Türkischer Starautor im Porträt : Murathan Mungan, der Allesverweber

Anatolien trifft Istanbul: Murathan Mungan ist einer der bekanntesten Schriftsteller der Türkei. Derzeit lebt er in Berlin. Die Stadt hinterlässt Spuren in seinen neuen Werken.

Deniz Utlu
Unermüdlich. Murathan Mungan schreibt Gedichte, Märchen, Romane und Essays. Ins Deutsche wurde wenig übersetzt.
Unermüdlich. Murathan Mungan schreibt Gedichte, Märchen, Romane und Essays. Ins Deutsche wurde wenig übersetzt.Foto: Daniel Karmann/dpa

Es ist ein weiter Weg von Mardin nach Istanbul. Viel weiter als von Istanbul nach Berlin zum Beispiel. Weder mit einem Lineal in maßstabgetreuen Karten noch durch das Abzählen von Kilometersteinen lässt sich diese Distanz messen – vielleicht daher der Titel von Murathan Mungans Autobiografie „Das Landkartenmethodenheft“, denn 1955 in Istanbul geboren, ist er in Mardin aufgewachsen.

Das Stadtbild Mardins, mit den Steinhäusern, den Torbögen, den Höfen voller Leben, den artuqidischen Moscheen und aramäischen Kirchen, erinnert an alte anatolische Märchen. „Dort bin ich geboren. Dort aufgewachsen. Gestorben“, schreibt Mungan. Auf dem Gipfel des Berges, hoch über der Stadt, befindet sich die Festung. Man nennt sie Adlernest. Ihre beleuchteten Mauern, die sich um den Gipfel schlingen, sehen Reisende, die auf Mardin zufahren, nachts aus der Ferne leuchten.

Er bezeichnet sich als polygamen Schriftsteller

Aus dem vierten Stock einer Altbauwohnung in Charlottenburg – denn hier wohnt er seit Dezember als Gast des Berliner DAAD-Künstlerprogramms – sieht Mungan nachts ebenfalls ein Leuchten: ein weißer Lichtstreifen, angebracht über den Kneipen an der Hausfassade gegenüber, der die Ladenebene von der Wohnebene darüber trennt. Den ganzen ersten Teil eines Romans, an dem er arbeitet, hat Mungan aus Izmir nach Berlin verlegt, in diese Wohnung, in der die Protagonistin, so wie er, früh aufwacht und dann für ein paar Atemzüge frischer Luft auf den Balkon geht und darauf wartet, dass der Lichtstreifen erlischt: Jetzt beginnt ihr Tag.

Mungan bezeichnet sich als „polygamen Schriftsteller“, er arbeitet immer gleichzeitig an verschiedenen Texten, auch hier in Berlin. Einer davon erzählt von einer kurdischen Frau, die, alle Schleichwege in den Bergen kennend, Lotsin für die Guerilla gewesen ist, bis eine Mine ihr das Bein versehrt hat und sie nach Berlin, in diese Wohnung, geschleust wurde. Zudem arbeitet Mungan an dem Roman „995 Kilometer“, die Fluchtgeschichte eines Gotteskriegers, der gleichzeitig Tötungsaufträge der Regierung wahrnimmt. Vorlage sind einige nicht aufgeklärte Morde in der Türkei der neunziger Jahre. „Jener Zeit“, erklärt Mungan im Gespräch, „in der sich in der Türkei der politische Islam in Bewegung setzt und der Staat Kurden gegen Kurden aufstachelt.“ Er sagt: „Ich möchte mit den Mitteln der Literatur das Gedächtnis des Landes wachhalten.“

Ein neuer Roman spielt in Berlins öffentlichem Nahverkehr

An der Tür seines Arbeitszimmers kleben Post-its mit deutschen Vokabeln. „Zurückbleiben, bitte“, sagt Mungan auf Deutsch. So werde der Titel eines Buches lauten: „Berlin, zurückbleiben, bitte“, und zwar ganz gleich auf welcher Sprache das Buch erscheine, auch in der Türkei müsse der Titel deutsch bleiben. Ein Roman, der im öffentlichen Nahverkehr Berlins spielt, in den U-Bahnhöfen, S-Bahnen, Fußgängertunneln, Bushaltestellen – „mystische Berührungen zwischen den Menschen“ gebe es hier, die er auffangen wolle. Türkische Akademiker, die hier Zuflucht suchen, Geflüchtete aus Syrien, italienische Gastarbeiter, Menschen aus aller Welt, die sich hier täglich begegneten, manchmal unmerklich, manchmal tödlich.

Von Mungans umfangreichem Werk ist dem deutschsprachigen Publikum nur wenig bekannt. Einige Essays und Gedichte sind in Zeitungen und Zeitschriften erschienen. In Buchform wurden seine Märchensammlung „Palast des Ostens“, der kurze Roman „Tschador“ und zuletzt der Erzählband „Städte aus Frauen“ publiziert. Darin geht es immer wieder um Sexualität, Liebe, Einsamkeit im urbanen Raum, um Grenzen von Identität und die Unmöglichkeit einer Rückkehr in verlassene Heimaten. Die Wahl des Genres und der Perspektive sagt dabei meist ebenso viel über die Themen aus wie der Inhalt.

