Solange Knowles in der Elbphilharmonie : Collage aus Stimmen, Stimmungen und Sounds

Die Show „Witness!“ hat Beyoncés kleine Schwester extra für die Hamburger Elbphilharmonie konzipiert. Doch an diesem Abend wirkt Solange ein wenig aus der Form.

Solange bei einem Auftritt in Florida. Von der Show in der Elbphilharmonie standen keine Fotos zur Verfügung.
Solange bei einem Auftritt in Florida. Von der Show in der Elbphilharmonie standen keine Fotos zur Verfügung.Foto: imago/ZUMA Press

In der Akustik bezeichnet der Begriff „Rosa Rauschen” ein als warm empfundenes Signal, dessen Wellenschwingungen bei steigender Frequenz leicht abnehmen. Schlafforscher haben in den letzten Jahren herausgefunden, dass sich dieses konstante Geräusch beruhigend auf die Gehirnfunktionen auswirkt und so die Ruhephasen fördert. Die Farbe der Harmonie.

Ein visuelles „Rosa Rauschen”, einen rosa Rausch gewissermaßen, hat R'n'B-Star Solange Knowles am Montagabend in der Hamburger Elbphilarharmonie im Rahmen ihrer zweitägigen „Witness!”-Performance auf die Bühne gebracht.

Ihr 23-köpfiges Orchester (darunter allerdings nur drei Frauen) steckt in leuchtend pinken Overalls, die acht Tänzerinnen, ihre beiden Sängerinnen und Solange selbst tragen dazu passende Outfits. Am Morgen hat sie ihre Fans auf Twitter bereits aufgefordert, in schwarzer Kleidung zum Konzert in die „Elphi” zu kommen.

Die Farbdramaturgie erweist sich als konzeptuell stimmig, zwischenzeitig scheint es, als wolle Solange ihre Fans sedieren. Leicht weggetreten verfolgt man die rosa Farbtupfer, die – mal straff choreografiert, mal frei schwebend – über die Bühne tänzeln. Solange unterläuft, wie nicht anders zu erwarten, alle Vorstellungen von einem klassischen Pop-Konzert.

Der erste Auftritt von Beyoncés kleiner Schwester seit ihrem wegweisenden dritten Album „A Seat at the Table” von 2016 ist zweifellos das meistantizipierte Pop-Ereignis dieses Herbstes. Die Knowles-Schwestern sind dem Status des bloßen Popstars ja längst entwachsen, sie haben sich den Ruf von Gesamtkunstwerken aber auch hart erarbeitet.

Solange wirk nahbarer als ihre Schwester Beyoncé

Das Besondere an Solange ist dabei, wie wenig sie sich diese Mühen anmerken lässt. Während in jeder von Beyoncés Inszenierungen ihr expansives Sendungsbewusstsein zum Ausdruck kommt – was wiederum denkwürdige Momente wie den „Coachella”-Auftritt von 2018 hervorbringt, zu sehen im Konzertfilm „Homeocoming” –, wirkt Solange privater. Ob in ihren Videos zum aktuellen Album „When I get Home”, in den sie sich auch schon mal zu Hause beim Tanzen filmt, oder in ihren introspektiven Texten, die sich vornehmlich um ihre Alltagserfahrungen als junge Afroamerikanerin drehen.

Solanges Nahbarkeit ist jedoch mehr als eine professionelle Geste. In der Elbphilharmonie muss sie bloß ein paar Stufen hinuntersteigen, um mit den schwarzen Frauen in der ersten Reihe zu tanzen. „For Us By Us” ist der Titel ihres bekanntesten Songs. Wenn sie „This Shit is for Us” singt, dürfen sich viele durchaus ausgeschlossen fühlen: Etwa 80 Prozent der Menschen im Publikum sind mit dieser Zeile explizit nicht gemeint. Wer sich benachteiligt fühlt, hat aber nicht verstanden, dass die Popmusik seit ihrer Erfindung vor knapp 70 Jahren Ausdruck einer weißen Kulturindustrie gewesen ist – selbst dann, wenn sie sich genuin schwarze Musik wie den Blues und später Hip-Hop aneignete.

