Stiftung Preußischer Kulturbesitz : Veränderungen werden ein Marathon, kein Sprint

Das Reformpapier zur Preußen-Stiftung empfiehlt neue Strukturen für die Staatlichen Museen. Und verlangt mehr Geld. Ob die Politik mitspielt?

Besuchermagnet James-Simon-Galerie. Die Eröffnung von David Chipperfields Eingangsgebäude zur Museumsinsel zog das Publikum an.
Besuchermagnet James-Simon-Galerie. Die Eröffnung von David Chipperfields Eingangsgebäude zur Museumsinsel zog das Publikum an.Foto: imago images / PEMAX

Ein Sommergewitter, gar eine Bombe? Im Wissenschaftsforum am Gendarmenmarkt weht an diesem Montag eher ein freundlich-laues Lüftchen, als das Gutachten zur Reform der Stiftung Preußischer Kulturbesitz vorgestellt wird. Kurzer Fototermin, als die Literaturwissenschaftlerin Marina Münkler als Vorsitzende der 17-köpfigen Arbeitsgruppe des Wissenschaftsrats Kulturstaatsministerin Monika Grütters den Evaluationsbericht überreicht: Gemeinsam wird Hand an das 278-Seiten-Konvolut gelegt, auch von Stiftungspräsident Hermann Parzinger. Ein einträchtiges Bild.

Gerade zwischen Grütters und Parzinger passt kein Blatt, so demonstrativ, wie sie einander an diesem Vormittag duzen. Und wie die CDU-Politikerin anhand von Tanker- und Kapitän-Metaphern verdeutlicht, dass der Reformprozess von Parzinger persönlich gesteuert werden wird. Auch Münkler betont, dass das Gutachten strukturelle Defizite in Deutschland größter Kulturstiftung mit einem Jahresbudget von 357 Millionen Euro moniert, aber keine personellen. Auch nicht bei den für besonders reformbedürftig erachteten Staatlichen Museen.

Zwar mahnt die Studie Handlungsbedarf vor allem bei der Publikumsnähe an, formuliert aber gleichzeitig keinerlei Kritik an Museums-Generaldirektor Michael Eissenhauer, unter dessen Oberregie kaum attraktive Ausstellungen präsentiert wurden und der in den großen Museumsdisputen über Provenienz, Raubkunst oder die Herausforderungen des Humboldt Forums stumm geblieben ist. Auch keine Kritik an Nationalgalerie-Chef Udo Kittelmann (der im Herbst geht, wann endlich wird die Nachfolge geregelt?) oder den elf weiteren Sammlungsdirektoren. Vier davon sind Frauen.

Nicht ausgeschöpftes Potential

Im Gegenteil, das Engagement der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bis hinauf in die Führungsetagen wird im Gutachten ausdrücklich gelobt. „Wir wollten zu keinem Zeitpunkt eine Personalisierung der Debatte“, so Marina Münkler.

4,2 Millionen Besucher zählten die Staatlichen Museen 2019. Der Louvre lockte doppelt so viele Menschen an, und jedes einzelne der großen Londoner Häuser kommt auf mehr als sechs Millionen, vom British Museum bis zur Tate Modern. Das sehen auch die Gutachter mit Sorge, aber Münkler bleibt dabei: Die Ursache für das nicht ausgeschöpfte Potential der Weltrang-Museen ist in den Strukturen zu suchen. In den lähmenden, „tief gestaffelten“ Hierarchien, unklaren Verantwortlichkeiten und unzureichender personeller wie finanzieller Ausstattung.

Woran macht sich die Unzufriedenheit dann eigentlich fest? Sie ist ja immerhin so groß, dass die Arbeitsgruppe, die sich aus Vertretern von Bund und Ländern und Experten aus Wissenschaft und Kultur zusammensetzt, nicht nur eine Reform empfiehlt, sondern die komplette Neustrukturierung der Stiftung.

Verwaltungsstruktur „hemmend“

Ein einziges konkretes Beispiel lässt Münkler sich entlocken. Die Würdigung von James Simon als einem der größten Sammlungsstifter durch die Benennung von David Chipperfields Eingangsgalerie zur Museumsinsel nach ihm bewertet sie positiv. Aber sie vermisst eine große Ausstellung über den bedeutenden Kunstmäzen. Nicht bei den Staatlichen Museen steht sie auf der To-Do-Liste, sondern beim Jüdischen Museum. Gleichzeitig betont Münkler jedoch , dies sage sie als Privatperson, nicht in ihrer Funktion als Arbeitsgruppen-Vorsitzende.

