Ronya Othmanns Roman "Die Sommer" : Zwischen allen Welten

Das Erinnern fing 2011 mit dem Arabischen Frühling an: Ronya Othmann erzählt in ihrem Debüt „Die Sommer“ die Geschichte einer jesidischen Familie.

Die Journalistin und Schriftstellerin Ronya Othmann, 27
Die Journalistin und Schriftstellerin Ronya Othmann, 27Foto: Cihan Cakmak/Hanser Verlag

Man ist beruhigt, ja, fast erleichtert, als es nach gut einem Viertel dieses Romans über dessen Heldin heißt, diese könne die vielen Sommer in der Heimat ihres Vaters in keine schlüssige Reihenfolge bringen: „Ihre Erinnerungen waren nichts als einzelne Szenen, in Teilen bruchstückhaft, alle völlig ungeordnet. Fast nie konnte sie sagen, ob etwas in diesem Jahr passiert war oder in jenem.“

Damit ist gut beschrieben, wie der Debütroman der 1993 in München geborenen Journalistin und Schriftstellerin Ronya Othmann angelegt ist. Othmann reiht in „Die Sommer“ Szenen aneinander, Bruchstücke, die erkennbar keiner Ordnung, zunächst auch keiner Chronologie folgen, und in denen zudem Politisches, Historisches immer wieder aufleuchtet.

Das alles hat trotz einer mitunter prägnanten Darstellung etwas Ermüdendes, arg Flächiges, und es stellt sich bald die Frage nach einer gewissen Dramaturgie und Verdichtung.

Daher die Beruhigung, die Erleichterung, als ein literarisches Programm erkennbar wird, eine Erzählstrategie. „Das Erinnern hatte erst 2011 angefangen“, vielleicht auch erst danach, heißt es ein paar Seiten zuvor, „es begann mit den Massakern, den Bombardierungen, der Zerstörung.“

Der Vater ist Kurde und Jeside

2011 ist das Jahr des Arabischen Frühlings. Leyla hat die Jahre zuvor die Sommer immer mit ihren Eltern bei den Großeltern in Syrien verbracht. Genauer: in einem Dorf in der Nähe des kurdischen Städtchens Tirbespî. Oder, wie der andere, der arabische Name dieses Ortes lautet: Al-Qahtaniyya, gelegen im Nordosten Syriens, in den kurdischen Gebieten, an der Grenze zur Türkei.

Leylas Vater ist Kurde, Jeside, kein syrischer Staatsbürger, wie er später seiner Tochter erklärt, sondern Staatenloser, „adschnabi“, Ausländer. Die Mutter ist Deutsche, sie stammt aus einer „Schwarzwaldfamilie“, und beide haben sich in Deutschland kennengelernt. Hierhin flüchtete der Vater 1980, um lange elf Jahre darauf zu warten, Asyl bewilligt zu bekommen und arbeiten und studieren zu dürfen.

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Das alles und viel mehr berichtet der Vater später, fließend geht Ronya Othmanns stark autobiografische grundierte Erzählung dann passagenweise in die väterliche Ich-Perspektive über. Doch zuvor schildert sie mit Leyla als personaler Erzählerin deren Sommererlebnisse.

Leyla porträtiert kurz vor allem die Großmutter und den inzwischen erblindeten Großvater in dem syrisch-kurdisch-jesidischen Dorf; sie erinnert sich an die Tanten Havîn oder Evîn, an Onkel Memo, an Tante Peros Mann, der ein Spitzel des Assad-Regimes ist, an Cousins und Cousinen, an Tage, die dahingingen „wie die Hühner, die im Hof herumstaksten, ruhig und unaufgeregt.“

Es gibt viel Stoff in diesem Roman

Viele von Othmanns Erzählfragmenten haben ihre eigene Kraft und Intensität. Man meint, die flache, trockene Landschaft, die in der Sonne flirrenden Felder, die Berge hinten in der Türkei, den Staub und die Hitze sehen zu können. Trotzdem fügen sich die Bruchstücke schwer zu einer Geschichte. Erst recht, wenn die erwachsene Leyla plötzlich aus der Gegenwart heraus Sätze sagt, sie ihre Stimmungen triggert, sie sich fragt, „ob sie sich weniger allein fühlen würde, wenn sie nie im Dorf gewesen wäre.“

