Streitschrift von Ahmad Mansour : Warum Integration manchmal scheitert

Der Autor und Psychologe Ahmad Mansour fordert in seiner Streitschrift „Klartext zur Integration“ ein radikales Umdenken - von uns allen.

Mansours Buch wendet sich an alle - an Rechte, Linke und Islamverbände.
Mansours Buch wendet sich an alle - an Rechte, Linke und Islamverbände.Foto: Mike Wolff

Warum Integration manchmal einfach nicht geht, beschreibt der Autor Ahmad Mansour in seinem Buch „Klartext zur Integration“ am Beispiel eines Bekannten namens Nader. Wer Nader frage, was er sei, bekomme zur Antwort „Palästinenser und Moslem“, obgleich Nader schon seit Jahren die deutsche Staatsangehörigkeit habe. Nader gebe sich als Patriarch. Er sage seiner Frau und seinen Kindern, was sie zu tun haben. Er arbeite schwarz und nehme die Unterstützung der Behörden. Was er sich für seine Kinder wünsche? „Sie sollen die Ehre der Familie hochhalten. Sie sollen wissen, woher sie kommen, wissen, dass sie Palästinenser sind und sonst nichts, und auf mich hören.“

So weit der Bürger Nader, der „mittendrin“ in einer Parallelgesellschaft lebt. Man liest die Beschreibung und fragt sich: Warum sollte einer wie Nader sich ändern, nachdem er von Gaza nach Berlin gezogen ist? In seiner Welt ist er der Chef. Die Frau gehorcht, die Kinder respektieren ihn. Die Männer um ihn herum sind wie er. Sein Patriarchat ist unangefochten und zweifelsfrei. Er lebt, wie er in Gaza gelebt hat (nur sicherer). Warum sollte er sich integrieren?

Arabische Männer haben viel zu verlieren

So krass und klar schreibt der arabische Israeli Mansour über Menschen wie Nader, so dass man, zumindest theoretisch, versteht, warum sich gerade arabische Männer so schwer tun mit der deutschen Mehrheitsgesellschaft: Sie haben viel zu verlieren. Nicht bloß den Respekt, der ihnen so wichtig ist – ihre Macht wäre dahin, würden sie die Gleichberechtigung der Geschlechter akzeptieren und das Recht ihrer Kinder auf eine gewaltfreie Erziehung. Oder das Existenzrecht Israels. Naders Tochter, schreibt Mansour, habe nach einem Sommerurlaub in Gaza in der Schule von der Boshaftigkeit der Juden gesprochen. Das sei nicht in Ordnung, habe die Lehrerin den Eltern zu vermitteln versucht. „Nader erzählte mir hinterher von diesem Gespräch und schimpfte auf die Lehrerin, wie rassistisch sie sei.“

Mansours teils autobiografische Streitschrift über die Integrationspolitik in Deutschland und deren Scheitern hat nicht nur wegen Typen wie Nader etwas radikal Aufklärerisches. Sie überzeugt, weil der Diplompsychologe Mansour selbst Integrationsarbeit macht, weil er mit radikalisierten jungen Männer arbeitet, weil er all die „Programme“ und „Projekte“ kennt, die hierzulande Einwanderern das Ankommen erleichtern sollen.

Auch weil Mansour wunderbar offen über eigene Erfahrungen berichtet, begreift man, warum so vieles am Dauer- und Großprojekt Integration nicht klappt. Er, ein Mann mit Glatze und Vollbart, hat genau das getan, was sein Bekannter Nader lieber unterlässt: Er ließ sich ein auf Deutschland. Mansour wollte hier ankommen. Dreizehn Jahre in Deutschland, und er fühle sich „zu Hause“, schreibt er. Es war allerdings ein langer Weg. Anfangs habe er nicht erwartet, sich zu Hause zu fühlen: „Wo denn? In einer kalten Gesellschaft, die mir zu fremd, zu anders, zu irritierend war? Bei Menschen, die sich über mich lustig machten, wenn mir ein Wort nicht einfiel? Die mich behandelten, als wäre ich ein kleiner dummer Junge?“

Ein gewisser Patriotismus schwingt mit

Aber dann tat er das Notwendige: Er lernte Deutsch. Gegen Widerstände innerer und äußerer Art. Mansour hat es selbst erlebt, und er hat es auch von anderen gehört, von Migranten, die er portraitiert, um zu erklären, warum das Ankommen mal leichter, mal schwerer und manchmal ganz unmöglich ist. Dem Autor geht es indes nicht bloß um eine Beschreibung von Integrationsproblemen. Wie der frühere Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky und seine Nachfolgerin Franziska Giffey, heute Familienministerin, will Mansour Probleme lösen, aus einem gewissen Patriotismus heraus. An vielen Stellen des Buches verweist er auf die Freiheit, die in Deutschland möglich ist, und auf deren rechtlichen Rahmen, das Grundgesetz. Das macht sein Buch so eindrücklich: dass hier ein Einwanderer aus einer anderen Kultur in Freiheit zu sich gefunden hat und dies auch anderen ermöglichen will. Seine Gegner sind Männer, die ihre Frauen beherrschen und Frauen, die ihre Töchter nicht zum Schwimmunterricht schicken. Eltern, die kleinen Mädchen ein Kopftuch überziehen. Organisationen wie die türkische Religionsbehörde Ditib, die einen Islam fördern, der dem türkischen Staat nahe ist. Einerseits bekomme die Ditib Geld vom deutschen Staat für Jugendarbeit und Integration. Andererseits habe die Türkei „mindestens tausend jungen Menschen“ aus europäischen Staaten die Reise nach Syrien ermöglicht, wo sie sich dem IS angeschlossen haben. „Absurd“, meint Mansour.

Nicht allein die Renaissance der Religion, die Islamisierung einer jungen Generation von Deutschen mit nahöstlichem Migrationshintergrund treibt Mansour um – er sieht eine „Generation Allah“ heranwachsen, die nichts weniger will als Integration und keine Vorstellung von Zusammenleben hat. Seine zehn Vorschläge zur Integration für die Politik und die deutsche Gesellschaft bringen auf den Punkt, was endlich getan und durchgesetzt werden muss, damit in deutschen Städten nicht noch größere Parallelgesellschaften entstehen.

Ahmad Mansour: Klartext zur Integration. Gegen falsche Toleranz und Panikmache. S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2018. 303 Seiten, 20 Euro.

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