Mungan schreibt oft aus weibliche Perspektive

So erzählt Mungan etwa in „Städte aus Frauen“ 15 Begegnungen von je zwei Frauen in 15 verschiedenen Städten der Türkei – alles aus der Sicht der Frauen. Und auch seinen ersten Roman „High Heels“ schrieb Mungan aus Frauenperspektive. „Wann immer du dich außerhalb der Macht bewegst, hast du Schwierigkeiten“, sagt Mungan. Dies gilt auch für Frauen in einer patriarchalen Weltordnung. Die feudalen Strukturen Anatoliens verfestigten soziale Hierarchien, Rollenzuschreibungen für Männer und Frauen seien streng, die Regeln rigide. Mit dieser Erfahrung der siebziger Jahre ist Mungan als schwuler Mann in die Großstadt gezogen – erst als Student der Theater- und Filmwissenschaften nach Ankara, dann nach Istanbul. Dass er in seinen Werken immer wieder zur weiblichen Perspektive zurückkehrt, könnte anmaßend wirken. Vor allem dann, wenn er sie benutzt, um über Schwulsein und Homophobie zu sprechen und nicht über die Situation der Frau. Doch die Geschichten sind vielschichtig: Bei Mungan geht es oft um das eine, wenn es auch um das andere geht. Ohne über Geschlechter und Sexualität zu sprechen, können wir aus seiner Sicht nicht über Identität nachdenken.

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In seinen Texten verbindet er verschiedene Erzähltraditionen. So wirkt die Stadt Mardin, selbst wenn Mungan inhaltlich ganz in Istanbul oder sogar Berlin ist, formal in seine Texte hinein. Mardin ist knapp dreimal so alt wie die ältesten Städte Deutschlands, Trier oder Köln, und liegt nah der syrischen Grenze, weit im Osten Anatoliens. Das Panorama zeugt von dem Reichtum vieler verschiedener Kulturen, vergangener und gebliebener. Es handelt sich hier nicht um irgendeine Provinzstadt. „Mardin galt lange Zeit als Paris des Ostens“, sagt Mungan.

Mardin hat ihn die Vielfalt der Welt gelehrt

Die Geschichte scheint lange vor der Republikgründung angehalten zu sein. In seinem autobiografischen Erzählband „Dämonen des Geldes“ – ein Vorgänger des „Landkartenmethodenhefts“ – erinnert sich Mungan an seine Kindheit, in der er seinen Vater bei Dienstfahrten begleitete. Auf einer dieser Fahrten beobachtet der junge Murathan, wie ein Mann, gefangen in einem gezeichneten Kreis, mit Steinen beworfen wird. Man sagt ihm, dass dieser einer Minderheit angehöre, für die Pfauen und Kreise heilig sind. Unmöglich für ihn, den Kreis zu verlassen. Er schreibt: „Diese Stadt mit ihren verschiedenen Kulturen, Sprachen, Glauben hat mich die Vielfalt der Welt und die Wichtigkeit der Unterschiede gelehrt (…). Den schönsten arabischen Gebetsgesängen und lateinischen Hymnen habe ich zeitgleich gelauscht. Kurdische Lieder und Gesänge habe ich an den Abgründen meines Herzens gehört“. Rührt es vielleicht daher, dass Mungan sich auf kein Genre festlegen mag und dass er weniger nach einem einzigen grundlegenden Gefühl – zum Beispiel die Melancholie eines zerfallenen Imperiums – sucht, das die Menschen seiner Stadt gemeinsam haben, sondern sein Ausgangspunkt immer die Vielheit bleibt?

Mungan hat die anatolische Kultur aufgesogen, bevor er nach Istanbul kam, und mit ihr die für diese Kultur bedeutendsten Literaturformen: Märchen und Gedichte. Allerdings reproduziert er die jahrhundertealten Märchen nicht einfach. Er bettet sie in die neue Istanbuler Welt ein, die auch seine geworden ist, und seziert mit ihnen die Beziehungen der Stadtmenschen. Beispielsweise in seinem 1994 veröffentlichten „Märchen der Nacht“, das Menschen in einem Istanbuler Nachtklub beschreibt, die auf Partnersuche sind. Dazu verwendet er einen Märchentypus, der aus „Tausendundeine Nacht“ bekannt ist: Kleine, abgeschlossene Geschichten werden miteinander verkettet. Indem Mungan auf solche Erzähltraditionen zurückgreift, trägt er einerseits ein Stück Mardin, ein Stück Osten in den Westen, andererseits bricht er, indem er sie niederschreibt, mit der für diese Tradition nicht unwichtigen Oralität.

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In seinem umfangreichsten Werk, dem „Roman des Dichters“ – Auszüge daraus hat er kürzlich auf dem Internationalen Literaturfestival in Berlin vorgestellt –, erreicht er das durch paradoxe Rückgriffe: Der Roman spielt auf einem anderen Planeten, auf dem die Gesellschaft eben gerade nicht marktwirtschaftlich strukturiert ist. Eine der Protagonistinnen ist eine Dichterin, die nicht lesen und schreiben kann – ihre Schülerinnen lernen ihre Verse auswendig und tragen diese weiter, vergessen sie wieder, wenn die Dichterin das verlangt. Der Text ist ein Appell zur Poetisierung der Welt, formuliert aber Prosa und keine Verse.

Mungan ist ein Autor der Großstadt. Der Junge aus Mardin ist dort gestorben, als Mungan für sein Studium nach Ankara aufbrach. Den „mystischen Berührungen“ folgt er aber weiter, bis hinab in das Berliner U-Bahn-Netz.

Lesung und Gespräch: DAAD-Galerie, Oranienstr. 161, 28. 9., 19 Uhr

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