"(R)Evolution" von Yael Ronen am Thalia Theater : Witz und Wahnsinn

„(R)Evolution“: Yael Ronen und Dimitrij Schaad versetzen die Welt im Hamburger Thalia Theater ins Jahr 2040.

Tim Porath und Dimitrij Schaad als beziehungskr(e)iselndes Liebespaar.
Tim Porath und Dimitrij Schaad als beziehungskr(e)iselndes Liebespaar.Foto: Krafft Angerer

Intros werden auch im Theater immer beliebter. Vor allem, wenn sie die Zuschauer hoch und so auf eine besondere Reise nehmen. Vor John Bocks und Lars Eidingers „Peer Gynt“-Performance an der Berliner Schaubühne tritt zur Zeit eine Theatermitarbeiterin an die Rampe und verkündet, dass sich Eidinger am Morgen auf einer Probe leider „einen Finger abgeschnitten“ habe. Aber, die gute Nachricht, er werde heute trotzdem spielen. Das passt, denn Peers Leben ist ja: ein abenteuerliches Lügenmärchen.

Im Hamburger Thalia Theater tritt nun der Schauspieler Dimitrij Schaad als Ko-Autor des Abends vor den Eisernen Vorhang, um das Publikum „mit den neuen Privatsphären-Einstellungen und Nutzungsbedingungen“ des Hauses vertraut zu machen. Denn „in Kooperation mit Google und Amazon“ habe man den neuen Zuschauerservice „Artech“ entwickelt, „um das verstaubte Medium Theater endlich ins 21. Jahrhundert zu führen“.

Menscheitsumwälzung durch Gentechnik

Dimitrij Schaad, der ab Donnerstag auch in den „Känguru-Chroniken“ im Kino zu sehen ist, ist zusammen mit der Regisseurin Yael Ronen vom Berliner Maxim Gorki Theater für eine Gastproduktion nach Hamburg gekommen und hat mit ihr zusammen das Stück „(R)Evolution“ verfasst. Es geht um nicht weniger als die digitale, mitsamt Gentechnik oder Biophysik in alles gegenwärtige und künftige Leben eingreifende Menschheitsumwälzung. Die beginnt nun mal im Theater.

Schaad fabuliert nämlich, dass das Thalia die Stühle der Zuschauer mit neuen Glasfasersensoren ausgestattet habe. Verbunden mit den im Raum installierten Kameras und ihrer „Gesichtserkennungssoftware“ würden so alle körperlichen und psychischen Reaktionen des Publikums während der Vorstellung laufend gemessen und zu einem komplexen Reaktions- und Erwartungsprofil verarbeitet. Damit „werden wir Stück für Stück unser Repertoire für Sie optimieren“. Zuschauer sollten nicht mehr einen Haufen Geld für einen sie im Grunde nicht interessierenden Kunstscheiß ausgeben!

Algorithmen ersetzen das Flirten

Ein verfeinerter Algorithmus wird künftig, wie sonst in der Wirtschaft, die Beziehungen zwischen Theater und Publikum steuern. Schaad: „Ihr Mann hat Sie gerade für eine jüngere, reichere Frau verlassen? Die App auf Ihrem Handy erkennt Ihre Erregung und hat Ihnen schon Karten für ,Medea’ bestellt.“

Das stimmt Yael Ronens Inszenierung schnell auf einen bemerkenswerten Mix aus Witz und Wahnsinn, Kunst und Sketch oder Science und Fiction ein. Als sich der Eiserne Vorhang hebt, blickt man auf ein fast raumfüllendes stählernes Podest, mit einem Trichter in der Mitte. Aus ihm können Akteure kriechen oder darin verschwinden, das Ganze ist eine oft schräg gekippte Kampf- und Spielfläche, und manchmal lässt der Bühnenbildner Wolfgang Menardi sie auch wie ein Raumschiff schweben.

