Schweden und die Russenphobie : Die Messerschleifer sind wieder da

Die WM beginnt – und in Schweden geht die Angst vor Russland um. Ein Gastbeitrag des schwedischen Botschafter s a. D. und Generalsekretärs des europäischen Kulturparlaments.

Karl-Erik Norrman
Keine Panik. Schwedische Reservesoldaten in Stockholm
Keine Panik. Schwedische Reservesoldaten in StockholmFoto: REUTERS

Ende Mai 2018 wurde an alle 4,8 Millionen Haushalte in Schweden eine Infobroschüre verteilt. Titel: „Falls Krise und Krieg kommen.“ Schwedens Regierung teilte den Bürgern mit, wie sie sich auf den „Ernstfall“ vorbereiten. Wie Fliegeralarm klingt, wo Luftschutzkeller liegen, welche Lebensmittel man bunkern soll, wie man Fake News und Cyberattacken erkennt. Diese Aktion, die erste dieser Art seit 1961, hat Aufmerksamkeit geweckt, Rätseln, Befremden – und durchaus Angst. Auch in Deutschland. Es hört sich ja so an, als stünde, wie man früher sagte, „der Russe vor der Tür“. Und da steht er nun gar nicht, sondern die schwedische Fußballnationalmannschaft spielt bei der WM in Russland, wo sie in der Gruppenphase auf die Deutschen trifft. Was also passiert?

Um die Panikmache einzuordnen, lohnt ein kleiner Blick in die Geschichte. Vor gut hundert Jahren tobte in Schweden eine Debatte um Aufrüstung. Auf dem Kontinent waren die mobilmachenden Staaten auf dem Weg in den kollektiven Selbstmord, und auch an den schwedischen Stammtischen erschollen Rufe nach mehr Geld für die Armee und nach einer größeren Kriegsflotte. Es gab viel Stimmungsmache, konservative Zeitungen warnten sogar vor „russischen Messerschleifern“. Das waren arme, russische Wanderhandwerker, die durchs Land zogen und den Schweden ihre Dienste anboten. Allesamt seien sie verkleidete russische Spione, raunten die Blätter. August Strindberg und andere Liberale machten sich über diese Unkenrufe lustig. Die Wogen schlugen hoch.

Mich erinnert die aktuelle Alarmbroschüre in meinem Land an den Mythos von den Messerschleifern. Sicherheitsfragen werden in Schweden seit Anfang der Ukraine-Krise 2014 intensiv diskutiert. Dabei spielen auch die Terrorattacken eine Rolle, aber das Leitmotiv der Diskussion ist die vermutete Gefahr, die von Russland ausgehen könne. Alte Dämonen und Gespenster, wie vor hundert Jahren, sind wieder aufgetaucht, der Erzfeind könnte unser Land wieder bedrohen und unsere befreundeten Nachbarn Estland, Lettland und Litauen – das ist der moderne Zusatz. So wird nun der Verteidigungsetat erhöht, werden Truppenverbände auf Gotland verstärkt, führt man die allgemeine Wehrpflicht wieder ein und diskutiert erneut die NATO-Mitgliedschaft.

Die Spielregeln sind radikal neu

Vergessen scheint: Schwedens letzter Krieg mit Russland war 1809. Russland siegte, Schweden verlor Finnland. Es war das Ende einer Reihe von militärischen Auseinandersetzungen mit Russland. Die berühmteste war der megalomane Feldzug Karls XII. gegen Zar Peter I. zu Beginn des 18. Jahrhunderts, anfangs siegreich für Schweden, zum Schluss, in Poltava, eine Katastrophe. Weder Napoleon noch Hitler lernten übrigens aus dieser Katastrophe ihres schwedischen Vorgängers.

