Rumänische Autoren pflegen einen schmutzigen Realismus

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Rumänien ist Gastland der Leipziger Buchmesse : Das Chaos, das wir meinen
Breite Boulevards prägen das Stadtbild Bukarests. Die Hauptachse ist der Bulevardul Unirii, der zum ·Ceaucescu-Palast· (im Hintergrund) hinführt.
Breite Boulevards prägen das Stadtbild Bukarests. Die Hauptachse ist der Bulevardul Unirii, der zum ·Ceaucescu-Palast· (im...Foto: Birgit Zimmermann/dpa-Zentralbild/dpa

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als alles Moderne geboren wurde, sagt Andrei Pleșu, seien das Land und seine Mittelschicht französisch geprägt gewesen. Die Eliten sprachen zudem Deutsch. Mihai Eminescu, der Nationaldichter, oder der Philosoph Titu Maiorescu, Begründer der modernen Literaturkritik, hatten in Wien und Berlin studiert. Heute kann man sich schwer dem Eindruck entziehen, dass diese glorreiche europäische Vergangenheit auch durch die EU- und Nato-Mitgliedschaft keine große Zukunft hat. Einfacher gestrickte Rumänen verspüren heute eher eine Drift in Richtung Moskau: Von Putins harter Hand versprechen sie sich zumindest verlässlichere Verhältnisse.

Die Orientalisierung im Mittelalter habe lange kein Bürgerliches Gesetzbuch entstehen lassen, sagt Mircea Cărtărescu. Beim Kauf und Verkauf von Waren aller Art sei das Gesetz der Scholle angewendet worden. Kaum ein Geschäft sei daher ohne Bestechung abgelaufen. Die Neigung zur Korruption habe sich in die rumänische DNA eingegraben – und die kommunistische Zeit sie noch einmal vertieft. Dies sei aber kein Grund, die Hände in den Schoß zu legen. Die Zivilgesellschaft sei heute stärker denn je, auch wenn sie die politische Opposition nicht ersetzen könne.

Diese Neigung reicht bis in den Literaturbetrieb. Der Schriftstellerverband, dem zwei Prozent vom Verkaufspreis jedes Buches zufließen, vergibt seine Gelder und Stipendien nach undurchschaubaren Regeln. Im Moment hat er deshalb rund 200 Prozesse am Hals, viele junge Autoren verweigern ihm das Vertrauen.

Vom Schreiben allein kann hier niemand leben

Vizepräsident Varujan Vosgunian, ein weltläufiger Hansdampf in vielen Ämtergassen, hat mit seinem „Buch des Flüsterns“ (Zsolnay) ein grandioses Epos der armenischen Minderheit in Rumänien geschrieben, die er auch politisch vertritt. Er gilt manchen aber deshalb als fragwürdig, weil er als Ex-Wirtschaftsminister und stellvertretender Vorsitzender der ALDE das Amnestie-Gesetz unterstützt.

Vom Schreiben allein kann bei Durchschnittsauflagen von 800 bis 1000 Exemplaren hier niemand leben – auch nicht die mittlerweile 75-jährige Gabriela Adameeteanu, die prominenteste Schriftstellerin des Landes. Ihr das gesamte 20. Jahrhundert umspannender Roman „Der verlorene Morgen“ aus dem Jahr 1983 soll im Sommer in der Anderen Bibliothek erscheinen. Wie viel prekärer sieht es bei den Jungen aus, die immer wieder von trotzigem Durchhalten sprechen oder – mit einem offenbar allzu vertrauten Wort – von Resilienz.

Eine Filiale der Buchhandlung Carturesti in der Strade Lipscani (Leipziger Straße) in Bukarest.
Eine Filiale der Buchhandlung Carturesti in der Strade Lipscani (Leipziger Straße) in Bukarest.Foto: Birgit Zimmermann/dpa-Zentralbild/dpa

„Wir leben in einer freudlosen Gesellschaft“, sagt der 1979 geborene Bogdan-Alexandru Stănescu, der im Nebenberuf Programmleiter des angesehenen Polirom Verlages ist. Zugleich warnt er davor, die Literatur seines Landes als bloßen Spiegel der Wirklichkeit zu lesen. Dennoch lässt sich nicht leugnen, dass gerade Autoren seiner Generation einen schmutzigen, mitunter ironiefähigen Realismus pflegen, wie ihn das Kino von Cristian Mungiu weit über die Grenzen Rumänien hinaus bekannt gemacht hat.

Die 1983 geborene Lavinia Braniete zollt ihm mit ihrem Roman „Null Komma Irgendwas“ (Mikrotext) Tribut, der 1974 geborene Florin Lăzărescu  mit „Seelenstarre“ (Wieser). Beide verdienen ihren mageren Lebensunterhalt immerhin mit verwandten Tätigkeiten: Braniete mit Übersetzen, Lăzărescu  als Programmdirektor von Rumäniens größtem, seit 2013 alljährlich im Herbst in Iaei stattfindenden Literaturfestival Filit – und als Drehbuchautor: Er schrieb unter anderem das Script für Radu Judes 2015 auf der Berlinale mit einem Silbernen Bären ausgezeichneten Film „Aferim!“.

Bleiben oder gehen?

Keineswegs abgedichtet gegen die Wirklichkeit ist auch die Lyrik der letzten Jahre. Der 1983 geborene Claudiu Komartin erklärt sogar: Meine Poesie hat nur dann einen Sinn, wenn sie etwas Eingreifendes hat. „Während des Kommunismus“, erinnert er sich, „wurde Engagement zur Pflicht, deshalb haben wir es gescheut.“ Die Furcht, bei Agitprop zu landen, verenge aber die Perspektive. Und so spricht sein Gedicht „schaukel“ davon, wie kostbar, wie privilegiert es sein kann, überhaupt an Literatur festzuhalten: „da schau her, noch schreibe ich gedichte, oder was immer das sein mag, / während man auf dieser welt unter gedichten / tausenderlei / und wohl dann und wann auch niemand mehr / irgendwas versteht, / weiter ostwärts / wird um eine bedingungslose wahrheit gekämpft, / die gar manchen nicht mehr schweigen lässt, / worauf er herausplatzt. dort wird gestorben, während wir / applaudieren oder protestieren / zum zeichen, dass.“

Ist das ein Trost? Rumänien, sagt Mircea Cărtărescu, ist ein Land, in dem man sich jeden Tag fragt, ob man bleiben oder gehen soll. Er hat sich nach Jahren des Nomadentums seinen alten Eltern zuliebe für Bukarest entschieden. Lavinia Braniete wiederholt es anderntags Wort für Wort: Rumänien ist ein Land, in dem man sich jeden Tag fragt, ob man bleiben oder gehen soll. Sie hat den festen Willen zum Ausharren. Sie sucht nur noch nach dem Weg, der es ihr ermöglicht.

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