Rundum hängen helle Stoff- oder Plastikplanen, und die gesamte Szenerie überziehen die mitlaufenden, nicht bloß illustrativen, viel eher assoziativen Videos von Stefano Di Buduo: mit verfremdeten TV-Nachrichtenszenen, Gesichtspartikeln, abstrakten geometrischen Mustern, mit galaktischen Welt-Traumbildern oder Comics aus den Laboratorien, wenn ein humanes Samenfädchen sich wie ein Minilurch über die Szene schlängelt. Da sind wir dann beim Designerbaby.

Designerbabys aus dem Samenfädchen

Ronen und Schaad blenden vor ins Jahr 2040. Noch immer streitet ein Elternpaar (Birgit Stöger, André Szymanski), ob es als Zweitkind ein biologisches Zufallprodukt oder eine optimierte Schöpfung aus dem Genlabor haben möchte. Das ist die relativ schwächste, weil schon zu nahe Szene. Unheimlicher oder komischer sind dagegen die Dialoge mit dem allgegenwärtigen KI-Medium Alecto (Tim Porath), einer Weiterentwicklung der Kunststimmendame Alexa. Eine junge Frau beispielsweise, die nach Partner-, Mutter- und drohendem Jobverlust für Alectos geisterhafte Präsenz sehr empfänglich ist, erlebt da ihr demnächst realmögliches Wunder.

Die Frau Tatjana (Marina Galic) wird von Alecto erst getröstet und bald gefragt, ob er ihr zum seelischen Beistand nicht noch näher kommen und schließlich ganz bei ihr einziehen dürfe. Es dauert ein wenig, bis Tatjana begreift: Alecto meint, in ihren Kopf einziehen. Als Implantat. Doch auch so weiß Alecto als persönlicher Datenmanager schon genug, um seine Userin selbst zu benutzen. Zumal er auch die Daten ihres Arbeitgebers oder ihrer Versicherung kennt. Alecto als Smart Brother sagt Tatjana ihre Entlassung voraus, was die Psychokrise erhöht und via Self-Fulfilling-Prophecy das Alltagsleben in der Schönen Neuen Big- Data-Welt vorherbestimmt.

Gladiatoren mit Cyberhelmen

Mindestens zwei Szenen heben diese nur 90 Minuten kurze „(R)Evolution“ über die kunstkabarettistische Nummernrevue weit hinaus. Wiederum mit Marina Galic wechselt Dimitrij Schaad als Alecto in einem simulierten Polizeiverhör sekundenschnell zwischen Bad und Good Cop hin und her. Wie zwischen Heute und Morgen. Und als ein schwules Paar (Tim Porath und wiederum Dimitrij Schaad) wie zwei Gladiatoren mit Cyberhelmen als „Pharao“ und „Feuerdrache“ zum misslingenden Liebesspiel antreten, verdrehen sich natürlicher und virtueller Sex ins Aberwitzige. Die Pointe der Beziehungskrise freilich ist, dass der eine Partner gesteht, sich im eigenen Körper nicht mehr zu Hause zu fühlen. Er sehne sich, „trans“ zu sein. Kein Problem, sagt der liberale Freund. Aber sein Liebhaber meint: transhuman. Er will ganz ohne Körper leben, sein Bewusstsein nur noch auf einen Chip hochladen.

Ein dramatisches Missverständnis – in Zeiten der sonst so meist harmlos-vertrauten Postdramatik. Im Übrigen gehört zu Ronen und Schaads schnellem, intelligentem Abend, dass Deutschland im Jahr 2040 aus den überschwemmten Niederlanden von holländischen Migranten geflutet wird, die man ihrerseits als „Naturisten“ und mögliche Terroristen verdächtigt. Wie nämlich schimpft die aufs Designerbaby erpichte Frau ihren widerstrebeden Mann und Naturliebhaber? „Was bist du bloß für ein technophobes biokonservatives Arschloch!“

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