Sanierung Schloss Babelsberg : Denkmalschutz ist ein mühsames Geschäft

Seit 2013 wird das preußische Schloss Babelsberg saniert. Die Fassaden sind fertig, die nächsten sechs Jahren sind die Innenräume dran. Ein Besuch.

Preußische Eleganz mit leichtem Disney-Einschlag. Schloss Babelsberg bei Potsdam.
Preußische Eleganz mit leichtem Disney-Einschlag. Schloss Babelsberg bei Potsdam.Foto: Leo Seidel

Äußerlich erstrahlt Schloss Babelsberg schon wieder in altem Glanz. Oder besser gesagt: seine beiden Teile. Denn die königlich preußische Sommerresidenz an der Glienicker Lanke besteht genau genommen aus zwei disparaten Bauten. Der erste wurde 1833 bis 1835 von Karl Friedrich Schinkel geschaffen, der zweite Ende der 1840er Jahre von Ludwig Persius und Johann Heinrich Strack. Wer genau hinschaut, erkennt den Stilwechsel: Schinkels Formsprache ist schlicht und elegant, der Anbau dagegen wurde mit Ornamenten förmlich überladen, besonders die drei unterschiedlich dimensionierten Türme wirken wie von Walt Disney erfunden. Dem legendären Tagesspiegel-Feuilletonchef Heinz Ohff bereitete der Kontrast geradezu Unwohlsein: Der Schinkelbau würde „erstickt“ vom Eklektizismus des Persius-Flügels, „um nicht zu sagen: vom Kitsch“, schrieb er in seiner Biografie des klassizistischen Architekten.

Auch Ayhan Ayrilmaz, der Direktor der Architekturabteilung der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten, vermag das ästhetische Gefälle zwischen den Bauteilen detailreich darzulegen. Und doch hat er sich den ungleichen Hälften des Schlosses mit derselben Hingabe gewidmet, als es um die Hüllensanierung von Babelsberg ging. 2013 begannen die Arbeiten, 9,7 Millionen Euro standen für die Instandsetzung der Fassade und der Terrassen zur Verfügung, weitere 4,7 Millionen konnten investiert werden, um die Wasserspiele im Park wiederherzustellen, einschließlich des fast 20 Kilometer langen, unterirdischen Rohrsystems.

Richterschule, Filmhochschule und später Museum

Im nächsten Schritt sind ab 2019 endlich die Innenräume dran. Die sind ziemlich gut erhalten, vor allem die Fächergewölbe im englischen Perpendicular-Style des 14. Jahrhunderts. Zugleich zeigen sich überall deutliche Spuren der Nachkriegsnutzung: 1949 war die „Richterschule“ der jungen DDR hier untergekommen, 1959 folgte die Filmhochschule. Von 1963 bis 1990 wurde das Schloss schließlich als Museum für Ur- und Frühgeschichte genutzt.

Um das adlige Heim für sozialistische Zwecke nutzbar zu machen, zeigte man sich nicht zimperlich. Historische Wandgestaltungen wurde mit Ölfarbe überpinselt, jede Menge Leitungen über Putz verlegt, Kamine herausgerissen und durch effektivere Kanonenöfen ersetzt. Im östlichen Turm, den das Museum als Depot nutzte, wurden wuchtige Stahlträger eingebaut. Besonders schwer traf es das ehemalige Speisezimmer, das sich über zwei Etagen erstreckte. Das empfand man wohl als besonders dekadent, weshalb kurzerhand eine Zwischendecke eingezogen wurde. Im Erdgeschoss wirkt der Raum amputiert, weil er direkt oberhalb der umlaufenden Balustrade gekappt ist. Darüber entstand ein Zimmer, das zum größten Teil von der geschnitzten hölzernen Deckenkonstruktion ausgefüllt wird.

Beim Denkmalschutz brauchen alle einen langen Atem

Mindestens sechs Jahre werden die Arbeiten im Innern in Anspruch nehmen, sagt Ayhan Ayrilmaz, und Jörg Kirschstein, der Kastellan von Schloss Babelsberg, nickt zustimmend. Denn im Denkmalschutz brauchen alle Beteiligten einen langen Atem. Weil nicht nur vor Beginn der Arbeiten der Ist-Zustand minutiös dokumentiert werden muss, sondern weil es für den Umgang mit allen Schäden und Überformungen stets mehrere Lösungswege gibt. Und die wollen ausführlich diskutiert werden. Nicht selten kommt es dabei zu Kontroversen zwischen jenen Fachleuten, die eine Wiederherstellung des Originalzustands anstreben, und jenen, die dafür plädieren, auch die Spuren der verschiedenen Nutzungsphase sichtbar zu belassen. Da ist seitens der Projektleitung Geduld gefragt – und Fingerspitzengefühl.

