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Die Schriftstellerin und Georg-Büchner-Preisträgerin Emine Sevgi Özdamar, 76
© imago stock&people

Georg-Büchner-Preis für Emine Sevgi Özdamar: Sprachspielerin und Weltenwanderin

Überraschende, zeitgemäße Entscheidung: Die Berliner Schriftstellerin Emine Sevgi Özdamar bekommt dieses Jahr den Georg-Büchner-Preis. Ein Porträt.

Von Gerrit Bartels

Sie müssen lange mit sich gerungen, gar intensiv gestritten haben, die Mitglieder der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt, die für die Wahl des Georg-Büchner-Preises zuständig sind.

War in den vergangenen Jahren die Entscheidung schon häufiger bis in den Juli verschoben worden, so dauerte es dieses Jahr noch einmal ein paar Wochen länger, um nun die 1946 im südosttürkischen Malatya geborene Berliner Schriftstellerin Emine Sevgi Özdamar als Büchner-Preisträgerin zu verkünden.

Tatsächlich ist die Wahl eine etwas überraschende. Denn Özdamar hat, obwohl vielfach ausgezeichnet, mit ihren gerade einmal vier veröffentlichten Romanen kein übermäßig großes literarisches Werk vorzuweisen. Dazu kommt, dass sie erst im vergangenen Jahr nach einer gut fünfzehn Jahre währenden Veröffentlichungspause mit ihrem Opus magnum „Ein von Schatten umgrenzter Raum“ auf die literarische Bühne zurückgekehrt ist.

Das aber mit einer gewissen Grandiosität: Dieser weit über achthundert Seiten zählende Roman ist nicht nur eine fulminante Lebensbilanz, sondern auch ein großartiges, vielstimmiges, Maßstäbe setzendes literarisches Kunstwerk, ein Buch voller Mythen, Märchen, Geschichten und Politik.

Poetischer Dialog zwischen den Kulturen

Andererseits ist es der Darmstädter Akademie offensichtlich um eine zeitgemäße Entscheidung gegangen. So heißt es denn auch in der Jury-Begründung, dass die deutsche Sprache und Literatur Özdamar, „neue Horizonte, Themen und einen hochpoetischen Sound“ verdanke, „einen zugleich intellektuellen wie poetischen Dialog zwischen verschiedenen Sprachen, Kulturen und Weltanschauungen.“

Özdamar ist die erste Vertreterin einer Literatur gewesen, die irgendwann unter Labels wie „Migrationsliteratur“ oder „transkulturelle Literatur“ firmierte. Heutzutage braucht es solche Bezeichnungen eigentlich nicht mehr. Die Geschichten, die Dilek Güngör oder Deniz Ohde erzählen, Sharon Dodua Otoo oder Abbas Khider, Ronya Othmann oder Yade Yasemin Önder, gehören fast schon zum literarischen Alltag. Nur stehen die meisten dieser Autorinnen und Autoren am Anfang ihrer Karrieren. Das stellt sich bei Özdamar naturgemäß anders dar.

Ihre künstlerische Arbeit begann sie allerdings am Theater, als Schauspielerin. Erst in Istanbul, wo sie in Peter Weiss’ Stück „Marat-Sade“ und in Brechts „Mann ist Mann“ Rollen spielte, danach, ab Mitte der siebziger Jahre in Deutschland.

Das war für Özdamar eine Art Rückkehr, hatte sie doch in den Sechzigern schon einmal in West-Berlin gelebt, übrigens in einem Wohnheim gegenüber dem Hebbel Theater, und sich als Fabrikarbeiterin durchgeschlagen.

Wie schreibt sie es nun in „Ein von Schatten begrenzter Raum“ über ihre zweite Berliner Zeit: „Ich fing an, an der Volksbühne in Ost-Berlin mit dem Brecht-Schüler Benno Besson zu arbeiten. Wenn ich in Ost-Berlin tagsüber in den Theaterproben mit Benno Besson, Matthias Langhoff, Heiner Müller und Christoph Hein saß oder abends in den Theatervorstellungen, vergaß ich Berlin und seine Schuldgefühle.“ Mit Besson ging sie auch nach Paris und Avignon, und in den achtziger Jahren war sie dann lange Zeit in Bochum am Schauspielhaus Ensemblemitglied unter Claus Peymann.

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Bevor sie weitere Rollen am Theater spielte – auch in Filmen wie Hark Bohms „Yasemin“ und Doris Dörries „Happy Birthday, Türke“ wirkte sie mit – begann Emine Sevgi Özdamar schließlich selbst zu schreiben, und zwar wurde sie inspiriert von den Aufzeichnungen eines ihr unbekannten Gastarbeiters.

Diese hatte der Mann in einem Koffer zurückgelassen, sie gelangten in Özdamars Hände und dienten als Vorlage für ihr erstes eigenes Stück, „Karagöz in Alemania“. Zunächst für Peymann geschrieben, inszenierte sie es schließlich 1986 selbst am Schauspielhaus in Frankfurt.

