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Geheimarbeit: Heinrich Kley malte 1913 die "Krupp'schen Teufel".
© LWL_Industriemuseum

Die Industrie im Blick von Malerei und Fotografie: Triumph der Maschine

Eine Ausstellung im Bucerius Kunstforum Hamburg zeigt, wie sich Malerei und Fotografie der industriellen Produktion zuwandten und sie abbildeten.

Nein, ganz vorbei ist das Industriezeitalter doch nicht, wie der Bau einer Elektroauto-Fabrik im Berliner Umland bezeugt. Noch gibt die Güterproduktion den Takt der Ökonomie. Vorbei ist eher das, was einmal den Kern der Industrialisierung ausmachte, die Schwerindustrie mit dem ihr vorgelagerten Bergbau.

Noch gibt es Restbestände, aber auch aus ihnen ist der Anteil der Menschenkraft zunehmend gewichen, ersetzt durch Maschinen und Automatisierung.

Den Siegeszug wie den Niedergang der Industrie spiegeln die Bilder, die das Bucerius Kunstforum Hamburg für seine Ausstellung „Moderne Zeiten. Industrie im Blick von Malerei und Fotografie“ zusammengetragen hat. (bis 26. 9.. Katalog bei Hirmer, 29,90 €. Mehr unter www.buceriuskunstforum.de)

Die beeindruckend weit gespannte, von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis heute reichende Ausstellung hebt an mit dem wunderbaren Gemälde der „Borsig’schen Maschinenbau-Anstalt zu Berlin“ von Carl Eduard Biermann aus dem Jahr 1847, einer Leihgabe der Stiftung Stadtmuseum Berlin.

Wolken und Rauch, was für ein Schauspiel!

Und sie endet mit Fotografien wie jenen von Timm Rautert oder Henrik Spohler, die die aseptische Atmosphäre von Datenzentren oder Roboterfabriken zeigen. Dazwischen aber liegt die heroische Zeit der Industrie, die der rauchenden Schlote und der Fördertürme, wie auch die des fürchterlichen Elends der Arbeiter in den Gruben und ihrer Frauen und Kinder, die auf Abraumhalden nach Kohlestücken suchen.

Das war einmal Thema der Kunst, die sowohl verherrlichte wie auch anklagte; für beides fand sich erstaunlicherweise dasselbe bürgerliche Publikum als Käufer. Eugen Bracht, gefeierter Akademiemaler, hielt 1906 die Hoesch-Stahlwerke in Dortmund als erhebenes Schauspiel von Wolken und Rauch fest.

In der belgischen Bergbauregion der Wallonie kulminierte die rücksichtslose Ausbeutung von Landschaft und Menschen, im „Pays Noir“, wie Constantin Meunier sein eindrucksvolles Gemälde von 1893 benannt hat. Nicht minder eindrucksvoll die Fotografie, wie sie etwa Félix Thiollier im Industriegebiet um Saint-Etienne, dem französischen Ruhrgebiet, betrieben hat.

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Malerei und Fotografie hielten sich in ihrer Aussagekraft zunächst die Waage, doch die Fotografie gewinnt. Sie kann die Präzision und Gleichförmigkeit der industriellen Fertigung in ihrer Hochphase zwischen den Weltkriegen kongenial zum Ausdruck bringen, weil sie selbst ein technisches Medium ist.

Die Neue Sachlichkeit der zwanziger Jahre ist die Sachlichkeit der Produktion selbst. Der menschliche Faktor erscheint zunehmend an den Rand gedrängt, wie die drei etwas verloren dastehenden Straßenarbeiter, die August Sander für sein Sammelwerk „Menschen des 20. Jahrhunderts“ porträtiert, oder erst recht Walter Ballhauses „Arbeitslose“ von 1930. In der Malerei kommt eine Art Surrealismus auf, wie bei Eugen Böhringer – die Technik entgleitet ins Mythische.

Schwarzweiß ist die angemessene Form der Wiedergabe

Nach dem Zweiten Weltkrieg erreicht die Fotografie in Westdeutschland um 1960 nochmals höchstes Niveau in den Arbeiten von Otto Steinert, Peter Keetman oder Ludwig Windstosser. In der DDR knüpft Evelyn Richter etwas später an die sozialdokumentarische Fotografie der Weimarer Zeit an, wie umgekehrt in der Bundesrepublik Bernd und Hilla Becher an die Neue Sachlichkeit. Bei ihnen gibt es keine Arbeitsprozesse mehr, sondern nur mehr die stillgestellte Schönheit des Objekts, von Hochofen bis Kühlturm.

Das Schwarz- Weiß der klassischen Fotografie scheint die der Industriethematik angemessene Form der Wiedergabe zu sein. In Farbe verlieren die Dinge ihre Prägnanz. Zwei interessante Beispiele an Malerei zeigt die Ausstellung in ihrem Schlussdrittel, Bernd Schwerings Industrielandschaft „Alsumer Berg“ von 2005 und Frank Bauers monotone „Stadt 3“ von 2019. Sie bilden in ihrer Detailgenauigkeit im einen, der Unschärfe in dem anderen Gemälde die Pole dessen, was realistische Kunst leisten kann.

Jürgen Nefzger setzt mit seinen trügerischen Idyllen von Alltagsszenen der Freizeitgestaltung, in denen klein im Hintergrund Atomkraftwerke auszumachen sind, so etwas wie den Schlusspunkt der Ausstellung. Mehr noch als der Auf- und Abstieg der Industrie in anderthalb Jahrhunderten frappiert, wie die Kategorie der Arbeit zwar nicht verschwunden, aber doch aus dem Blickfeld gerückt ist. Zumindest körperliche Arbeit: Bei der Herstellung von elektrischen Pkw, so liest man, kommen nur mehr Roboter zum Einsatz.

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