Romanverfilmung „So was von da“ : Wir hören niemals auf, so zu leben

Glück der Gegenwart: Regisseur Jakob Lass hat Tino Hanekamps Clubroman „So was von da“ verfilmt.

Jugend von heute. Niklas Bruhn spielt den Clubbetreiber Oskar Wrobel.
Jugend von heute. Niklas Bruhn spielt den Clubbetreiber Oskar Wrobel.Foto: DCM/Gordon Timpen, SMPSP

Es gibt in Tino Hanekamps Roman „So was von da“ Sätze, die gut beschreiben, was in dem Film zu diesem Roman alles so passiert. „Love is in the air. Jetzt nur nicht zu viel trinken, das Level halten, weiter, weiter, immer weiter, never stop this feeling.“ Tatsächlich hat es der Münchner Regisseur Jakob Lass geschafft, aus Hanekamps 2011 veröffentlichtem Roman einen Film zu machen, der einerseits eine Feier der reinen Gegenwart ist, so als gäbe es wirklich nur die eine Nacht, in der Romanvorlage und Film spielen, als gäbe es kein Gestern und Morgen, als würde alles nur in dieser einen Nacht passieren. Andererseits hat der Film durchaus eine Handlung, gibt es eine Erzählung, spielen sich unter der Oberfläche des Hier und Jetzt viele kleine Dramen ab.

So beginnt die letzte Nacht, überdies eine Silvesternacht, von Oskar Wrobels Hamburger Club schon morgens, als der arme Oskar (Niklas Bruhn) Besuch von Kiez-Kalle und seinen Leibwächtern bekommt. Dringlichst fordert Kiez-Kalle den Jungen auf, eine Schuld von zehntausend Euro zu begleichen, sonst werde ihm ein Finger gebrochen. Die Angst vor der Unterweltgöße strukturiert diese Nacht und eben diesen Film – genau wie die zerbrochene Liebe von Oskar zu Mathilda. Wie der letzte Auftritt von Kid Commander, der erfolgreichen Band seines Freundes Rocky. Wie der Besuch des Clubs von Rockys Mutter (Corinna Harfouch), die als Hamburger Innensenatorin dafür verantwortlich ist, dass genau solche schön kaputten Locations wie Wrobels Club schicken neuen Townhouses weichen. Oder der Auftritt von Rockys Vater (Bela B), der ein erfolgreicher Musiker war, jetzt aber ein Drogenwrack ist.

Mittendrin-Gefühl

Jakob Lass stellt insofern „eine Art Widerspruchsbalance“ her, wie es Rainald Goetz in seiner Erzählung „Rave“ formuliert hat. Er versucht etwas zu erzählen, was sich der Sprache verweigert, etwas zu zeigen, für das es nur wenig Bilder gibt – und das zudem ein Höchstmaß an Authentizität erfordert, denn „So was von da“ ist vor allem Zielgruppenkino. Lass hat deshalb nicht nur mehrere Tage auf dem Gelände eines Hamburger Gewerbegebiets einen Club eröffnet und hier ein paar hundert Komparsen drauflos feiern lassen, zu zeitgemäßer elektronischer Musik und Live-Auftritten diverser Rockbands. Nein, er hat wie in seinen Vorgängerfilmen „Frontalwatte“ und vor allem „Love Steaks“ auch der Improvisation freien Lauf gelassen: wenig Drehbuch, viele spontane Dialoge, was angesichts laufender Kameras nicht einfach ist.

Ganz so spontan wirkt denn auch manches nicht in der Kommunikation der jungen Schauspieler und Schauspielerinnen, eher manchmal etwas steif. Doch viele Worte sollen in so einem Club-Film ja sowieso nicht gemacht werden, da geht es um Gefühle, Atmosphäre, Tempo, das viele Hin und Her. Und das haut gut hin. Man ist als Zuschauer mittendrin, im Dunkel, im schummrigen Halblicht, im Stroboskopgewitter, abgeschirmt von der Welt draußen, stets an der Seite des schön neben sich stehenden, an Tom Schilling in „Oh Boy“ erinnernden Oskar. Mit ihm taumelt man durch die Nacht, stellt „Friedhofskerzen zwecks Fummellicht in den Bumsbuden“ auf, imaginiert sich seine Exfreundin und wird dabei immer berauschter, inklusive eines intensiven Ausflugs aufs vollgesiffte Klo: Irvine Welshs und Danny Boyles „Trainspotting“ revisited.

Mit einer cool-großartigen Corinna Harfouch als Musikermutter

Klar, es gibt hin und wieder Längen in „So was von da“, in welcher Clubnacht wäre das anders? Auch nicht jeder Einfall ist gelungen: Zum Beispiel die Geschichte mit dem Hirntumor von Nina, einer von Oskars Freundinnen. Die beginnt korrekt melodramatisch, endet aber in einer albernen Golfspieleinlage, von wegen des Tumors, der groß wie ein Golfball am Hirnstamm sitzt. Doch diese kleinen Durchhänger werden aufgewogen von den bekanntesten Schauspielern des Films, der cool-großartigen Corinna Harfouch und dem coolen Bela B, seines Zeichens im Erstberuf Musiker der Berliner Band Die Ärzte. Harfouch, die hier die beinharte Politikerin und Musikermutter spielt, scheint ohnehin auf Rollen in Szenefilmen abonniert zu sein, man denke nur an ihren Auftritt als Psychiaterin in Hannes Stöhrs Techno- und Paul-Kalkbrenner-Porträt „Berlin Is Calling“. Sie findet die richtige ordinäre Sprache, als sie irgendwann im Fahrstuhl steckt, und steht schließlich selbst mit Astra und Kippe in der Hand an irgendeiner Säule des Clubs, um ihrem verkommenen Ehemann dabei zuzusehen, eben jenem Bela B, wie er den „Tintenfischmann“ singt. Dem wiederum reicht einfach sein Gesicht, auf das die Kamera hält, viele Worte darf er als Drogenwrack sowieso nicht sprechen.

Am Ende ist es wie im richtigen Leben, wie in der richtigen Gegenwart. Natürlich wird der Club geschlossen, bleibt nur die Erinnerung an ihn, an die durchfeierten Nächte. Und natürlich gibt es einen Morgen, der der Jugend alles abverlangt und ihr klarmacht, dass das ewige Heute auch ein Gestern kennt. Das ist so was von authentisch.

„So was von da“ startet am Donnerstag in den Kinos.

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