Schriftsteller Andrej Platonow : Kommunismus als Schicksal

Andrej Platonows Literatur wurde in der Sowjetunion verboten. Nun erscheint sein Roman „Tschewengur“ in einer Neuausgabe. Eine meisterhafte Erzählung über Sinn und Irrsinn des russischen Kommunismus.

Solange unser Arm es will. Pjotr Wladimirowitsch Williams’ Gemälde „Montage der Produktionshalle“ (1932, Ausschnitt).
Solange unser Arm es will. Pjotr Wladimirowitsch Williams’ Gemälde „Montage der Produktionshalle“ (1932, Ausschnitt).Foto: akg-images

"Der Mensch kann noch so böse, noch so klug und tapfer sein, er ist trotz allem traurig und stirbt an der Schwäche seiner Kräfte“, heißt es an der Stelle, da der während der Arbeit verletzte Meister des Eisenbahndepots stirbt. Es ist der erste Tod, den Sascha Dwanow miterlebt. Es folgen viele Tode, unzählige Tode, denn es bricht die Revolution aus, und Sascha ist Lokführer im anschließenden Bürgerkrieg. Die Fahrt durch die Steppe, auf der Flucht vor feindlichen Kosaken, und dann der Zusammenstoß mit einem entgegenkommenden Zug. Es geschieht viel in Andrej Platonows Roman „Tschwengur“, doch ebenso gut könnte man sagen, dass wenig geschieht. Die großen Geschehnisse lassen sich von den kleinen kaum unterscheiden. Großes geschieht beiläufig, und Beiläufiges wird als bedeutend erzählt.

Das Große, das Platonow erzählt, ist der „Anfang der kommunistischen Gesellschaft“, wie er an Maxim Gorki schreibt. Wie er diesen Anfang erzählt, das konnte die Zensur der Sowjetmacht nicht durchgehen lassen. Gorki, nach seiner Rückkehr ins nunmehr sowjetische Russland die vermeintlich oberste Autorität in Fragen der Literatur, äußerte sich 1929 dem auf Druckfreigabe hoffenden Autor gegenüber zwar positiv, was die Qualität seines über drei Jahre hinweg geschaffenen Romans angeht, nahm ihm zugleich aber jede Hoffnung auf Veröffentlichung. Die erfolgte – abgesehen vom doch gedruckten ersten Kapitel – tatsächlich erst 1988 während der Perestrojka, 37 Jahre nach Platonovs Tod.

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Russen schwelgen in Sowjet-Nostalgie
Russen schwelgen in Sowjet-Nostalgie

Andrej Platonow (1899–1951) war selbst ein Kind der Revolution, die ihm, dem Arbeitersohn aus Woronesch 500 Kilometer südöstlich von Moskau, ein Studium der Elektrotechnik ermöglichte und ihn nach der Teilnahme am Bürgerkrieg als Ingenieur beim Aufbau des Kommunismus beschäftigte. Zugleich begann Platonow sein literarisches Leben. Vieles wurde veröffentlicht, die Hauptwerke jedoch, wie der im vorvorigen Jahr neu herausgebrachte Roman „Die Baugrube“ von 1931, blieben ungedruckt und zogen Stalins Zorn auf sich.

Platonow selbst überlebte den Großen Terror; stellvertretend wurde sein minderjähriger Sohn verhaftet und erst, als er durch das Lager zugrunde gerichtet war, freigelassen. Jewgenij Jewtuschenko, der Dichter des Chruschtschow’schen „Tauwetters“, schrieb über „das Phänomen“ Platonow, „dass er durch den Wirbel der Losungen mit Aufrufen zu utopischen Hauruckaktionen in den zwanziger Jahren das blutige Jahr 37 vorhersah“. Tatsächlich hielt Platonow fest, was er selbst miterlebte, wie die Ausrottung des „Burschui“ genannten Bürgertums am Ende der scheinliberalen NEP-Phase und anschließend die Zwangskollektivierung mit der „Liquidierung der Kulaken als Klasse“.

