Thriller mit Juliette Binoche : Die Spielmeisterin

Sich selbst eine Geschichte geben: In dem französischen Liebesthriller „So wie du mich willst“ spielt Juliette Binoche eine Betrügerin.

Dunja Bialas
Die Literaturdozentin Claire (Juliette Binoche) gibt sich als junge Praktikantin aus.
Die Literaturdozentin Claire (Juliette Binoche) gibt sich als junge Praktikantin aus.Foto: Alamode Films

Auf das Gesicht von Claire (Juliette Binoche) fällt ein bläulicher Lichtschein. Sie sitzt im abgedunkelten Wohnzimmer und blickt gebannt auf den Monitor ihres Laptops. Die Kamera fängt jede ihrer Regungen ein: Sie ist entzückt, überrascht, ihre Augen leuchten – denn sie chattet gerade mit ihrem Liebhaber. Getroffen hat sie ihn noch nie und wird dies auch weiter tunlichst vermeiden: Für das Online-Dating hat sich die 50-jährige Literaturprofessorin eine gefakte Existenz zugelegt. Sie ist jetzt Clara, 24, die als Praktikantin in der Modebranche Fuß zu fassen versucht.

Safy Nebbou, der mit seinem Debütfilm „Der Hals der Giraffe“ den Liebhabern des neuen französischen Kinos in guter Erinnerung geblieben ist, hat in „So wie du mich willst“ die Geschichte eines sogenannten Catfish verfilmt. Unter falschen Angaben geht Claire eine virtuelle Liebesbeziehung mit dem jungen Mitbewohner ihres Ex-Liebhabers ein, der sie sitzen gelassen hat. Die Vorlage lieferte der gleichnamige Roman von Camille Laurens, einer Vertreterin des in Frankreich beliebten Genres der Autofiktion.

Ein reizvoller Thrill

Sich selbst eine Geschichte geben, sich mit der Maske eines Avatars ein Second Life erfinden, nachdem das eigene längst in festen Bahnen verläuft – das ist perfekt als autofiktionales Sujet. Im Original heißt der Film „Celle que vous croyez“. Die, der du glaubst: Das bringt die Perfidie des Catfishing auf den Punkt. Die Schraube wird in diesem Thriller aber mindestens noch zwei Drehungen weiterbewegt. Die Ereignisse werden von Claire in einer ausgedehnten Sitzung ihrer Therapeutin (Nicole Garcia) erzählt – auch noch in verschiedenen Versionen. Das erinnert an den „Rashomon-Effekt“, von dem sich Camille Laurens beim Schreiben leiten ließ: Sie erzählt multiperspektivisch, und am Ende weiß niemand mehr, was der Wahrheit entspricht.

So weit treibt der Film das Spiel zwar nicht, aber die Verunsicherung entfaltet einen reizvollen Thrill. Man geht ihr gerne auf den Leim, dieser Claire. Mit einem freien Lachen, den übermütig funkelnden Augen, dem schelmischen Blick verleiht Juliette Binoche ihrer Figur die Vitalität der Jugend. „Ich gab nicht vor, 24 zu sein, ich war 24“, sagt Claire einmal. Hier gibt sich eine Frau nicht mit der Rolle zufrieden, die ihr die Gesellschaft zugedacht hat: verheiratet, zwei Kinder, dann geschieden zu sein. Claires Geschichte ist auch eine Rache-Erzählung von einer, die die Bedingungen ihres Liebeslebens selber stellen möchte. Es turnt sie an, das Verlangen eines anderen zu wecken – und sich diesem Verlangen dann hinzugeben.

Schauspielerin des Begehrens

Juliette Binoche ist eine ikonische Schauspielerin des Begehrens. Seit Beginn ihrer Karriere verkörpert sie einen Frauentypus, der mit den Vorstellungen der anderen spielt, sei es in „Damage“, wo sie den Vater ihres Freundes in eine verhängnisvolle Liebschaft hineinzieht, oder in Claire Denis’ „Meine schöne innere Sonne“, in dem sie die wahre Liebe sucht, daran aber immer wieder scheitert und von einer Liebesbeziehung in die nächste gerät.

[In 9 Berliner Kinos. OmU: Bundesplatz, Cinema Paris, Hackesche Höfe, IL Kino, Kulturbrauerei, Rollberg, Xenon]

In „So wie du mich willst“ nimmt Binoche die Herausforderung an, über weite Teile als Anspielpartner vor allem ihr Laptop zu haben. Ein Solo-Part, der auch von der Einsamkeit ihrer Figur handelt: Binoche füllt diesen leeren Raum mit einer Mimik, die gleichsam mühelos das Alter wechselt, zwischen der 50-Jährigen, die sich verliebt hat, und der jungen Frau, als die sie sich ausgibt. Es ist ein Vexierbild, das wir alle von uns selbst kennen.

Juliette Binoche und Nicole Garcia, Claires strenge und ungläubige Therapeutin, tragen den immer wieder etwas betulich inszenierten Film, beide spielen mit großer Verve. Claire wird ermahnt, authentisch zu sein und sich nicht hinter einer Maske zu verstecken, was sie mit Augenrollen quittiert. Selbst wenn sie am Ende ihrer eigenen Illusion aufsitzt: Juliette Binoche bleibt die Spielmeisterin, in jeder Hinsicht.

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