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Das trauen sich nicht mehr viele: Carsten Kaufhold malte gegenständlich.
© Thilo Rückeis

Nachruf auf den Maler Carsten Kaufhold: So nah, als wär’ man da

Unerwartet ist der Berliner Maler Carsten Kaufhold, Jahrgang 1967, gestorben. Seine Spezialität waren präzise Stadtansichten.

Mit Bildern von Carsten Kaufhold eröffnete die Galerie Westphal 2009 in Prenzlauer Berg. Das war passgenau, denn Stefan Westphal gehört zu den Fans figurativer Kunst. Und Kaufholds überaus präzise Bilder zeigen Sujets vor allem aus Berlin, die man für fotografiert halten könnte – obwohl die Stadt in seiner Malerei viel ansehnlicher und stiller daherkommt, als sie es tatsächlich ist.

Es fehlen der Müll, die Graffitis und fast immer auch die urbanen Bewohner. Stattdessen zieht ein warmes, goldenes Licht in die Szenen vom Stadtrand mit seinem Wildwuchs, der „Brücke am Kanal“ oder aus Neukölln, wo der Künstler ein Leben lang zu Hause war. Von dort, aus dem Kunstverein, kam vor über einem Jahrzehnt auch die Empfehlung, sich die Bilder genauer anzuschauen. Westphal hat es getan, danach zählte Kaufhold zum „engsten Stamm von Künstlern der Galerie und Künstlerfreunden“. Nun gab der Galerist bekannt, dass Kaufhold, Jahrgang 1967, bereits Ende Juli überraschend verstorben ist.

Mit seiner Kleinbildkamera streifte er durch die Kieze

Mit ihm verliert Berlin einen sensiblen Chronisten der jüngeren Geschichte. Kaufhold, der von 1989 bis 1995 an der Universität der Künste studierte, zog immer wieder mit der Kleinbildkamera los, um das Spiel von Licht und Schatten auf dem Asphalt oder entlang der Fassaden festzuhalten. In seinem ebenerdigen Atelier, wo einst ein Stuckateur ein Geschäft hatte, verwandelte er die Momentaufnahmen später dann in überzeitliche Impressionen. Nicht unbedingt repräsentativ: Der Künstler lichtete lieber die scharfen Linien schmuckloser Häuser als die prächtige Altbauten ab. Aber die Stimmung in seinen sorgfältig komponierten Acrylbildern weckt ein Sehnsuchtsgefühl, wie es sonst vor allem mediterrane Landschaftsansichten tun.

Altmeisterlich sind seine Bilder

Gelegenheit, in Kaufholds immer auch leicht melancholisch eingefärbte Motive einzutauchen, gab es viele. Stefan Westphal lud ihn regelmäßig zu Einzel- und Gruppenausstellung ein, später kam auch die Berliner Galerie Knauber hinzu. Der Künstler hatte Soloschauen in anderen Regionen Deutschlands wie Ahrenshoop und wurde in der Schweiz geschätzt. 2016 waren Bilder parallel im Gasag- Kunstraum wie auch im Haus des Rundfunks zu sehen. Im Jahr darauf wurde Kaufhold mit dem Neuköllner Kunstpreis ausgezeichnet. Eine Bestätigung in Zeiten, in denen wenige gegenständlich und kaum noch jemand ähnlich altmeisterlich malt: mit Fluchtpunkt, Maßstäblichkeit, präzisen Perspektiven und einer Vorzeichnung per Taschenrechner und Lineal. Viele der Häuser, Cafés und begrünten Hinterhöfe kommen einem vertraut vor, manches lässt sich sogar wiederfinden. Auch wenn die Gemälde anonyme Titel wie „Straße 24“ (2010) oder „Blaue Bank“ (2015) tragen.

„Das Gegenteil von abstrakt“ hieß eine der jüngsten Ausstellungen, die das Auktionshaus Miltenbach in Unterfranken im November 2021 eröffnete. Für das kommende Jahr sei eine große Einzelpräsentation in Bad Saarow geplant, erzählt Galerist Westphal. Er muss sie nun ohne seinen Künstlerfreund Carsten Kaufhold ausrichten.

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