Eine Wanderung mit offenem Herzen

Platonow kannte das bäuerliche Land und dessen Elend. Tschewengur ist der Name einer fantastischen Siedlung, in der der Kommunismus bereits verwirklicht wird – nachdem besagte „Burschui“ auf Befehl des „Vorsitzenden des Revolutionskomitees“ auf dem Marktplatz zusammengetrieben und von Tschekisten, den berüchtigten Geheimdienstlern, erschossen worden waren: „Die Leichen lagen grüppchenweise – zu dreien, zu fünft und mehr, sie hatten sich wohl in den letzten Minuten des Abschieds wenigstens mit Teilen ihrer Körper näherkommen wollen.“ Dabei sind die „Burschui“ alles andere als westliche Bourgeois; sie hoffen auf die „Wiederkunft des Herrn“ und sind Repräsentanten des alten Russlands, das bei Platonow als Urgrund aller Veränderungen ebenso wie deren Vergeblichkeit stets präsent bleibt.

Der Kommunismus, den die Bolschewiki in Tschewengur errichten, ist „das Gefühl der Massen füreinander“, wie der Komiteevorsitzende Tschepurny zu erklären versucht, ein in der russischen Geschichte häufiger Ur-Kommunismus der Gütergemeinschaft. Doch plötzlich stirbt ein Kind. Platonow breitet diese Begebenheit aus, denn sie markiert einen Wendepunkt. „Das soll Kommunismus sein?“, lässt er einen der Bolschewiki zweifeln, „in seiner Gegenwart ist ein Mensch erschienen und gestorben. Das hier ist eine Seuche und kein Kommunismus.“ Der Autor selbst nannte seinen Roman im Untertitel „Die Wanderung mit offenem Herzen“.

Trotz allem sah Platonow sich als Kommunist

Mit einem Mal zieht Platonow die Zeit zusammen, so wie er stets meisterhaft versteht, sie zu dehnen und wieder zu stauchen: „Die Revolution war vergangen wie ein Tag; in den Steppen, in den Landkreisen, in der ganzen russischen Einöde war für lange Zeit die Schießerei verstummt, und die Wege der Armeen, der Pferde und des russischen bolschewistischen Fußvolks waren allmählich zugewachsen. Der Raum der Ebenen und des Landes lag leer, still, entseelt wie ein abgemähter Acker – und die späte Sonne verzehrte sich einsam in schläfriger Höhe über Tschewengur.“

Der Kommunismus kommt als Naturereignis daher, dem die Menschen schutzlos ausgeliefert sind. Platonows Beschreibung des Städtchens Tschewengur ist durchsetzt mit Metaphern der Unbehaustheit. Gleich neben den Häusern beginnt die Steppe; im Grunde ist der Ort selbst bereits Steppe. Und so zeitlos wie sie ist der Kommunismus Platonow’scher Prägung: ein unverstandenes, düsteres Schicksal – alles andere als der heroische Aufbau unter dem Banner der Partei.

529 Seiten misst der Text des Romans in der Übersetzung von Renate Reschke; sein erzählerischer Reichtum kann nur angedeutet werden. Gorki sprach in seiner ablehnenden Antwort von „Satire“, aber eher ist es eine bitterernste Transposition der erlebten Wirklichkeit ins Fantastische. Platonow selbst hat es allerdings so nicht sehen wollen. Er beharrte für sich auf dem Standpunkt des Kommunisten, den er in seinem beruflichen Alltag konsequent einnahm – um ihn gleichzeitig in seinem literarischen Schaffen ad absurdum zu führen, nicht durch Kritik, sondern durch absurde Steigerung. Die Schwäche der eigenen Kräfte war seine dichterische Stärke.

Andrej Platonow: Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen. Roman. Aus dem Russischen von Renate Reschke. Suhrkamp Verlag, Berlin 2018. 581 Seiten, 32 €.

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