Stéphane Brizés Film „Streik“ : Der General bläst zum Angriff

Als sei es ein Kriegsfilm: Stéphane Brizé erzählt in „Streik“ vom Arbeitskampf in einer südfranzösischen Fabrik.

Till Kadritzke
Schlachtgetümmel. Der Gewerkschafter Laurent (Vincent Lindon) versucht, die Schließung des Werks zu verhindern.
Schlachtgetümmel. Der Gewerkschafter Laurent (Vincent Lindon) versucht, die Schließung des Werks zu verhindern.Foto: Neue Visionen

Vor vier Jahren hat der französische Regisseur Stéphane Brizé in „Der Wert des Menschen“ die Geschichte eines Angestellten mittleren Alters erzählt, der nach einer Kündigung in die entwürdigende Maschinerie des Sozialstaats gerät. Spielte Darin spielte Vincent Lindon einen von Skype-Interviews und Bewerbungscoachings gebrochenen Mann. In Brizés neuem Film „Streik“ geht er als Gewerkschafter Laurent Amédéo nun zum großen Angriff über.

Der Originaltitel lautet denn auch „En guerre“, was es etwas genauer trifft als der deutsche Titel. Denn auch wenn der Film vom Arbeitskampf in einer Autozulieferer-Fabrik erzählt, ist „Streik“ eigentlich ein Kriegsfilm. Schon während der ersten Verhandlungssequenz, in der die Unternehmensführung die Werksschließung für alternativlos erklärt, erhebt Laurent seine Stimme mit der Schärfe einer Waffe. Laurent ist der heroische General in diesem Krieg.

Für die gut tausend Mitarbeiter des Betriebs steht in diesem Krieg alles auf dem Spiel, denn die Fabrik ist der einzige verbliebene große Arbeitgeber in der strukturschwachen südfranzösischen Region. Dagegen führt die Unternehmensführung eher einen Stellvertreterkampf: Die Entscheidung für die Schließung hat ein deutsches Konsortium getroffen, das mit seiner Verpflichtung gegenüber den eigenen Aktionären argumentiert.

Nach Laurents Kriegserklärung an die Chefs handelt „Streik“ eine Schlacht nach der anderen ab: am Verhandlungstisch, vor Gericht, vor der Fabrik und in der Firmenzentrale. Jede Runde verändert die Kräfteverhältnisse, ohne für eine endgültige Entscheidung zu sorgen. Irgendwann sinkt die Truppenmoral, und in den Augen einiger Skeptiker steht der heroische General als selbstgerechter Angeber da.

„Streik“ nimmt die mediale Berichterstattung in den Blick

Doch nicht nur die Dramaturgie, auch die Inszenierung folgt der Logik des Kriegsfilms. Die wackelige Handkamera hält fern von bloßen Realismus-Klischees eine nervöse Grundspannung aufrecht, ein bedrohlich pulsierender Synthesizer-Soundtrack wächst vor allem in den Massen- und Actionszenen zu einem dröhnenden Klangteppich an, und selbst die Wortgefechte zwischen den einzelnen Fraktionen der Belegschaft sind irgendwann kein Austausch von Argumenten mehr, sondern gleichen wilden Schießereien.

Immer wieder nimmt „Streik“ die mediale Berichterstattung in den Blick, einige Szenen hat Brizé im TV-News-Look inszeniert. Dass das streng gerahmte, scheinbar neutrale Fernsehbild sich immer wieder in das nach allen Seiten hin offene Kinobild einschreibt, weist bereits auf den fatalistischen Kern des Films hin: Die Schlachten dieses Krieges finden nicht auf freiem Felde statt, sondern in einem Raum, der von den Medien längst vermessen ist und zur Not polizeilich unter Kontrolle gebracht werden kann.

Durch die Debatte um die Gelbwesten-Proteste, die exakt zwischen der Cannes-Premiere von „Streik“ im letzten Mai und seinem deutschen Kinostart begann, ist allerdings offenkundig, wie wenig der Film zur Vereinnahmung von Arbeitskämpfen durch rechtspopulistische Kräfte oder zur Verschränkung von klassen- und identitätspolitischen Konflikten zu sagen hat. Die Mitglieder der auffällig weißen Belegschaft, die bis auf Lindon von Laiendarstellern gespielt werden, erscheinen eher als Funktionsträger im ewigen Kampf zwischen Arbeit und Kapital denn als souveräne Akteure mit eigenen Weltbildern. Das ist insofern konsequent, als es Brizé eben weniger um die politische Substanz eines bestimmten Arbeitskampfes geht als um dessen grundsätzliche Struktur unter globalisierten Bedingungen.

„Politik ist die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln“, hat Michel Foucault einmal den berühmten Satz des Carl von Clausewitz auf den Kopf gestellt. „Streik“ ist gewissermaßen die filmische Illustration dieser These. Brizés Stilisierung eines Arbeitskampfs zum Kriegsfilm ist daher weniger das formale Alleinstellungsmerkmal dieses Films als sein inhaltlicher Kern.

OmU: Brotfabrik, fsk, Hackesche Höfe, Il Kino

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