"Strafe" von Ferdinand von Schirach : Regeln sind kompliziert

Die Einsamkeit, die Fremdheit und das Erschrecken über sich selbst: Ferdinand von Schirachs neuer Fallgeschichten-Band „Strafe“.

Wozu Menschen fähig sind. Ferdinand von Schirach, Schriftsteller und Anwalt.
Wozu Menschen fähig sind. Ferdinand von Schirach, Schriftsteller und Anwalt.Foto: Tobias Hase/dpa

Am Ende seines neuen Buchs mit dem lakonischen Titel „Strafe“ macht Ferdinand von Schirach eine Art autobiografisches Bekenntnis. „Der Freund“ heißt diese letzte von elf Geschichten, und erstmals tritt hier anstelle des auktorialen Erzählers ein Ich-Erzähler auf, der vom Schicksal seines alten Freundes Richard berichtet. Richard hat die Ermordung seiner Ehefrau nach einem Raubüberfall im New Yorker Central Park nicht verwunden, richtet sich mit Alkohol und Drogen zugrunde, und die beiden Freunde sehen sich ein letztes Mal in einem Landhaus in der Normandie, in dem sie oft in ihrer Kindheit zusammen waren.

Und Ferdinand von Schirachs Ich-Erzähler gesteht: „Einige Monate nach dem Tag in der Normandie habe ich mit dem Schreiben begonnen. Es war zu viel geworden. Die meisten Menschen kennen den gewaltsamen Tod nicht, sie wissen nicht, wie er aussieht, wie er riecht und welche Leere er hinterlässt. Ich dachte an die Menschen, die ich verteidigt hatte, an ihre Einsamkeit, ihre Fremdheit und ihr Erschrecken über sich selbst.“

Um diese Einsamkeit und Fremdheit vieler Menschen, um das plötzliche Erkennen, zu was für Taten sie fähig sind, geht es dem gelernten Strafverteidiger und Schriftsteller Ferdinand von Schirach, seitdem er vor knapp zehn Jahren die beruflichen Seiten wechselte und mit „Verbrechen“ seinen ersten sogenannten „Stories“-Band veröffentlichte. Damit wurde von Schirach zu einem Literaturstar, auch international. Er ließ weitere Geschichten folgen, zudem zwei Romane, allesamt Bestseller. Inzwischen ist Ferdinand von Schirach ein viel gefragter Experte, wenn es um die menschliche Würde geht – und die düsteren Abgründe, in denen sich manche verirren können. Oder auch um moralische Fragen, so wie in dem Theater- und Fernsehstück „Terror“, das von Schirach vor drei Jahren schrieb. Darin untersuchte er den Einfluss des Terrorismus auf unsere Gesellschaft und Demokratie und diskutierte die Frage, ob ein Menschenleben gegen andere Menschenleben abgewogen werden kann.

Ferdinand von Schirach schreibt das einfach so hin, fast berichtend, in jedem Fall urteilsfrei

Der Reiz der Erzählungen von Schirachs besteht in ihrer vorgeblichen Authentizität. Es sind reale Fälle aus der einstigen Anwaltstätigkeit des 1964 in München geborenen Schriftstellers – selbst wenn sie sich nicht genau so zugetragen haben mögen, sich Ferdinand von Schirach genügend literarische Freiheiten genommen haben mag, allein um der Schweigepflicht zu genügen und viele seiner Klienten zu schützen. „Strafe“ soll nach den Bänden „Verbrechen“ und „Schuld“, so hat es von Schirach in Interviews gesagt, der Abschluss seiner „Stories“-Trilogie sein. Wie schon in den Vorgängern dominiert hier eine betont knappe, nüchterne Prosa. Die Geschichten kommen ohne Ausschmückungen aus, sind faktenreich, und den Figuren werden nur wenige innere Monologe oder Bewusstseinsströme zugestanden. Manchmal sind die Erzählungen jedoch eine Spur zu betont auf den knalligen Effekt aus, gerade weil die skelettierte Sprache und die vielen Auslassungen in einem krassen Gegensatz zu den obskuren, seltsamen Fällen bestehen.

So erzählt Ferdinand von Schirach von einer Frau, die in einem bayrischen Dorf mutmaßlich ihren Mann umbringt, weil dieser sich wieder einmal in einen Taucheranzug gezwängt und danach luststeigernde Strangulationspraktiken angewandt hatte. Oder es gibt den Fall des „kleinen“ Mannes, der wegen eines fehlgeschlagenen Kokain-Deals auf eine lange Haftstrafe hofft, sich im Gefängnis groß und anerkannt fühlt – und dann doch nur wegen Fahrerflucht und Sachbeschädigung verurteilt wird. Und nicht zu vergessen der einsame Herr Meyerbeck. Der schlägt seinen Nachbarn krankenhausreif, nachdem dieser eines Tages Meyerbecks Sexpuppe verunstaltet und groß mit Lippenstift „Perverse Sau“ auf ihren Körper geschrieben hat. Meyerbeck ist entsetzt: „Er trägt sie auf den Armen ins Badezimmer, legt sie in die Wanne und lässt Wasser ein. Er badet sie über zwei Stunden, während er sanft mit ihr spricht. Er wäscht sie mit einem weichen Schwamm, spült ihre Körperöffnungen aus, frisiert und fönt ihr Haar. Manchmal verlässt er das Badezimmer, sie soll nicht sehen, dass er weint.“

Manchmal klingt von Schirachs Prosa ein wenig nach Lehrbuch

Ferdinand von Schirach schreibt das einfach so hin, fast berichtend, in jedem Fall urteilsfrei. Wie seltsam die Menschen sich gebärden, wie sie aus ihren bürgerlichen Existenzen herausfallen, wie so was wie „Glück“ nicht einmal mehr im Ansatz zu erkennen ist, all das lässt schließlich Kategorien wie „gut“ oder „böse“, „schuldig“ oder „unschuldig“ zu Schimären werden. So wie bei der Frau, die ihren Mann beim Ehebruch ertappt und mehr aus Zufall als aus Berechnung sich an ihm rächen kann. Oder wie bei der jungen Anwältin, die einen brutalen, schon verurteilten Menschenhändler in der Revision freibekommt – wegen eines Verfahrensfehlers in der Anklage.

Was in „Strafe“ zählt, sind die Buchstaben des Gesetzes, wie sie interpretiert, ausgelegt werden können von denen, die innerhalb des Rechtssystems arbeiten. Manchmal ist es etwas statisch, wie von Schirach das Funktionieren der Justiz beschreibt, da fährt die Didaktik der literarischen, an amerikanischen Vorbildern geschulten Short-Story-Prosa doch in die Parade. Wie aus einem Lehrbuch klingt zum Beispiel, als er einmal erklärt, was eine Revision ist: „Nur wenn ein Urteil ,rechtlich‘ falsch ist, wenn es also ein Gesetz verletzt, wird der Bundesgerichtshof es aufheben. Das passiert selten, die meisten Revisionen werden verworfen.“

Strafe kann und muss nicht immer sein, auch davon erzählt „Strafe“. Trotz kleinerer Mängel gelingt es Ferdinand von Schirach einmal mehr, die Welt des Rechts, der Literatur und des menschlichen Daseins überhaupt effektvoll miteinander zu verbinden. Und wie heißt es noch ganz am Ende seines autobiografischen Bekenntnisses: „Die Regeln sind immer ein wenig anders“. Was in puncto dichterischer Freiheit auch ein großes Glück sein kann.

Ferdinand von Schirach: Strafe. Stories. Luchterhand Verlag, München 2018. 192 Seiten, 18 €.

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