• „Sprachtüftler“ oder „Milošević-Freund“?: Literaturnobelpreis für Peter Handke wird kontrovers diskutiert

„Sprachtüftler“ oder „Milošević-Freund“? : Literaturnobelpreis für Peter Handke wird kontrovers diskutiert

Literaturkritiker Denis Scheck lobt die „Ohrfeige für die politische Korrektheit“, doch es gibt auch Kritik – Reaktionen auf die Ehrung Peter Handkes.

Peter Handke in Chaville bei Paris nach Bekanntgabe seiner Auszeichnung mit dem Literaturnobelpreis.
Peter Handke in Chaville bei Paris nach Bekanntgabe seiner Auszeichnung mit dem Literaturnobelpreis.Foto: Alain JOCARD/AFP

Als erstes freuen sich die Politiker und twittern es gleich. "Herzliche Gratulation an Peter Handke zum Literaturnobelpreis", schreibt Österreichs ÖVP-Chef Sebastian Kurz. " Sein Werk ist eine wertvolle & zeitlose Bereicherung sowie eine wichtige Visitenkarte für Österreich in der Welt." Handke habe "Generationen von Leserinnen und Lesern bewegt“, teilten die gerade amtierende Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein und Kulturminister Alexander Schallenberg mit.

Zuvor hatte bereits Österreichs Bundespräsident Alexander Van der Bellen getwittert, mit Peter Handke habe ein Autor gewonnen, "dessen leise & eindringliche Stimme seit Jahrzehnten, Welten, Orte & Menschen entwirft, die faszinierender nicht sein könnten“. Handke leuchte in seinen Werken die „Zwischenräume des Daseins“ aus und werfe einen behutsamen Blick auf das Fühlen und Denken seiner Figuren.

"In einem Ton, der schnörkellos und doch einzigartig ist, lässt er uns, die Leserinnen und Leser, an seiner Welt und Sprache teilhaben“, schrieb der Bundespräsident. „Wir haben Peter Handke viel zu verdanken. Ich hoffe, er weiß das.“

Die Reaktionen auf die Tweets des Präsidenten ließen bei dem Kurznachrichtendienst nicht lange auf sich warten. "Peter Handke - Slobodan-Milošević-Freund, Relativierer serbischer Kriegsverbrechen und Fan von serbischen Ultranationalisten. Was für eine schlechte Wahl", schreibt der Twitter-Nutzer und Reporter Krsto Lazarević und wundert sich über die Formulierung "leise & eindringlich".

Andere wollen am liebsten "Tor!!!" schreien, Österreicher twittern "Wir sind Handke", wieder andere schreiben von ihrer zwiespältigen Lektüre von Handkes Werken. So meint Userin Barbara Ruhsmann, bis zu seinem Serbien-Engagement "hab ich ALLES von Handke gelesen, danach viele Jahre gar nichts mehr. war so enttäuscht. seit einiger Zeit weiß ich aber, dass ich den "Versuch über den geglückten Tag" und den "Versuch über die Müdigkeit" ewig lieben werde."

Handke polarisiert. Der Nobelpreis für ihn tut es auch, anders als die Auszeichnung für die polnische Autorin Olga Tokarczuk, die nachträglich den Nobelpreis für 2018 erhielt und einhellig gefeiert wird. Der Grund: Peter Handke hatte sich im Balkan-Konflikt auf die Seite Serbiens geschlagen, die Nato für ihre Luftschläge verurteilt und 2006 bei der Beerdigung des jugoslawischen Ex-Diktators Slobodan Milošević eine Rede gehalten.

Grütters würdigt Handke, spricht aber auch von Provokationslust

Deutschlands Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) spricht von einem unbequemen Künstler, der sich nie dem Zeitgeist unterworfen habe. "Mit seiner Provokationslust hat er so manches politische Tabu gebrochen", so Grütters, die Handke aber vor allem als „einen der wichtigsten zeitgenössischen deutschsprachigen Autoren“ würdigt, als „großen Sprachkünstler und Sprachtüftler, der gerade in den kleinen Dingen oft die große Welt findet“.

Die führende slowenische Tageszeitung „Delo“ nannte den Autor und Dramatiker auf ihrer Webseite einen großen, wegen seines Engagements für Serbien aber auch kontroversen Literaten. Handke, der auch slowenische Wurzeln hat, gelte in Slowenien "trotz seiner kontroversen Ansichten seit langem als Schriftsteller von großem Format". Die slowenischen Leser seien nicht nur von seiner Literatur, sondern stets auch „von seiner wenn auch verloren gegangenen, so doch noch irgendwie anwesenden slowenischen Identität berührt“ gewesen.

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Peter Handke 'glücklich, aber müde'
Peter Handke 'glücklich, aber müde'

Die Akademie geht in ihrer Begründung auf den politischen Handke nicht ein. Mit seiner Arbeit habe der 76-Jährige „mit linguistischem Einfallsreichtum die Peripherie und die Spezifität der menschlichen Erfahrung erforscht“, heißt es seitens der Nobel-Jury. Der Literaturkritiker Denis Scheck verteidigt die Entscheidung. Mit den Auszeichnungen für die polnische Autorin Olga Tokarczuk (Nobelpreis 2018) und für Peter Handke (2019) sei dies ein großer Tag für die Literatur, sagte der Fernsehkritiker („Druckfrisch“). Es sei eine sehr mutige Entscheidung. Die Auswahl - bei der zwei Europäer zum Zuge kamen - sei eine überfällige Rückkehr zu ästhetischen Kriterien.

„Die politische Korrektheit hat eine krachende Ohrfeige erhalten, eine Niederlage erlitten“, sagte Scheck mit Blick auf Handke. Dieser sei einer der großen Provokateure - er beweise, dass man sich politisch total verlaufen könne und gleichzeitig Weltliteratur schreiben könne. Handke sei ein „würdiger Preisträger“, als Einstieg in dessen Werk empfiehlt Scheck „Wunschloses Unglück“. Darin geht es um den Suizid von Handkes Mutter.

Riesenfreude bei Suhrkamp und Gallimard

Handkes Verlage freuen sich natürlich ebenfalls über den Preis. Riesenfreude herrscht beim Suhrkamp Verlag, dessen "Handke Bibliothek" mit allem, was der Autor je veröffentlichte, über 11.000 Seiten enthält.

Der französische Verlag Gallimard reagierte ebenfalls mit großer Begeisterung. „Wir  freuen uns sehr für ihn“, sagte eine Sprecherin, aber man freue sich auch für den Verlag. Gallimard mehr als zehn Bücher von Handke veröffentlicht und brachte zuletzt im Mai die französische Übersetzung von „Kindergeschichte“ heraus. Peter Handke lebt in der Nähe von Paris. Tsp (mit dpa)

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