Teresa Margolles in der daad-Galerie : Dem Tod trotzen

Die Mexikanerin Teresa Margolles ist berühmt für streitbare Kunst, unter anderem Wandmalerei aus abgesaugtem Bauchfett. Die daad-Galerie widmet ihr eine Ausstellung.

Jens Hinrichsen
Schmerzenstuch. In das Leinen sind Schicksalsfäden eingenäht.
Schmerzenstuch. In das Leinen sind Schicksalsfäden eingenäht.Foto: Jens Ziehe

Bunte Stoffe, schöne Kleider: Sie sind das Kapital der Schau zu Frida Kahlos privaten Besitztümern im Londoner Victoria & Albert Museum. In Teresa Margolles’ Ausstellung in der daad-Galerie ist dagegen kaum mehr als ein Stück Stoff zu sehen. Der löchrige Stoff ist mit dem Blut einer Toten getränkt, die in Guadalajara, Mexikos zweitgrößter Stadt, ermordet wurde. Kahlo (1907 – 1954) und Margolles (Jahrgang 1963) sind die beiden berühmtesten mexikanischen Künstlerinnen ihrer Zeit.

Die große Kahlo-Retrospektive 2010 im Gropius-Bau zeigte eine Malerin, deren Werk um ihren persönlichen Schmerz kreiste. Die Künstlerin wurde infolge eines Verkehrsunfalls über 30 Mal operiert. Kahlo malte die Bildergeschichte ihres Lebens. Anders Margolles, die Privates aus ihrer Kunst herauslässt: In ihren minimalistisch anmutenden Objekten zeigt sie die Wunde eines vom Drogenkrieg zermürbten Landes – und bleibt als Person meistens außen vor.

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Margolles’ Ästhetik verdankt sich ihrer Ausbildung als Gerichtsmedizinerin. In Europa wurde die Mexikanerin 2002 bekannt, nachdem sie in den Berliner Kunst-Werken eine Wand goldglänzend eingefärbt hatte. Was oberflächlich an die Murales, die mexikanischen Wandmalereien, erinnerte, war aus sieben Kilo menschlichem Fett hergestellt, das bei Schönheitsoperationen abgesaugt worden war. Anderswo ließ Margolles Seifenblasen auf dem Publikum zerplatzen, die Leichenwaschwasser enthielten. Oder sie schloss einen totgeborenen Fötus in einen Betonblock ein. Vielen geht ihr Spiel mit dem Entsetzen zu weit. Aber was ist erschütternder als die Erkenntnis, dass Tod und Unrecht Teil unser aller Existenz ist? Die Gewaltspirale dreht sich eben nicht nur in Lateinamerika.

Auf der Ausstellungseröffnung möchte sie unerkannt bleiben

Bei der Ausstellungseröffnung trägt Margolles eine ins Gesicht gezogene Basecap, vielleicht, um auf Fotos unerkannt zu bleiben. Immerhin stellt sie sich mit ihrer Kunst den Drogenkartellen entgegen, die buchstäblich über Leichen gehen. Wie gefährlich lebt Teresa Margolles? „Davon will ich mich nicht lähmen lassen“, sagt sie knapp. Auf die Frage nach dem Minimalismus in ihrem Werk antwortet sie ausführlicher. Die von Männern dominierte Minimal-Art habe ihr wichtige Impulse gegeben, sagt Margolles. Aber als sie im texanischen Marfa die Skulpturen von Donald Judd sah, vermisste sie doch etwas – „die Anwesenheit von Menschen“.

Marfa liegt keine 300 Kilometer von Ciudad Juárez entfernt, der mexikanischen Grenzstadt, in der Margolles lebt und in der sie die Wandfliesen für ihre Installation „La Gran América“ produzieren ließ. Die rund 1000 Tonfliesen an der Galeriewand erinnern an die Migranten, die beim Versuch, den Rio Grande zu überqueren, umgekommen sind. Der Lehm für die Fliesen stammt aus dem Flussbett. Sie habe sich, erzählt Margolles, am Format der „Stolpersteine“ orientiert, mit denen in Deutschland an Opfer des NS-Regimes erinnert wird.

Gestolpert ist Margolles in Berlin vor allem über Menschen aus Lateinamerika, die hier leben. In der Ausstellung gibt es eine Broschüre mit anonymisierten Zeugnissen dieser Wahlberliner. Was sie aus ihrer Heimat erzählen, klingt wie vom anderen Stern. Leitmotiv der Texte sind eine frauenverachtende Kultur und die erschreckend hohe Zahl an Femiziden. Gewalt erleben diese Menschen auch in Deutschland, so der Tenor ihrer Zeugnisse, die im Ausstellungsraum auch über Lautsprecher zu hören sind. Viele haben sich nähend an der Arbeit „Sutura“ beteiligt, jenem blutgetränkten Stoff aus Guadalajara, durch den sich inzwischen 14 neue Fäden ziehen. Es sind Spuren von Hilflosigkeit, auch der Anteilnahme. Schaut man Margolles an, meint man unter ihrer Schirmmütze den Trotz zu spüren – dass Gewalt und Unrecht benannt werden müssen. Ihre Werke sind Nadelstiche für die, die sich (noch) in der Komfortzone wähnen.

daad-Galerie, Oranienstr. 161, bis 22. 7.; Di bis So 12-19 Uhr

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