Manche Detailprobleme wachsen sich zu regelrechten Forschungsreihen aus. Was haben Ayhan Ayrilmaz und sein Team nicht alles ausprobiert, um herauszufinden, wie sich die Backsteine der Schlossfassade von dunklen Verfärbungen reinigen lassen, ohne dass dabei die historische Patina komplett verloren geht. Das Sandstrahl- und das Trockeneisverfahren aber auch eine chemische Behandlung schieden aus, weil dadurch die Oberfläche der Steine zu stark angegriffen worden wäre. Schließlich entschloss man sich für ein Laserreinigungsverfahren, bei dem der Schmutz vom gebündelten Lichtstrahl verdampft wird. Ausgestattet mit akkubetriebenen Geräten stiegen die Arbeiter auf die Gerüste, um sich dann Millimeter für Millimeter bis in die letzten Winkel der Fassade vorzuarbeiten.

Grandioser Ausblick

Ähnlich komplex stellte sich die Restaurierung der 380 Fenster dar. Bauherr Prinz Wilhelm hatte sich für sprossenlose Fenster entschieden, auch wenn das historisch alles andere als korrekt war: In der Gotik, die das Schloss nachahmt, konnten nur kleine Glasscheiben hergestellt werden. Doch Wilhelm wollte freie Sicht in die Natur haben. Schließlich ist der Blick vom Babelsberg auf die Potsdamer Parklandschaft grandios. Also setzte Schinkel die Vorgaben um.

Die Spitzbogenfenster im Teesalon sind stolze viereinhalb Meter hoch. Eine handwerkliche Meisterleistung, die sich heute allerdings nicht mehr kopieren lässt, wenn man kein modernes Industrieprodukt verwenden will, sondern sogenanntes Goetheglas, das eine unebene, leicht gewellte Oberfläche hat, wie es im 19. Jahrhundert üblich war. Goetheglas ist nämlich nur bis zu einer Länge von drei Metern lieferbar. Also musste angestückelt werden, die neuen alten Teesalon-Fenster bekamen eine minimal sichtbare Fuge – die dem Besucher kaum auffällt, Ayhan Ayrilmaz aber sofort ins Auge springt, wenn er nach Babelsberg kommt.

Andererseits: Schon Karl Friedrich Schinkel musste vor 185 Jahren Kompromisse machen. König Friedrich Wilhelm III. hatte sich knickerig gezeigt, als sein zweitältester Sohn mit dem Wunsch an ihn herantrat, für sich und seine Frau Augusta einen standesgemäßen Wohnsitz zu errichten. Daher musste sich der Architekt mit Backsteinen aus örtlicher Produktion zufriedengeben, die nicht gerade perfekt geformt waren. Um der Fassade dennoch eine einheitliche Anmutung zu geben, ließ er sie erst schlämmen und dann mit besonderen Fugen veredelte. Ebenso wenig reichte das Geld dafür, Schmuckelemente sowie Simse und Profile in Sandstein auszuführen. Notgedrungen griff Schinkel zu Ersatzmaterialien wie Putz, Holz, Zement und Zink, die in derselben Farbe angestrichen wurden.

Die königliche Atmosphäre soll wieder spürbar werden

Wer genau hinschaut, kann das alles bei einem Gang rund ums Schloss entdecken. Einblicke ins Innere des Hauses waren lediglich im vergangenen Jahr von April bis Oktober im Rahmen der großen Fürst-Pückler-Ausstellung möglich. Jetzt liegen die Räume wieder im Dornröschenschlaf. Gemälde und kleinere Möbel sind im angrenzenden Küchengebäude eingelagert, Schränke und andere großformatige Objekte werden von Tüchern vor Staub geschützt. So pflegte man das schon zu Wilhelms Zeiten zu machen, wenn die Herrschaften abwesend waren. Sogar das Muster des Stoffs – goldene Kronen auf bordeauxfarbenem Grund – ist historisch korrekt, wie man auf alten Fotografien sehen kann, die an den Wänden lehnen.

Im Schinkelbau soll nach der Sanierung die Atmosphäre der königlichen Bewohner wieder spürbar werden, im Anbau sind Räume für Sonderausstellungen vorgesehen. Unklar ist allerdings, ob das Obergeschoss überhaupt für den Publikumsverkehr zugelassen wird. Es fehlt nämlich das nach Artikel 33 der Musterbauordnung vorgeschriebene zweite Fluchttreppenhaus. So greift die heutige Bürokratie in die Planungen der Denkmalpfleger ein. Womöglich lässt sich ein Kompromiss mit der Feuerwehr finden, erklärt Kastellan Kirschstein, indem das Aufsichtspersonal der Stiftung auch für den Brandschutz zuständig wird.

Bis 2030 würde Ayhan Ayrilmaz gerne auch alle Nebengebäude auf dem Babelsberger Parkgelände sanieren, vom Dampfmaschinenhaus für die Wasserpumpen bis hin zur Gastronomie im „Kleinen Schloss“ – wenn denn das Geld aus dem Masterplan reicht. 400 Millionen Euro haben der Bund sowie die Länder Berlin und Brandenburg zur Verfügung gestellt für den zweiten Teil des Sonderinvestitionsprogramms der SPSG, die allerdings 300 Liegenschaften betreut und 750 Hektar Parkflächen. In Berlin lässt sich für diese Summe gerade mal eine Staatsoper sanieren.

Am 19.8. sowie am 7.10. gibt es Sonderführungen durch die unsanierten Räume. Infos: www.spsg.de

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