The Prodigy live in Berlin : Kopf aus, Feuer an

Die britischen Rave-Punk-Legenden von The Prodigy brachten die Berliner Max-Schmeling-Halle zum Ausrasten.

Allzeit aggro. Prodidgy-Sänger Keith Flint.
Allzeit aggro. Prodidgy-Sänger Keith Flint.Foto: imago/Eibner

Wenn The Prodigy in Berlin auftreten, dann ist das in etwa so, wie wenn der 1. FC Union im Stadion an der Alten Försterei aufläuft – Heimspiel halt. Laut, aggressiv, innovativ – kaum eine andere Band passt so gut in die Techno-Hauptstadt wie die 1990 gegründete Formation aus England. Mit der Verquickung von Acid House, Punk, Drum’n’Bass, Techno, Hardcore und Hip-Hop kreierte Mastermind Liam Howlett ein Monster von einem Sound, der den Wahnsinn und die Ekstase der Zeit in zwei epochale Alben und eine Reihe von spektakulären Musikvideos kanalisiert hat.

Das war einst – genau wie Berlin zehren The Prodigy vom Mythos der Neunziger. Dort sind sie im Grunde auch stehen geblieben – das aktuelle Album „No Tourists“, dessen Titel laut Howlett propagiert, ausgetretene Pfade zu verlassen, tut genau das nicht, sondern wildert fröhlich in der eigenen Vergangenheit. Aber was macht die Band live daraus?

Als die Lichter in der fast ausverkauften Max-Schmeling-Halle ausgehen, die ersten Bässe das Gebäude zum Vibrieren bringen, Keith Flint auf die Bühne springt und die ersten Zeilen von „Breathe“ ins Mikro schreit, ist klar – das wird gut. Das Energielevel ist ab Sekunde eins im roten Bereich und verlässt diesen bis zum Ende nicht. Dafür sorgen auch die rund 11 000 Besucher, die vor der Bühne immer wieder riesige Moshpits bilden.

Harte Beats, hohes Tempo

Rave-Punk-Ikone Flint ist das Maskottchen der Band: Hohe Schaftstiefel, weiße Hose, ein schwarzer Stern im Schritt, Hosenträger und der markante Doppel-Irokesenschnitt – ein auf Krawall gebürsteter Antiheld, der immer wieder das Mikro zum Phallus umfunktioniert und ständig von einem Rand der Bühne zum anderen tigert, als suche er jemanden, den er verprügeln kann. Wortführer indes ist Maxim Reality, der die meisten Gesangsparts übernimmt und immer wieder Slogans wie „Have no fear!“ oder „Who are my people?“ skandiert, passend zu ähnlich komplexen Songtiteln wie „The Night Is My Enemy“ oder „Invaders Must Die“.

Aber genau darum ging es immer bei The Prodigy: Kopf aus, Instinkte an. Mit einem Jaulen setzen die ersten Takte von „Voodoo People“ ein und lösen wie ein elektrischer Schlag pawlowsche Tanzreflexe aus. Unterstützt von einem Schlagzeuger und einem Gitarristen, dreschen Howlett und Co. die Beats mit Rammsteinscher Härte und dem Tempo eines entgleisenden D-Zuges aus den Boxen, während der Raum von zwei Dutzend wild flackernden Scheinwerferstrahlern zerhackt wird. Näher kommt man der Wirkung von Amphetamin wohl nicht, ohne selber welches genommen zu haben.

Sogar die neuen Songs zünden

Liam Howlett hält sich als musikalischer Kopf wie immer im Hintergrund an den Reglern. Er fällt nur einmal mit einer etwas merkwürdigen Geste auf, als er zum Bühnenrand geht, eine Piratenflagge hochhält und diese ohne Kommentar ins Publikum wirft. Da hält man sich dann doch lieber am hyperaktiven Maxim Reality, der mit der rhetorischen Frage „Who likes a little bit Drum’n’Bass?“ dankbaren Jubel auslöst.

Schon vor der Zugabe hat die Band alle Hits verballert, aber auch die neuen Songs wie „Need Some1“ zünden durchaus und mit „Light Up The Sky“ haben The Prodigy definitiv einen Treffer gelandet. Auf dem Album mag das überholt wirken – wie eigentlich schon bei ihrem Comeback von 2009 „Invaders Must Die“ – live hingegen funktioniert es hervorragend. Wenn Flint von rotem Licht angestrahlt am Bühnenrand steht und „I’m a troublestarter, punkin’ instigator!" keift, während man von der Wucht der Breakbeats beinahe nach hinten gedrückt wird, dann ist das genauso furchteinflößend und geil wie 1997, als man mit offenem Mund vor dem Fernseher saß und das erste Mal „Firestarter“ bei MTV gesehen hat.

Neue Sounds werden The Prodigy wohl nicht mehr erfinden, aber das Versprechen, dass sie einst gaben, halten sie heute ebenso ein wie damals: Wer zu einem Auftritt von The Prodigy geht, bekommt einen hervorragenden Anlass zum Ausrasten.

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