Streit und Vandalismus : Warum diese Ausstellung in Chemnitz die Stadt polarisiert

Mit der Freiluft-Ausstellung „Gegenwarten“ bewirbt sich Chemnitz um den Titel der Kulturhauptstadt. Doch nicht alle sind begeistert. Ein Werk wurde beschädigt.

Uta M. Reindl
Abgetaucht. Hier schwimmt Roman Signers Skoda noch unversehrt im Wasser. Kurz nach Eröffnung wurden die Scheiben zerschlagen.
Abgetaucht. Hier schwimmt Roman Signers Skoda noch unversehrt im Wasser. Kurz nach Eröffnung wurden die Scheiben zerschlagen.Foto: Roman Mensing

Ihr Name ist Programm. Die Künstlergruppe „Peng! Collective“ drohte kurz vor der Ausstellungseröffnung in Chemnitz mit dem Abbau ihres Beitrags „Antifa – Zwischen Mythos & Wahrheit“. Die Gruppe hatte im Bookshop der Chemnitzer Kunstsammlungen echte und gefälschte Objekte, die aus antifaschistischen Aktionen stammten, in Vitrinen und auf Sockeln zu Exponaten nobilitiert.

Museumsdirektor Frédéric Bußmann hatte die Entfernung des Parteinamens im Wandtext gefordert, in dem sich die Medienkünstler gegen die Gleichsetzung der Antifa mit der AfD aussprechen. Das hatte für Streit gesorgt.

Auf Vermittlung des Chemnitzer Pressesprechers im letzten Moment durfte ihr Wandtext als Teil der Stadt-Kunstschau „Gegenwarten/Presences“ doch noch bleiben. Mit ihr unter anderem bewirbt sich die einstige Musterstadt des DDR-Sozialismus um den Kulturhauptstadttitel 2025.

Die von Florian Matzner und Sarah Sigmund kuratierte Ausstellung mit 20 Künstlerinnen und Künstlern untersucht Zeitschichten und Brüche im Zentrum und am Stadtrand von Chemnitz. Themen sind Ökonomie und Ökologie, Raum und Transformation, Bewegung und Migration, Demokratie und Regression, Mitgestaltung und Teilhabe sowie Arbeitswelt und Lebensrealität.

Chemnitz zählte im 19. und 20. Jahrhundert zu den reichsten Industriestädten Deutschlands und ist an auffallend vielen Stellen mit Skulpturen und Brunnen noch aus DDR-Zeit bestückt. In den breit angelegten, oft menschenleeren Straßen der 240 000-Einwohner-Stadt, die eigentlich für 400 000 Einwohner angelegt ist, gut kommen sie besonders gut zur Geltung.

Arbeiten werden angegriffen

Mit „Gegenwarten“ hat die Chemnitzer Kunst im öffentlichen Raum nun streitbaren Zuwachs erhalten. Wie stark die Werke auf Unverständnis stoßen, haben gleich drei Beiträge in den ersten Tagen seit der Eröffnung zu spüren bekommen. „Ist das Kunst?“, fragten Parkflaneure mit Blick auf das Dach eines im Schlossteich versenkten Skodas zu Beginn noch verhalten.

[Chemnitz, bis 25. Oktober; mehr Informationen: https://gegenwarten.info/de]

Der Schweizer Künstler Roman Signer hatte das Auto im Wasser platziert, denn für ihn ist das Auto ein Auslaufmodell. Über Nacht wurden nun zwei Scheiben zerschlagen, ein Kotflügel beschädigt und auf dem Dach eine Delle hinterlassen. An anderen Arbeiten wiederum wurde die Acrylglasabeckung abgerissen oder wurden Graffitis aufgesprayt.

Für die Bewerbung der Stadt als Kulturhauptstadt-Kandidatin dürfte sich das nicht gerade günstig auswirken. Besorgt erwartet man nun nächste vandalistische Akte. Könnte auch Mischa Kuballs Beitrag zum Ziel werden?

Auch Karl Marx tritt auf

Der Düsseldorfer lässt Lyrik rezitieren direkt neben dem Skulpturenensemble „Lobgedichte“ (1960/1963), ebenso an der Stelle, an der 2019 Daniel H. niedergestochen worden war. Auf einem Baugerüst stehend sollen hier Schauspieler Appelle aus Gedichten von Bertolt Brecht ans Publikum richten wie „Lernt!“ oder „Die Besiegten von heute sind die Sieger von morgen!“.

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„Die Untoten“ von Tobias Zielony, filmisch inszenierte Zombie-Kampfszenen, spielen auf den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) an, dessen Mitglieder sich auch in Chemnitz versteckt hielten. Die mitunter parodistische Revue des rechten Gewaltvokabulars ist in einem ungenutzten Innenraum des Kulturkaufhauses Tietz zu sehen.

Auch Karl Marx tritt auf: bei Else Gabriel als große Wackelfigur oder bei den beiden Künstlerinnen Anetta Mona Chisa und Lucia Tká?ová in Gestalt eines überdimensionierten Darmes. Der Kopf sei nicht allein Ort des menschlichen Bewusstseins, ist das Duo überzeugt.

Manche Projekte machen Besucher zu Mitakteuren

„Evolution“ nennt die Zwickauerin Henrike Naumann im Foyer des Museum Gunzenhauser ihren von Ostalgie freien Rückblick auf DDR-Zeiten. Neben Designobjekten wie Vasen, Töpfe, Möbelstücken erzählen ihre Filme ganz eigene DDR-Geschichten.

Der Beitrag des niederländischen Teams OOZE & Marjetica Potr? scheiterte am Protest des Dresdner Landesamtes für Denkmalpflege. Das Architekten- und Designerteam wollte eigentlich ein Hochbeet pflanzen neben dem gewaltigen Karl-Marx-Kopf , der in Chemnitz immer noch liebevoll „Nischel“ genannt wird. Er erinnert an den alten DDR-Namen Karl-Marx-Stadt.

Zur Ausstellung gehören außerdem interventionistische Projekte, bei denen die Besucher zu Mitakteuren werden sollen. So wird bei „Zona D“ in Workshops über das Fremde nachgedacht oder über Heilkräuter gesprochen, die in der Stadt wachsen. Anna Witt lädt neben der Stadthalle dazu ein, sich die Äußerungen von 50 Chemnitzer Bürgern zum Thema Grundrechte anzuhören.

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