Umbau von Adolf Hitlers Geburtshaus : Unbequemes Denkmal

Von Giebeln gekrönt: Adolf Hitlers Geburtshaus in Braunau am Inn soll Polizeistation werden. Dafür wird es ins Jahr 1750 zurückgebaut.

Jürgen Tietz
Amerikanische Truppen verhinderten die Sprengung von Hitlers Geburtshaus im österreichischen Braunau am Inn.
Amerikanische Truppen verhinderten die Sprengung von Hitlers Geburtshaus im österreichischen Braunau am Inn.Foto: Lino Mirgeler/dpa

Aus den Augen, aus dem Sinn, denkt man sich in Österreich, wenn es um das Geburtshaus von Adolf Hitler in Braunau am Inn geht. Für Umbau und Erweiterung hat das österreichische Innenministerium einen Architektenwettbewerb ausgelobt, dessen explizites Ziel es war, die Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus aus dem Erscheinungsbild zu tilgen.

Mit ihrem siegreichen Entwurf wollen Marte.Marte, die in Berlin derzeit das „Dokumentationszentrum Vertreibung, Flucht, Versöhnung“ am Anhalter Bahnhof realisieren, die Zeit gleich bis ins Jahr 1750 zurückdrehen. „Lange bevor Hitler geboren wurde“, heißt es im Erläuterungsbericht. 

„Störende Veränderungen“ sollen eliminiert werden. Künftig von zwei Giebeln gekrönt, sieht das Haus dann ebenso heimelig aus wie seine Umgebung. Ergänzt um zurückhaltend moderne Anbauten wird es Teil eines Ensembles, das als Polizeistation dienen soll.

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Hitlers Geburtshaus wird zum Polizeiquartier
Hitlers Geburtshaus wird zum Polizeiquartier

Ende gut, alles gut in Braunau am Inn? Leicht hat man es sich in Österreich tatsächlich nicht gemacht. So wurde im Vorfeld des Wettbewerbs eine interdisziplinäre Expertenkommission einberufen. Sie plädierte dafür, dass die „besondere Aura“ des Ortes „dekonstruiert und entmystifiziert“ wird, um ihn nicht zur nationalsozialistischen Pilgerstätte werden zu lassen

Der österreichische Verfassungsgerichtshof urteilte, dass „dem Gebäude dauerhaft seinen Wiedererkennungswert und damit seine Symbolkraft“ genommen werden solle. Der damalige österreichische Innenminister Wolfgang Sobottka forderte dagegen 2016, das Haus ganz abzureißen

Die Antike hatte für ein derartiges absichtsvolles Entsorgen von Erinnerung den Begriff der damnatio memoriae geprägt. Dahinter stand die Hoffnung, wenn man nur alle Bilder und Schriften einer unerwünschten Person auslöschte, würde diese Person schon aus der Geschichte verschwinden. Die Problematik dieses Konzeptes liegt auf der Hand, das war schon vor der digitalen Moderne so.

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Trotzdem versucht man sich in Österreich gerade mit einem Umschreiben von Geschichte, das fatal an George Orwells dystopischen Roman „1984“ erinnert. Doch warum sollte man das im Kern wohl spätmittelalterliche Geburtshaus nicht auf einen früheren Zustand zurückbauen? 

Schließlich war es nicht nur Geburtshaus Hitlers, sondern diente lange als Bürgerhaus und Brauerei, ehe es die Nationalsozialisten ab 1938 umbauten. Amerikanische Truppen verhinderten nach dem Zweiten Weltkrieg seine Sprengung. 

Danach diente es kurzzeitig als Gedenkstätte, Bücherei, Schule und schließlich als Werkstätte für Behinderte. 2016 wurde das seit 2011 ungenutzte Haus enteignet, da dem Staat der Kauf zuvor nicht gelungen war, um einen möglichen Missbrauch zu unterbinden.

Haltung einer Gesellschaft zu ihrer Geschichte ablesbar

So sprach- wie ratlos steht man vor dem Ergebnis des Architektenwettbewerbs und möchte lautstark „Nein“ rufen. Es geht im Fall von Hitlers Geburtshaus nicht darum, Zeitschichten restauratorisch freizuschälen, um noch ein klein wenig mehr oder weniger 18. Jahrhundert herauszukitzeln. Es geht auch nicht um ein behutsames Weiterbauen an der historischen Stadt. 

Bei Hitlers Geburtshaus geht es in erster Linie noch nicht einmal um Architektur. Es geht um den Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit: an einem Ort, der tatsächlich weder Täter- noch Opferort ist und dem doch eine historische Dimension zukommt. Hitlers Geburtshaus kann als ein „unbequemes Denkmal“ par excellence gelten, wie es der Denkmalpfleger Norbert Huse einmal bezeichnet hat.

Darin, wie mit einem solchen ungeliebten, unbequemen Erinnerungsstachel im Fleisch der Gegenwart umgegangen wird, lässt sich die Haltung einer Gesellschaft zu ihrer Geschichte ablesen. Etliche andere Wege im Umgang mit dem Gebäude wären denkbar gewesen. 

Versuch, sich unter der Geschichte wegzuducken

So haben die Berliner Springer Architekten im Wettbewerb vorgeschlagen, die Hülle des Hauses mit Bauschutt und Erde zu verfüllen und anschließend mit Bäumen zu bepflanzen, da die Bindung an Hitler eben nicht aufzulösen sei. Dafür wurde ihnen ein Sonderpreis zuerkannt.

Die Braunauer Rückbaufantasie erweist sich als Versuch, sich unter der Geschichte wegzuducken, indem man ihre Objekte unsichtbar macht. Das besitzt den üblen Beigeschmack einer Schlussstrichdebatte. Doch indem man die Relikte des „Dritten Reichs“ aus Angst oder Faulheit entsorgt, anstatt sie zu erklären und zu kontextualisieren, schleicht man sich aus der historischen Verantwortung. 

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Das gilt für Hitlers Geburtshaus übrigens genauso wie für die gleichermaßen irritierenden NS-Skulpturen auf dem Berliner Olympiagelände. Wer Geschichte entsorgt, anstatt sie zu erläutern, hat bereits verloren.

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