"The Florida Project" im Kino : Alles so schön bunt hier

Sean Baker macht Filme über die Ränder der Gesellschaft. Der Regisseur und Willem Dafoe sprechen über „The Florida Project“ und Armut in Amerika.

Hausmeister Bobby (Willem Dafoe), Sozialarbeiter wider Willen, ist die gute Seele des „Magic Castle“-Motels.
Hausmeister Bobby (Willem Dafoe), Sozialarbeiter wider Willen, ist die gute Seele des „Magic Castle“-Motels.Foto: Prokino

Sean Baker hat die Imagination eines Kindes. In „The Florida Project“ arbeitet der amerikanische Independent-Regisseur mit einem Farbspektrum, als hätte er sich im Bonbonladen bedient. Der blaue Himmel des Sonnenstaates hebt sich strahlend vom satten Grün der Natur ab, einen schönen Kontrast geben die mintgrünen und violetten Motelkomplexe, die sich entlang der achtspurigen Interstate 95 erstrecken. Hier befindet sich die Abfahrt zum Disney-Vergnügungspark „Magic Kingdom“: Kunstwelt und Sehnsuchtsort, gebaut von einem milliardenschweren Unterhaltungskonzern. Die thematischen Motels mit Namen wie „Futureland Inn“ und „Magic Castle“ zeugen von besseren Zeiten, als die Menschen im Süden Floridas noch vom Tourismus profitierten. Heute leben in den temporären Unterkünften Familien ohne festen Wohnsitz. Im Schatten des „Magic Kingdom“ zeigt Amerika sein wahres Gesicht.

Sean Baker hörte zum ersten Mal von diesem Ort, als sein Drehbuchautor Chris Bergoch ihm einige Artikel über die Lebensumstände im Einzugsgebiet von Disney World, the happiest place on earth, zeigte. Baker hat einen ausgeprägten Sinn für das Leben an den Rändern der Gesellschaft. Im Mittelpunkt seines Regiedebüts „Prince of Broadway“ (2012) steht der ghanaische Migrant Lucky, der in den Straßen New Yorks mit gefälschten Markenware handelt. „Tangerine“ von 2015 dreht sich um eine Gruppe schwarzer Transfrauen, die am Weihnachtsabend auf dem Straßenstrich von Los Angeles arbeiten. Im Gegensatz zu vielen Kollegen, die sich bei ihren Beobachtungen der amerikanischen Gesellschaft mit der Rolle von Anthropologen begnügen, geht es Baker darum, periphere Milieus nicht aus der Außenseiterperspektive zu betrachten. Für ihn eine Frage des Respekts. „Ich mache meine Filme auch für die Menschen, die an diesen Orten leben“, sagt er beim Interview in Berlin.

Amerika überlässt die Menschen sich selbst

Wie könnte man das gegenwärtige Amerika besser beschreiben als anhand jener Orte, von denen sich der Staat sukzessive zurückgezogen hat? „Mein Film war von Beginn an diesen Ort geknüpft, obwohl es solche Billigmotels überall in den USA gibt. Entscheidend war für uns, dass sich das Motel in unmittelbarer Nähe von Disney World befindet, dieser Gegensatz motiviert den Film. Die Geschichte schrieben wir später.“ Und kann man eine Gesellschaft eindringlicher charakterisieren als im Umgang mit ihren schwächsten Gliedern, ihren Kindern?

Nominell ist der Star von „The Florida Project“ Hollywood-Veteran Willem Dafoe. Er spielt den Manager vom „Magic Castle“, macht eigentlich aber den Job eines Sozialarbeiters; für die Rolle Bobbys wurde Dafoe als bester Nebendarsteller für den Oscar nominiert. Die Hauptrolle gehört jedoch der siebenjährigen Moonee (Brooklynn Prince), die mit ihrer Mutter Halley (Bria Vinaite) in Bobbys Motel lebt. Für die Kinder ist der Komplex am Rand des Highways ein einziger Abenteuerspielplatz: der Geschenkeladen, über den ein riesiger Zauberer wacht, der Supermarkt in Form einer überdimensionalen Orange. Die Kinder toben durch diese Ikonografie eines vergangenen Amerikas.