Feier schwarzer Weiblichkeit

Solange und ihre über dreißig schwarzen Mitstreiterinnen und Mitstreiter in diesem Tempel der europäischen Hochkultur so selbstbewusst zu erleben, ist ein rührender, fast ikonischer Augenblick. Die Künstlerin kostet diesen Triumph dennoch nicht aus, alle sind zu dieser Feier schwarzer Weiblichkeit eingeladen. Und wer kennt das Gefühl nicht? „I can't be a singular expression of myself / There's too many parts, too many spaces”, sagt Solange zwischen zwei Songs, während sich der Klang ihrer Stimme langsam auffächert und zu Schichten überlagert, bis sich die Worte in der übermächtigen Raumakustik des Konzertsaals verliert – leider nicht das einzige Mal an diesem Abend.

Es ist nicht ihr erster Auftritt in einem klassischen Konzertsaal, im vergangenen Jahr gab Solange ein spektakuläres Konzert in der Oper von Sydney. Auch den spiralförmigen Aufgang im Guggenheim Museum hat sie schon in ihre Bühne verwandelt. Entsprechend groß sind daher die Erwartungen an den Hamburg-Auftritt. Sie hat ihre „Witness!”-Show eigens für die Elbphilharmonie konzipiert, mit „Composed and Directed by Solange Knowles” ist das Konzert angekündigt. Sound, Kostüme, Tanz und Architektur sind integrale Aspekte ihrer Kunst, es gelingt ihr am Montag allerdings nur selten, sie zu einer Einheit zu formen. 

Band und Publikum müssen fast 20 Minuten auf sie warten

Ihre Tänzerinnen schleichen ein paar Mal im Hintergrund über die Bühne, auch die Synchronisation der Marching Band-artigen Bläsersektion mit der Choreografie von Solange und ihren Sängerinnen wirkt halbherzig. Kaum eine Künstlerin versteht es wie Solange Knowles, eine Inszenierung absichtsvoll unperfekt aussehen zu lassen, doch an diesem Abend wirkt sie ein wenig aus der Form. Zwischen den Stücken tritt sie immer wieder an einen Tisch, um Flüssigkeit zu sich zu nehmen. Zu Beginn der Show hat sie ihre Band fast zwanzig Minuten warten lassen, eine kleine Geduldsprobe.

 Doch selbst eine Solange Knowles, die neben sich steht, besitzt noch genug Bühnenpräsenz, um das Publikum in ihren Bann zu ziehen. Zu „Way to the Show” und „Almeda” vom aktuellen Album marschiert sie energisch über die Bühne, twerkt mit erhobenem Hintern die vereinzelten Abokartenbesitzer im Publikum an. Und am Schluss von „Don't touch my Hair” wälzt sie sich auf dem Boden. Solche Einzelleistungen bleiben jedoch die Ausnahme.  

Das Konzert ist gerade dann am besten, wenn sich die für das Ensemble neu arrangierten Songs ineinander auflösen. Solange hat sich auf „When I get Home” vom Hit-Prinzip, das den Pop in der Ära der Streamingdienste mehr denn je dominiert, weitgehend emanzipiert. Viele ihrer Stücke sind zweiminütige Skizzen, die sie zu einer betörenden Collage aus Stimmen, Stimmungen und Sounds verbindet. Mit Pop-Begriffen lässt sich diese Musik nur noch schwer greifen, und für Avantgarde ist die Geste einfach zu ausgreifend. Tanzen kann man zu ihr auch nicht wirklich. Eins ist aber sicher: Zum Einschlafen eignet sich dieser rosa Rausch gewiss nicht.

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