Straffer werden die Erzählzügel, als der Vater das Zepter übernimmt. Er erzählt von seiner Kindheit, seinen Eltern, seiner Hinwendung zum Kommunismus, von den Tagen, da er als Spitzel angeworben werden soll, aber standhaft bleibt, von seiner abenteuerlichen, gefahrvollen Flucht über die Türkei nach Deutschland. Umso weiter er sich jedoch von seiner Person entfernt und zum Schicksal der Jesiden als ethnisch-religiöse Minderheit kommt, desto dokumentarischer wird es: „Wir kommen aus einer Region, (...), die heute in der Türkei liegt. Schon zur Zeit des Osmanischen Reiches haben wir dort gelebt. Damals gab es noch keine Grenzen. (...) Wir lebten dort zu einer Zeit, in der es noch hunderte ezidische Dörfer gab. (...) Als am Anfang des 20. Jahrhunderts die Massakern an den Armeniern begannen, wurde auch die Lage für uns schwierig.“

Ronya Othmann, die 2019 beim Ingeborg-Bachmann-Wettlesen teilnahm und den Publikumspreis gewann, lässt im Grunde historisch nichts aus: keine Jahreszahlen, keine politischen Umstände. Das geht bis zurück ins 16. Jahrhundert und wird präziser, detaillierter, umso mehr sie sich der Gegenwart nähert: dem syrischen Bürgerkrieg, dem Aufkommen des Islamischen Staats, der Vertreibung der Jesiden, den Massakern.

Wer bin ich, wohin gehöre ich?

„Die Sommer“ ist ein politischer Roman, ein Familienroman, ein Erinnerungsroman - und er soll auch noch ein Adoleszenzroman sein. Das verleiht ihm etwas Hybridhaftes, überlädt ihn auch. Schon früh gibt es Hinweise, dass Leyla ihre Probleme mit den Traditionen der Jesiden hat. Sie stellt das System der von den Eltern bestimmten Heiraten, das Aussuchen einer Ehefrau, eines Ehemanns in Frage, das Heiraten überhaupt

Sie bewundert ihre Tante Evîn, die Marlboro raucht, Bücher liest, es nicht eilig mit einer Heirat hat – und Evîn wird sie später enttäuschen.

Als der Vater wieder aus dem Roman herausfällt, nur noch jemand ist, der zuhause in dem Münchner Vorort Fernsehen schaut, al-Jazeera, Al Arabiya, KurdSat, Ronahî TV, erzählt Othmann, wie es Leyla in ihrem Leben ergeht, wie sie erwachsen wird. Da ist die Schulfreundin Bernadette, da werden erste Küsse ausgetauscht. Es geht nach Leipzig zum Studium, dann kommt die erste große Liebe, eine junge Frau namens Sascha.

Es passiert viel in Leylas Leben, doch das Dorf ist ihr stets präsent. Nur: Hier die Sommer ihrer Kindheit, die Heimat ihres Vaters und dort die bundesrepublikanische Gegenwart mit Studium und Sascha, all das lässt sich für Ronya Othmanns Heldin nicht miteinander in Einklang bringen.

Wer bin ich, wohin gehöre ich? Diese Fragen sind der Faden, der sich durch „Die Sommer“ zieht. Am Ende trifft Leyla eine Entscheidung. Am Ende dieses Romans hat man als Leser aber auch den Eindruck, dass sein Stoffreichtum literarisch nur unzureichend geformt ist, weniger Stoff womöglich mehr gewesen wäre. Denn ob der erste Teil mit den Kindheitserinnerungen, der mit den Erzählungen des Vaters, der letzte mit der erwachsen werdenden Leyla: Aus jedem dieser Teile hätte ein ganz eigener Roman werden können.

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