In der Studie kommen sechs große Evaluierungskriterien zum Tragen: die Organisations- und Governancestruktur, die Besucherorientierung, Forschung, Digitalisierung, Baumaßnahmen und nicht zuletzt die knifflige Verbindung zum Humboldt Forum.

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Die Verwaltungsstruktur der SPK wird vom Wissenschaftsrat als „hemmend“ eingeschätzt. Schwachpunkte liegen sowohl in der ineffizienten, unabgestimmten Arbeit von Stiftungsrat und Beirat sowie in der Zusammensetzung des Stiftungsrats. Das Gremium, das zweimal pro Jahr tagt, ist ausschließlich mit politischen Vertretern der Zuwendungsgeber besetzt, aus der Bundesregierung und allen 16 Bundesländern. Der Bund finanziert die SPK zu 86 Prozent, Berlin ist mit 8 Prozent beteiligt, der Rest der Republik mit 6 Prozent. Die daraus resultierende „primär kulturpolitische Perspektive“ führe dazu, dass keine wichtigen strategischen Impulse insbesondere für die Staatlichen Museen erfolgen.

Vier eigenständige Einrichtungen

Der Wissenschaftsrat schlägt nicht nur die Auflösung der Dachstruktur vor, zugunsten von vier eigenständigen Einrichtungen. Das sind neben den Museen die Staatsbibliothek, das Geheime Staatsarchiv und das Ibero-Amerikanische Institut. Das Musikarchiv samt Musikinstrumentenmuseum soll bei den Staatlichen Museen eingemeindet werden. Für diese als Ganzes empfiehlt die Studie eine neue innere Struktur, mit Generaldirektion und einem Gremium, das Stiftungsrat und Beirat in einem ist. Es soll nicht nur Haushalts-, Personal- und Baufragen klären, sondern vor allem Inhaltliches.

Einträchtig. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) und Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, bei Pressekonferenz des Wissenschaftsrats zur Zukunft der Stiftung.
Einträchtig. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) und Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz,...Foto: Christoph Soeder/dpa

Deshalb sollen dort 16 Experten vertreten sein, neben je einem Vertreter aus Grütters’ Behörde, dem Bundesfinanzministerium und dem Land Berlin sowie einem Repräsentanten für alle restlichen Länder gemeinsam. Die Fachleute aus Kultur, Wissenschaft und Gesellschaft könnten für vier Jahre in das Gremium berufen werden.

Ebenso wichtig: die Autonomie. Die Einrichtungen und Sammlungen sollen künftig über eigene Etats verfügen, die sie für Ausstellungen, Vermittlung und Forschung verwenden können. Die Generalintendanz kümmert sich dann unter anderem um Bau- und Sanierungsvorhaben, mithilfe einer eigenen Bauabteilung. Bei der Digitalisierung kommt der Wissenschaftsrat zu recht unterschiedlichen Beurteilungen. Während die Staatsbibliothek sehr gut aufgestellt ist, haben einzelne Museumeinrichtungen nicht einmal WLAN. Auch hier: Reformstau.

Ein Zeitraum von drei bis fünf Jahren

Dass das Ethnologische Museum und das Museum für Asiatische Kunst den öffentlichen Teil ihrer Sammlung künftig im Humboldt Forum präsentieren, die eine eigene Stiftung darstellt, während große Sammlungsbestände in Dahlem verbleiben, verkompliziert die Strukturen zusätzlich. Auch hier, so die Studie, müssen Zuständigkeiten genau definiert werden.

Vorerst bleibt das alles noch Zukunftsmusik. Die Reformvorschläge können erst dann Realität werden, wenn Bundestag und Bundesrat einem geänderten Stiftungsgesetz zustimmen. Bei den Ländern dürfte das nicht so einfach sein. Bisher haben sie großen Einfluss für wenig Geld, künftig säßen sie mit nur noch einer Stimme im Museums-Stiftungsrat. Eine beträchtliche politische Hürde. Auch müssten der Bund und Berlin die bislang von den Ländern getragene Summe übernehmen – spielt Berlin da mit? Das Land hat schon öfter gewünschte SPK-Gelder nicht zahlen können oder wollen. Weshalb auch der Bund passen musste, weil die Summen aneinander gekoppelt sind. Gut, wenn das vorbei ist.

Trotzdem müssen natürlich auch die die Bundeshaushälter erstmal zustimmen, sollen die Museen und die drei übrigen Institute wie empfohlen mehr Geld bekommen. Und das, obwohl gerade erst die Kostenexplosion beim Museum der Moderne abgefangen werden musste. „Das wird kein Sprint, sondern ein Marathon“, sagt Monika Grütters. Für die Reform nennt sie einen Zeitraum von drei bis fünf Jahren.

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