„Karagöz in Alemania“ erzählt als satirische Groteske und in einem artistisch gebrochenen Deutsch die Geschichte eines türkischen Bauern, der in die Bundesrepublik kommt, zuerst mit seinem Esel, und später seine Frau nachholt, um irgendwann unverrichteter Dinge und desillusioniert in seine Heimat zurückzukehren.

Es dauerte noch einmal fast ein Jahrzehnt, bis Özdamar mit „Mutterzunge“ einen ersten Erzählband und ihren Debütroman „Das Leben ist eine Karawanserei, hat zwei Türen, aus einer kam ich rein, aus der anderen ging ich raus“ veröffentlichte. Mit einem Auszug davon hatte sie 1991 auch das Ingeborg-Bachmann- Lesen in Klagenfurt gewonnen.

Die Geschichte der Türkei wird immer miterzählt

Özdamars Debüt ist zum Klassiker geworden. Es erzählt von dem türkischen Leben der Autorin zwischen ihrem Heimatort, Bursa, Ankara und Istanbul, von ihrer von Armut geprägten Kindheit und Jugend bis zu dem Tag, an dem sie als 17-Jährige in die Bundesrepublik kommt.

Die "Karawanserei" endet mit einem Zug voller türkischer Frauen, die vor der Vermittlungsstelle der deutschen Botschaft in Istanbul ihre Prüfung bestanden haben und sich nun auf der Reise aus einem vorher an sie verteilten Buch vorlesen, dem „Handbuch für die Arbeiter, die in der Fremde arbeiten gehen“.

Der Nachfolger dieses Romans, „Die Brücke vom Goldenen Horn“, 1998 erschienen, setzt dort an. Darin geht es um eine junge Frau, die in West-Berlin bei Telefunken Radiolampen montiert und staunend die Studentenrevolution und die frühen siebziger Jahre miterlebt, aber auch stetig über die Vorgänge in der Türkei auf dem Laufenden gehalten wird.

Özdamars autobiografisch nicht nur grundierte, sondern fest ausgepinselte Romane, so auch ihr dritter „Seltsame Sterne starren zur Erde“, sind Sprachkunstwerke ganz eigener Art: naiv und genau, märchenhaft, frei und voller Pirouetten, voller farbiger, ungewöhnlicher Satz- und Wortspiele. Da „saßen jetzt alle Frauen mit den Sternen zusammen, die aus den Badekuppelgläsern heruntergeregnet waren“, heißt es in ihrem Debüt über einen nächtlichen Besuch im Frauenbad. Oder es wird konstatiert: „Die Zunge der Liebe ist sehr alt.“ Oder gefragt: „Hat ein Mensch mehr als seine süße Zunge?“

"Die Zunge der Liebe ist sehr alt"

Diesen Spielen mit der Sprache und nicht zuletzt der Form setzt Özdamar immer einen politischen Stoff entgegen. Im Grunde erzählen ihre Bücher die Geschichte der Türkei insbesondere von den fünfziger bis zu den neunziger Jahren, inklusive des Genozids an den Armeniern zu Beginn des 20. Jahrhunderts, wie in „Ein von Schatten begrenzter Raum“.

Überhaupt dieser Roman: Er mutet an wie ein riesiges Tableau mit seinen sprechenden Krähen und Mücken, mit seinen sprechenden Wänden und sprechenden Toten, mit seinen vielen surrealen und grotesken Szenen, die sich mit nüchternen, fast dokumentarischen Stationenbeschreibungen abwechseln.

Im Kern erzählt der Roman, genau wie auch die drei anderen, von der Identitätssuche einer türkischen Frau zwischen den Kulturen, vor allem mit Hilfe der Kunst; von einer Frau, die später als „Brückenbauerin“ gefeiert wird und doch unbehaust bleibt: „In der Fremde wird der Mensch auf sich selbst zurückgeworfen, weil er andauernd daran erinnert wird, dass er fremd ist.“

Ob Özdamar beim Schreiben dieser Zeilen an den Plagiatsstreit gedacht hat, den sie 2006 mit ihrem Kollegen Feridun Zaimoglu ausfechten musste und den sie in ihrem jüngsten Roman auch thematisiert? Zaimoglu wurde verdächtigt, bei ihr abgeschrieben zu haben, zu auffällig ähnelten die Motive in seinem Roman „Leyla“ denen von Özdamars 14 Jahre zuvor veröffentlichten Debütroman.

Özdamar ging der Streit hart an, ohne dass sie selbst die lange Zeit ihres literarischen Verstummens darauf zurückführen möchte. Mit „Ein von Schatten umgrenzter Raum“ hat sie zur Sprache zurückgefunden und ist in beeindruckender Weise und geradezu triumphal zurückgekehrt. Der Georg-Büchner-Preis ist die Vollendung dieses Triumphes.

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