Seit über 200 Jahren sind also wir glücklichen Schweden vom Krieg verschont. Sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg war Schweden neutral. Auch im Kalten Krieg war Schweden nach eigener Erklärung „allianzfrei, mit der ausgesprochenen Absicht, im Krieg neutral zu bleiben“. Das hat uns den Frieden erhalten und war für die Bevölkerung ein großer Segen. Die Neutralität war allerdings, wenn man so will, nicht unbedingt eine konsequente, sondern eher eine pragmatische. Und diese Art des Pragmatismus hat Schweden vermutlich vor einer Nazi-Invasion bewahrt.

Auch im Kalten Krieg übte sich Stockholm in einem gewissen Pragmatismus. Hier darf ich ein Geheimnis enthüllen, das nicht mehr geheim ist. In den 1960er Jahren gehörte ich während des Militärdiensts zu einer Elitetruppe, der sogenannten Dolmetscherschule. Etwa 25 sprachbegabte junge Männer konnten dort, neben dem regulären Militärdienst, offiziell „Sprachen studieren“. De facto ging es vor allem um das intensive Studium des Russischen. Wir wurden ausgebildet für mögliche Verhöre russischer Kriegsgefangener, dabei entdeckte ich eine schöne Kultursprache. Militärische Fachterminologie lernten wir mit Lehrmaterial aus dem Pentagon.

In Deutschland diskutiert man jetzt wieder gern über Willy Brandts Ostpolitik oder über Tendenzen der Anbiederung an den postsowjetischen Staat. Brandts schwedischer Amtskollege und Freund, Olof Palme, wollte ebenfalls eine gute Nachbarschaft mit der Sowjetunion. Doch Palme dehnte den Spielraum der bündnisfreien Politik aus. Zwar konnte er den Vietnam-Krieg der USA ebenso scharf verurteilen wie die sowjetischen Invasionen in der Tschechoslowakei oder in Afghanistan. Aber zugleich hielten sowohl er als Brandt immer Türen zum Dialog offen. Ich durfte persönlich erleben, wie Palme mit Moskau und Kissinger wichtige, konstruktive Gespräche führte, kurz nachdem er die jeweiligen Gesprächspartner öffentlich kritisiert hatte. Olof Palme hatte keine Angst vor den Russen.

Die internationalen Spielregeln haben sich radikal verändert, und mit Donald Trump im Weißen Haus weiß niemand so recht, welches Spiel mit welchen Regeln gerade gilt. Es herrscht Verwirrung, und die alten Ängste tauchen wieder auf.

Man muss in jedem Fall reden

Die deutsche Kanzlerin und eine Anzahl Putin-Versteher aus allen politischen Lagern, halten weiter den Dialog mit Moskau aufrecht, trotz der harten EU-Sanktionen. Die schwedische rot-grüne Regierung verfolgt aufs Genaueste die Politik der Sanktionen. Es herrscht eine Stimmung, als wäre das Attentat auf den russischen Ex-Agenten Skripal in Schweden passiert, nicht in England, oder als stünden russische Truppen nicht in der Ost-Ukraine, sondern schon in Riga oder Finnland. Den Dialog mit dem Kreml meidet die Regierung. Sie hält die Türen geschlossen, die uralte Russenangst geht um. Und das wird nicht besser, solange man nicht miteinander spricht.

Kein Wunder also, dass mich italienische, deutsche oder französische Diplomaten und Journalisten ab und zu fragen: Warum gibt es in Schweden diese extreme Russophobie? Hinzufügen sollte ich, dass ich selbst nicht zu den Putin-Verstehern zähle. In meiner langen Dienstlaufbahn habe ich KGB-Mitarbeiter persönlich erlebt, ich war mit der ermordeten Publizistin Anna Politkovskaya befreundet und das Europäische Kulturparlament, das ich leite, hat gegen Kirill Serebrennikovs Hausarrest öffentlich protestiert. Aber ich weiß die Grundregel der diplomatischen Friedenspolitik zu schätzen: Nichts bewegt sich ohne Dialog.

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