Sammlung Suermondt in der Gemäldegalerie : Exquisites Jagdfieber

Blumen, Bauern, Bürger: Eine Kabinettausstellung des Kupferstichkabinetts in der Gemäldegalerie zeigt die Sammlung Barthold Suermondt.

Zechen und krakeelen. Frans Hals’ um 1633 entstandenes Gemälde „Malle Babbe“.
Zechen und krakeelen. Frans Hals’ um 1633 entstandenes Gemälde „Malle Babbe“.Foto: SMB, Gemäldegalerie/Christoph Schmidt

Der Börsencrash 1873 war schuld. Ohne den Einbruch der überhitzten Finanzmärkte wäre die Berliner Gemäldegalerie um einige heute unbezahlbare Highlights ärmer. Jan Vermeers „Mädchen mit dem Perlenhalsband“ bespiegelt sich ungerührt von allen Baissen und Haussen seelenruhig in ihrer holländischen Kammer. Ebenso zeitlos und unbegreiflich schön erwartet einen Jan van Eycks um 1440 auf eine winzige Holztafel gemalte Madonna in ihrem lichtdurchströmten gotischen Kircheninterieur.

Dies sind nur zwei von 218 Meisterwerken, die der Sammler Barthold Suermondt im Jahre nach dem Gründerkrach auf einen Schlag an die Berliner Museen veräußerte. Der schwerreiche, mit englischen Stahlmagnaten verschwägerte Aachener Gründerzeitunternehmer war geschäftlich unter Druck geraten. Strategisch klug bereitete er seinen Verkaufscoup im Jahr zuvor durch eine repräsentative Ausstellung in Brüssel vor, um seine Schätze ins rechte Licht zu rücken und nicht zu Schleuderkonditionen abzustoßen zu müssen. Berlin machte stattliche 340 000 Taler locker. Auch Suermondts komplette, passioniert zusammengetragene Kollektion an Altmeisterzeichnungen, über 400 Nummern, wanderte nach Berlin.

In einer Kabinettsausstellung exquisiter holländischer Seestücke und Flusslandschaften auf Papier lässt sich jetzt verfolgen, welche Art von Kunst den „Bohemien Millionaire“ begeisterte, der sich vom Laien zu einem der besten Kenner seiner Zeit mauserte. Die wirklichkeitsnahen Alltagsschilderungen des 17. Jahrhunderts hatten es ihm angetan: Flachlandschaften mit hinreißend gemalten Wolkenhimmeln, Blumenstillleben, Bauernszenen, Bürgerporträts. Sie entstanden zu einer Zeit, als sich in Holland ein freier Kunstmarkt gerade zu entwickeln begann. Flankierend erwarb Suermondt auch Altdeutsches oder Vélazquez. Religiöse oder mythologische Sujets schätzte er weniger. Das Jagdfieber packte ihn schon bald nach seinem ersten En-Bloc-Ankauf 1852.

Schnitzeljagd nach 54 Suermondt-Erwerbungen

In Nachtzügen reiste er von Auktion zu Auktion, saß bei Versteigerungen in Brüssel, Paris, Amsterdam im Saal. Er konnte blitzschnell entscheiden, sprach sich aber gern mit seinem Freund und Berater, dem französischen Connaisseur Théophile Thoré-Bürger ab. Auch der junge Wilhelm Bode, den er in Briefen bisweilen altväterlich abkanzelte, gehörte zu den Bekannten des 1818 in Utrecht geborenen Suermondt. Einig war man sich im Wettstreit um die richtige Zuschreibung, um die qualitative Bewertung jedes neu auf den Markt kommenden Stücks. Ob eigenhändiger Rembrandt oder nicht, ob Vermeer van Delft oder van der Meer van Haarlem, das bestimmte schon damals entscheidend den Marktwert. Suermondt hatte ein Auge für Qualität, kaufte aber manchmal zu fix und sackte auch Mittelmaß ein. Viele Zuschreibungen mussten korrigiert werden. Mit den maßgeblichen Privatsammlungen des Kontinents machte er sich schon im Vorhinein vertraut, um zu wissen, wo vielleicht irgendwann gute Beute zu haben sein könnte.

Als einer der ersten deutschen Kunstkenner begeisterte er sich für den furios malenden Frans Hals, der außerhalb Hollands, ebenso wie Vermeer, fast vergessen war. Die schwer betrunkene „Malle Babbe“ und das apfelbäckige Kleinkindporträt der Catharina Hooft im Goldbrokatkleid sicherte er sich, bevor die Preise für Hals rapide anzogen. Auf einem Parcours durch die Säle der Gemäldegalerie darf man sich jetzt, versehen mit einem Booklet, auf Schnitzeljagd nach 54 Suermondt-Erwerbungen begeben. Einige Spitzenstücke, etwa von Rembrandt oder Holbein, glänzen allerdings derzeit durch Abwesenheit: Parallel richtet das Suermondt-Ludwig-Museum in Aachen, das dem potenten Sammler seine Existenz verdankt, eine Geburtstagsausstellung zum 200. aus. Da wollte Berlin mit Leihgaben nicht knauserig sein.

Kabinettausstellung „Seeblicke. Niederländische Zeichnungen aus der Sammlung Barthold Suermondt“, Katalog im Belser-Verlag, bis 16. Juni, außerdem Parcours durch die Gemäldegalerie

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