Sammlerin eröffnet Privatmuseum : Mit Kunst Frauen unterstützen

Feministische Kunst: Polens größte Sammlerin Grazyna Kulczyk hat ein privates Museum in der Schweiz eröffnet.

Lorina Speder
In Stein gehauen. Blick in die neuen Räume mit Arbeiten von Carla Accardi. Im Hintergrund: Eine Skulptur von Monika Sosnowska.
In Stein gehauen. Blick in die neuen Räume mit Arbeiten von Carla Accardi. Im Hintergrund: Eine Skulptur von Monika Sosnowska.Foto: Blazej Pindor / Art Stations Foundation CH

In dem kleinen Dorf Susch im schweizerischen Unterengadin, in dem man sich mit „ün cordial bainvgnü“ auf Rätoromanisch begrüßt, eröffnet Grazyna Kulczyk ihr neues Muzeum Susch. Die polnische Businessfrau und Sammlerin zeitgenössischer Kunst ist in ihrer Heimat schon länger für ihre Kunststiftung bekannt. Nun soll ihre Art Stations Foundation, deren Leitung die ehemalige Herausgeberin des Kunstmagazins „Frieze d/e“ – Mareike Dittmer – übernimmt, ihren Standort wechseln und den Hauptsitz in drei Häusern in Susch finden. Neben klassischen Ausstellungsräumen gibt es eine öffentliche Bibliothek, ein Restaurant und ein ganzes Haus für Residenzen, die für 2019 geplant sind. Obwohl man das Wort Muzeum im Titel findet, ist der Ort nicht nur für ihre Sammlung bestimmt. Vielmehr soll er den Charakter einer Kunsthalle einnehmen, in der sich Kulczyks angekaufte Kunst mit denen anderer Leihgeber mischt.

Anfang der neunziger Jahre gab Kulczyk erstmals in Posen und Warschau mit Showrooms Einblicke in ihre Sammlung feministischer Kunst, die vor allem aus Polen kommt. Heute schätzt sie, dass sie 600 bis 700 Kunstwerke in ihrer Sammlung hat. Dass man in einem kleinen Schweizer Dorf Kunst aus Osteuropa etwa von Zofia Kulik, Piotr Uklanski oder dem französisch-polnischen Konzeptkünstler Roman Opalka finden kann, mag zunächst überraschen. Doch die Beziehung von Grazyna Kulczyk zur Gegend hat sich über längere Zeit entwickelt.

Kulczyk lebt für ihre Sammlung

Als sie vor zehn Jahren ein neues Zuhause in ruhiger Umgebung suchte, empfahl ihr ein Freund das schweizerische Inntal. Schon bei ihrer ersten Reise dorthin stand für Kulczyk fest, in der Nähe von Susch wohnen zu wollen. „Ich habe mich sofort in die Gegend und die Leute hier verliebt“, sagt sie. Bei einem Gespräch vor Ort lenkt Kulczyk Fragen, die ihr zu persönlich werden, mit diplomatischen Antworten auf ihre Kunst. Es wird schnell klar, dass sie für ihre Sammlung lebt. Das Muzeum Susch als Ort dafür ist momentan ihr größtes Projekt. Das macht die blonde Sammlerin mit stechend blauen Augen auf eine Art unnahbar, die neugierig macht.

Auf der Baustelle ihres zukünftigen Orts für Kunst saßen vergangenen Herbst während einer ersten Begehung Frisur und Make-up stets perfekt. „Ich mag es, Zeit auf dem Bau zu verbringen. Das ist meine Leidenschaft“, erzählte sie stolz und lief durch die neuen Räume, die überwiegend nach Art eines White Cube umgestaltet sind und teilweise in traditioneller Holzgarnitur belassen wurden. Die Gebäude aus dem 15. und 18. Jahrhundert ließ sie mit Hilfe des ortsansässigen Architekten-Duos Chasper Schmidlin und Lukas Voellmy so umbauen, dass sowohl die Tradition des Dorfes als auch die Modernität der zeitgenössischen Kunst im Bau repräsentiert werden. Als Basis für die Innenräume nutzten die Architekten den Fels, der das ganze Dorf miteinander verbindet. Auch im Haus wird er immer wieder sichtbar – manchmal als flache Steinwand, an anderen Stellen in seiner natürlich rohen Form wie im Treppenhaus der Künstlerresidenzen. Im Fall eines ebenfalls treppenartigen, schwarzen Gerüsts, das sich über mehrere Etagen erstreckt – eine Skulptur der etablierten polnischen Künstlerin Monika Sosnowska – wurde die Architektur um die Kunst herumgebaut.

Eine Chance, die eigene Kultur öffentlich zu machen

Die Haupträume des Muzeum Susch werden nach einer Auswahl von Kuratorin Kasia Rezisz bespielt, die zuvor in der Tate Liverpool tätig war. Mit Grazyna Kulczyk hat sie bereits in Polen gearbeitet und kennt ihre Sammlung gut. „Die Werke sind ein Teil meiner DNA und eine mentale Stütze“, erklärt Kulczyk. Deshalb habe sie auch nie ein Werk weiterverkauft. Sie wolle mit ihrer Sammlung auf gesellschaftliche Probleme aufmerksam machen, die ihr ein persönliches Anliegen seien. Die erste Ausstellung „A Woman looking at Men looking at Women“ beschäftigt sich mit Klischees des Feminismus und zeigt ebenso streitbare wie berührende Arbeiten etwa von Magdalena Abakanowicz, der Österreicherin Renate Bertlmann, Louise Bourgeois, Geta Bratescu oder der jüngst verstorbenen Carolee Schneemann. „Ich möchte Frauen unterstützen“, sagt Kulczyk über ihre Aufgabe als Sammlerin und Leiterin des Muzeum Susch. Dass sie das Projekt in ein kleines Dorf bringe, baue zusätzlich eine intime Atmosphäre zum Betrachten ihrer Sammlung auf.

Alina Szapocznikow wurde in jüngerer Zeit wiederentdeckt. Ihren „Headless Torso“ schuf die Künstlerin bereits 1968.
Alina Szapocznikow wurde in jüngerer Zeit wiederentdeckt. Ihren „Headless Torso“ schuf die Künstlerin bereits 1968.Foto: Collection of Zacheta, National Gallery of Art/ VG Bildkunst, Bonn 2019

Für Susch ist der neue Standort für Kunst eine Chance, die eigene Kultur verstärkt öffentlich zu machen. Um den Bewohnern einen Einblick in den Bauprozess und den Fortgang ihres Museums zu geben, lud Kulczyk die neuen Nachbarn mehrmals vor der offiziellen Eröffnung ein und veranstaltete ein Fest für alle. Auch wenn die Veränderung nicht für jeden im Dorf leicht sei, bekäme sie die Neugier auf die künftige Entwicklung mit. Der ortsansässige Tischler, der an den Innenräumen des Museums mitarbeitete, habe während der Vorbereitungen die Zahl 400 auf ein Brett geschrieben, erzählt Kulczyk. Auch wenn sie nicht die gleiche Sprache sprächen, verstand die Sammlerin den Wink sofort. „Er meinte damit, dass hier 400 Jahre nichts passiert sei“, sagt sie lächelnd. Nun habe man etwas grundlegend Neues in Susch, über das man sich Gedanken machen könne.

„A Woman looking at Men looking at Women“, Surpunt 78, Muzeum Susch, bis 30. Juni, www.muzeumsusch.ch

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