprache des Kinos, die mich antreibt – nicht so sehr die Geschichte.

Ihr Film spielt in der lombardischen Kleinstadt Crema in den frühen achtziger Jahren. Die Mode und Ausstattung aber wirken zeitlos.

In meiner Herangehensweise an ein bestimmtes Jahrzehnt lege ich Wert darauf, dass der Film nicht nur irgendeiner Idee von den achtziger Jahren entspricht. Er soll wirklich wie die Achtziger aussehen. Wir haben viele Bilder recherchiert, um herauszufinden wie sich der Sommer 1983 in Crema angefühlt hat. Wir wollten so präzise wie möglich zu sein. Oft sieht man Filme, die in den siebziger Jahren spielen – darin sind die Hosen dann schrill gemustert. Und in Filmen über die Vierziger tragen alle eine Fedora. Aber das sind Vorstellungen von einer Zeit, nicht die Zeit selbst.

Was sind denn Ihre Vorstellungen von gelungenem Kostümdesign?

Mode kann das Verhalten der Figuren nachvollziehbar machen. Ein Kostümdesigner ohne gutes Verständnis von Mode würde diesen verhaltenspsychologischen Aspekt unterschätzen. Generell wird Mode überbewertet, würde ich sagen. Ihr wird zu viel Bedeutung eingeräumt. Es gibt kaum ein Verständnis für Mode, denn sie wird oft mit Style oder Exzentrik verwechselt. Sie hat aber mehr mit der Silhouette des menschlichen Körpers zu tun – und mit einem sozialen Konstrukt. Sie nimmt vorweg, was in unseren sozialen Interaktionen vor sich geht. Die besten Modedesigner reflektieren das ständig in ihrer Arbeit.

Finden Sie es deswegen interessant, Werbefilme für Armani oder Cartier zu drehen?

Das ist ein anderer Job, er hat nichts mit dem Kino zu tun. Aber ich finde, man ist in der Werbung offener, wenn es darum geht die Werte der eigenen Marke zu kommunizieren. Das ist keine Freiheit, aber man kann dort wagemutiger sein.

„Call Me By Your Name“ ist eine Romanverfilmung mit einem Drehbuch von James Ivory, Ihr vorheriger Film „A Bigger Splash“ war ein Remake von Jacques Derays „Der Swimmingpool“, als nächstes verfilmen Sie Dario Argentos Horrorfilm „Suspiria“ neu. Interessieren Sie nicht auch eigene Geschichten?

Man darf die Originalität einer Story nicht mit der Originalität und der Autorenschaft des Films selbst verwechseln. Die Geschichte, das Drehbuch, das Quellenmaterial sind nur einige Elemente dessen, was einen Film ausmacht. Die Geschichte ist ein Werkzeug. Wenn du mit deiner eigenen Idee für eine Geschichte kommst, verlierst du die Kontrolle darüber, wie du sie in eine visuelle Sprache übersetzen kannst. Stanley Kubrick zum Beispiel war das Drehbuch nicht heilig, deswegen konnte er es bearbeiten und so eine starke Bildsprache entwickeln. Daran glaube ich auch.

Sie leben in Crema, wo „Call Me By Your Name“ spielt. Spiegelt der Film Ihre persönliche Sicht auf die Stadt wieder?

Nein. Jeder Film ist autobiografisch geprägt, aber oft ist die Biografie des Künstlers nicht das Wichtigste. Ich bin Italiener, aber ich gehöre nicht zur italienischen Filmindustrie. Es gibt da keine besondere Verbindung.

Aber Sie zählen doch beispielsweise Bernardo Bertolucci zu Ihren Vorbildern?

Roberto Rossellini und Bernardo Bertolucci sind meine Favoriten, aber ich mag auch Genrefilmer wie Mario Bava, Fernando Di Leo und Riccardo Freda. Oder Vittorio Cottafavi, den heute selbst in Italien niemand mehr kennt. Die Kritiker, die ihn in den achtziger Jahren wiederentdeckt haben, sind weg. Ich glaube ohnehin, dass der Kanon dazu da ist, um zerstört zu werden.

Cinemaxx Potsdamer Platz, Kant Kino, OmU: Babylon Kreuzberg, Central, Delphi LUX, Filmtheater am Friedrichshain, Kino in der Kulturbrauerei, OV: Cinestar Sony Center, Neues Off

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