Eine Kindergang mischt die Erwachsenenwelt auf

Moonee ist Anführerin der Kindergang und Baker muss im Grunde nicht mehr machen, als ihre unerschöpfliche Energie in langen Kamerafahrten einzufangen und in Bilder einer vermeintlich unbeschwerten Kindheit zu übersetzen. Alles ist ein Spiel: Wenn Moonee und ihre Freunde beim Herumstreunen versehentlich ein verlassenes Gebäude anzünden oder sie ihre Mutter beim Verkaufen von (auf dem Schwarzmarkt erworbenen) Eintrittsbändern für den Disney-Park begleitet. „Ich habe mir viele Filme über die Kindheit angesehen, ’Sie küssten und sie schlugen ihn’ von Truffaut oder ’Pather Panchali’ von Satyajit Ray“, erzählt Baker. „Aber der größte Einfluss war die Slapstickserie ’Die kleinen Strolche’, die zur Zeit der Großen Depression spielt. Mein Fokus liegt auf dem Chaos und dem Humor der Kids.“

Dafoe ist phänomenal als Bobby, der an seinen Mietern schier verzweifelt, sich seiner sozialen Verantwortung aber bewusst ist. Er steht als letzter zwischen ihnen und dem Sturz in die Obdachlosigkeit. Bobby respektiert den straßenschlauen Überlebensinstinkt Halleys, auch wenn ihm die junge Mutter mit ihrer großen Klappe und einer schlechten Zahlungsmoral das Leben zur Hölle macht. Für die Kinder wiederum ist Bobby eine Vaterfigur, er wird auch schon mal handgreiflich, wenn sich in der Nähe des Spielplatzes verdächtige alte Männer herumtreiben. Dafoe verkörpert den unerschütterlichen Humanismus von „The Florida Project“.

Der Kreislauf de Armut

„Der Film zeigt ein erschütterndes Bild vom Kreislauf der Armut“, meint Dafoe dazu am Telefon aus Los Angeles. „Auch Bobby lebt in dem Motel, er kennt also die prekäre Lebenssituation. Die Dynamik, die daraus entsteht, ist reizvoll. Ich habe für den Film selbst eine Weile in solchen Motels gelebt, es war mir wichtig, den Stolz der Menschen zu verstehen. Ich wollte nicht nur Informationen aus ihnen herausquetschen. Das mag ich an Seans Arbeitsweise, er hat die richtige Sensibilität für ein so heikles Thema. Es geht um konkrete Lebenserfahrungen, die einen Arbeitsprozess definieren.“

Gleichzeitig bricht „The Florida Project“ mit der Vorstellung, dass Filme über abgehängte soziale Milieus immer mit der Ästhetik des Miserabilismus spielen müssen. Bakers Film sprüht vor Leben, die Farben knallen – wie schon in dem auf einem iPhone gedrehten „Tangerine“, der die kalifornische magic hour, den Sonnenuntergang, im Kino verewigt hat. Die Schönheit dieser Lebenswelten liegt in den Bildern selbst, der Regisseur und sein Kameramann Alexis Zabe, der schon mit Carlos Reygadas gearbeitet hat, zwingen sie ihnen nicht auf. „Wir wollten Poesie, keinen magischen Realismus“, erklärt Baker.

Was die Arbeit mit Kindern angeht, verrät er noch einen Trick. „Wir haben auf 35mm-Material gefilmt, das hat geholfen, die Kinder zu disziplinieren. Wenn sie unkonzentriert waren, habe ich ihnen einfach erklärt: Das Geräusch, wenn der Film durch die Kamera läuft, das ist mein Geld. Das verstehen sie.“ Auch das US-Indiekino ist heute eine prekäre Ökonomie. Empathie wird da zu einem hohen Gut.

Ab Donnerstag in den Kinos

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